Anna und der König
(Anna and the King)

USA, 148min
R:Andy Tennant
B:Anna Leonowens (Tagebücher),Steve Merson
D:Jodie Foster,
Chow Yun-Fat,
Ling Bai,
Syed Alwi,
Tom Felton
L:IMDb
Inhalt
Erzählt wird die (wahre) Geschichte der britischen Lehrerin Anna Leonowens (Jodie Foster), die um 1860 nach Siam gebeten wird, um dort die Kinder des Königs Mongkut (Chow Yun-Fat) zu unterrichten - nach westlichen Maßstäben. Vorhersehbar, daß Anna nicht jeden Brauch und jede Tradition in Siam unkommentiert weiterexistieren lassen kann. Sie erfährt das Schicksal einer jungen Konkurbine, die Ihre Liebe für den König aufgeben muß, den Konflikt Siams gegenüber der britischen Kolonialarmeen und den Krieg gegen die Burmesen. Trotz der unterschiedlichen Lebenseinstellungen bahnt sich eine Liebesbeziehung zwischen ihr und dem König an, von der beide wissen, daß sie innerhalb der kulturellen Gegensätze keine Chance haben wird.
Kurzkommentar
"Anna und der König" ist klassisches Kino von seiner schönsten Seite - gewaltig ausgestattet und mit zwei tollen Schauspielern. Allen, die diese Art von konventionellem Unterhaltungskino noch nie zugesagt hat, sei gesagt, daß sie auch von "Anna und der König" nicht eines besseren belehrt werden. Diejenigen jedoch, die sich mal wieder einem wahren Märchen hingeben wollen, bekomme es auch beinahe in Perfektion geliefert.
Kritik
Zugegebenermaßen konnte ich sogenannten "Schnulzen"-filmen schon immer einiges abgewinnen. Wenn sie Stil haben und nicht zu dick auftragen, versetze ich mich gerne in die Situation verliebter Menschen, die ihre Hoffnungen - dank hollywood'schem Qualitätsrezept - meist in einem Happy-End erfüllt sehen. Gewissermaßen stellt "Anna und der König" dann auch einen würdenvollen Vertreter dieser Filmgattung dar und schon aus diesem Grund finde ich es bedauerlich, daß diese Art des klassischen "Märchens" in der Presse eher moderat wegkam. Doch dazu später mehr ...

Um aufzuzeigen, was "Anna und der König" alles ist, sollte man die Dinge aufführen, die er nicht ist und sich dann den Rest vorstellen. "Anna und der König" ist weder ein sonderlich packendes, noch hochspannendes Drama. Es ist keiner dieser Historienfilm mit übermächtigen Herrschern, epischen Schlachten oder tiefsinnigen Intrigen. Dem Zuschauer wird also weder ein bahnbrechender Monumentalstreifen wie "Braveheart" noch eine ausgefeilte Liebesgeschichte wie in diversen Kleopatra/Cäsar Historienadaptionen geboten.
Doch was bleibt jetzt noch übrig ? Das wesentliche ! Das, was ich bei manchen modernen Filmen vermisse - Konventionalität. Ja, richtig gelesen : ist der Ausdruck "konventionell" bzw. "gewöhnlich" in der Filmbranche zum gemeinen Schimpfwort verkommen (siehe vor allem "American Beauty"), so bin ich heilfroh, daß mit "Anna und der König" endlich mal wieder ein Film über die Leinwand flimmert, der dem Zuschauer genau das bietet, was der zugehörige Trailer, das Artwork oder einfach nur das Filmposter verspricht : eine (hoffnungslose) Liebe zwischen zwei völlig unterschiedlichen Menschen, ein Plädoyer an die Hoffnung, die Familie und an Menschlichkeit in einer Zeit und in einem Land, in dem nicht mit Messer und Gabel gegessen wird. Dem Zuschauer wird die schon fast als "klassisch" beschreibbare Handlung eines Kultur- und Religionsgegensatzes geboten, in der eine charakterstarke Witwe versucht, etwas "westlichen Fortschritt" in eine vermeintlich zurückgebliebene Kultur zu bringen. So sehr der gutmütige, tolerante König Mongkut auch um diese Art des "westlichen", in gewissem Maße emanzipatorischen und meinungsbildenden Unterricht gebeten hat, so sehr muß er auch einsehen, daß sich die teils völlig unterschiedlichen Lebensauffassungen der Engländerin Leonowens und der Buddhisten im Allgemeinen nicht innerhalb kürzester Zeit vereinen lassen. Schmerzlich erfahren müssen das beide, als die Exekution der Konkurbine Tuptim und ihrer Liebe unausweichlich ist und die Authorität des Herrschers bei Eingreifen in das bestehende "Rechtsprinzip" untergraben würde. Hinzukommt, daß des Königs Wille nach Modernität natürlich Gegner und unvermeidbar auch Verräter hervorruft, die die Existenz des gesamten Königreichs bedrohen.
Dieses Geschehen wird - gemäß dem großzügigen Budget von 92 Mio. $ - dann auch von Regisseur Andy Tennant ("Fools Rush In") teils gigantisch umgesetzt. Im Gegensatz zu vergleichbaren Filmen wurde bei "Anna und der König" kaum mit computergenerierten Bauten und vor dem Blue-Screen agierenden Schauspielern gearbeitet. Alles, von den kleinen Kostümen der Kinder, bis hin zum verzierten Palast, wurde original- und vor allem historientreu nachgebaut, was eine gewisse Bildgewalt unterstreicht. Die festliche Ausstattung ist schon fast oskarverdächtig und wird zumindest um eine Nominierung wohl nicht herum kommen. Und wie ich finde hat Regisseur Tennant dabei den Blick auf die unterschiedlichen Charakter nicht aus den Augen verloren, sondern solide Regiearbeit abgeliefert, die dem Geschehen immer gerecht wird. Apropos "oskarverdächtig" : wenngleich ich den Amerikanern wieder mal ein biederes Festbeißen auf einen bestimmten Film zutraue, der dann in allen denk- und undenkbaren Kategorien mit Auszeichnungen überschüttet wird ("American Beauty" ist so ein Kandidat), so hege ich dennoch die Hoffnung, daß George Fenton für sein kompositorisches Meisterwerk in der Kategorie "Beste Musik für ein Drama" geehrt wird. Schauspielerisch muß ich sagen, daß sowohl die charismatische Jodie Foster als auch der ebenso ausdrucksstarke Chow Yun-Fat beinahe unterfordert erscheinen. Im wahrsten Sinne des Wortes meistern beide spielerisch die Anforderungen Ihrer charakterstarken Rollen und wissen durch Gestik und Mimik sofort zu überzeugen. Vor allem Chow Yun-Fat gefiel mir exzellent und - um es etwas platt zu formulieren - er war einfach nur cool. Sein Gesichtausdruck bot immer die richtige Mischung aus Charme, Toleranz und Willenskraft.

Alles in allem fehlt es dem Film nur an einer kontinuierlich steigenden Spannungskurve - rein dramaturgisch stellt die Exekution nach zwei Drittel des Films den eigentlichen Höhepunkt dar, wenn auch das Ende zu überzeugen weiß. Und - damit komme ich wieder zu den bisherigen Pressestimmen - die Konventionalität innerhalb Story, Aufbau und Entwicklung wird wohl vielen negativ aufgefallen sein. Aber wie gesagt : wer sich einfach mal wieder zurücklehnen will, um einen klassischen Film mit prächtigen Bauten und Schauspielern zu genießen, liegt bei "Anna und der König" goldrichtig.

Äußerst konventionelle, aber in diesem Rahmen wunderbar dargebrachte Historienromanze


Thomas Schlömer