An deiner Seite
(Story of Us, The)

USA, 94min
R:Rob Reiner
B:Jessie Nelson,Alan Zweibel
D:Bruce Willis,
Michelle Pfeiffer,
Rita Wilson,
Rob Reiner
„Tonight i saw myself through your eyes”
Inhalt
Bei Ben und Kate Jordan (Bruce Willis und Michelle Pfeiffer) scheint die Oberfläche zu glänzen: seit 15 Jahren sind sie verheiratet, finanziell abgesichert und haben zwei Kinder. Doch zusehends wird der Alltag zur Belastung und häufige Auseinandersetzungen entzünden sich an nichtigen Kleinigkeiten. Ihre Beziehung scheint am Nullpunkt angelangt, die Scheidung steht kurz bevor. Um die Kinder nicht zu verletzen, geben sie sich ihnen gegenüber als glücklich vereinte Eltern. Als der Nachwuchs in den Sommernferien allein wegfährt, scheint für Ben und Kate die Zeit gekommen, Vergangenheit wie Gegenwart zu bewältigen, ihre Beziehung zu retten oder sich mit dem Ende abzufinden.
Kurzkommentar
Rob Reiner ("Harry and Sally") bewies in der Vergangenheit ein Gespür für treffend ausgestaltete Romanzen, aber "An deiner Seite" ist nicht romantisch, nicht konsequent humorvoll und ebensowenig ergreifend. Zwar wurde der Niedergang einer Ehe selten so glaubwürdig gespielt, insgesamt tritt das zähe Drama jedoch auf der Stelle und bewahrt sich allenfalls durch die Hauptdarsteller und einige schön formulierte Sentenzen vor der totalen Langeweile.
Kritik
Im Kino wird formvollendeter gelitten als im wirklichen Leben. Während sich die Ehescheidung in der Realität unzählige Male vollzieht und fast so selbstverständlich wie die Heirat geworden ist, wird in Hollywood fleißig Ursachenforschung betrieben. Unendliche Meinungsverschiedenheiten, die sich aus Übersättigung am Partner und der konfliktschürenden Gleichförmigkeit des Ehealltags speisen, machen aus den Liebenden schweigend Hassende.

Die Frage der Schuldzuweisung schwebt über allem, nach 15 Jahren Ehe ist das Vertrauens- wie das Kommunikationsverhältnis gestört, man lebt sich ratlos auseinander, zieht sich in sich zurück und erblickt in den Augen des Anderen nichts mehr außer Skepsis. Es ist auch die Suche nach Ordnung im unplanbaren Chaos des Lebens, nach eindeutigem Recht und Unrecht, die Sehnsucht nach einer Ehe, in der ohne Misstrauen ewig harmonisch alles ausdiskutiert und über nichts geschwiegen wird - der gläserne Mensch als Ideal? Aber man ist nunmal so, wie man ist, nämlich paradox, und irgendwann droht die Gefahr, dass es in Freundschaft wie Ehe nur noch "It´s over" heißt - ohne die Möglichkeit der klar einsichtigen Auflösung, denn schon längst ist es unsinnig, sich noch der Illusion hinzugeben, die Schuld träfe immer nur den Anderen. Es ist dann der ewige Kreislauf von unbewusstem Angriff und Verteidigung, der alle Problemlösungsstrategien über den Haufen wirft. Erneutes Zueinanderfinden ist auch nicht durch Perspektivenwechsel, sondern nur durch gegenseitige Vergebung zu erreichen, durch Rückbesinnung auf das, was am Anfang des Dilemmas stand.

Rob Rainer, der mit "Harry ∓mp; Sally" eine gelungene Beziehungskomödie vorlegte, drehte mit "An deiner Seite" ein moralisch sicher reaktionäres Drama. So ist unschwer zu erraten, dass die Familienidylle am Ende ebenso wiederhergestellt ist wie die Liebe der Ehepartner, denn an völliger Demontage hat hier niemand Interesse. Der fiktionalen Aufgabe des Kinos wird im inhaltich schön referierten, aber mächtig überladenen Happy-End Rechnung getragen. Es war ja alle schließlich halb so schlimm. Die Schwäche des Films liegt nicht in seinem konservativen Strickmuster, sondern in der melancholischen Ziellosigkeit, in die sich Rainer verliert. Immerhin fällt der Streifen nicht unter das inflationär breitgetretende Genre der "romantischen Komödie". Zu Lachen gibt es nicht viel, nur einige Nebendarsteller unterhalten in wenigen Szenen über die Bedingungen der Sexualität und des Menschseins.

Was bleibt, ist nicht wirkliche Ödnis, aber ein schwergängiges, mitunter wirklich deprimierendes Auswälzen und Bedauern der ehelichen Kalamitäten. Immerhin kann die stiltechnische Idee überzeugen, Ben und Kate in wenigen Sequenzen direkt in die Kamera ihre Gefühle schildern zu lassen, um damit den Zuschauer zu einer Art wertneutralen Beurteilungsinstanz zu erheben. Aber die aus unserer Perspektive zu erkennende Wahrheit ist eben auch ihre, nur realisieren sie es nicht: man ist da in etwas scheinbar Auswegloses verstrickt, das aus der Distanz betrachtet wie der dauernde Kampf mit der eigenen Unzulänglichkeit wirkt. Und die einzig denkbare Katharsis ist: "Vergessen wir´s, ich liebe dich".

Das cholerische Streithammeltum überrascht dennoch mit einigen treffend formulierten Einsichten in Verhaltens- und Denkmechanismen, die nach 15 Jahren Ehe zur Krise führen. Und sie sind vortrefflich gespielt. Bruce Willis kämpft nicht länger mit Superterroristen, sondern mit der viel schwerer zu handhabenden Ehe. Seine Darstellung ist sensibel und glaubwürdig in jeder Minute, "stimmig" ist das Zusammenspiel mit Michelle Pfeiffer, der die leicht hysterische Rolle maßgeschneidert passt. Das differenzierte und souveräne Spiel entschädigt einigermaßen für die schwunglose Geschichte. Zudem ist Rainers Erzähltechnik, die Momente aus der Vergangenheit geschickt mit der Gegenwart verknüpft und so die zunehmende Problematisierung gekonnt nachzeichnet, nicht zu verachten. Die variationsarme Musik von Eric Clapton bestärkt indessen den Eindruck, dass die Ehe das Ritual der ewigen Wiederholung ist.

Unterm Strich ein antriebsloser Film des Verfalls und Überwindungskraft der Liebe. Die Melancholie lässt die Distanz zum Zuschauer nur selten bröckeln, das Ehegezeter zerrt trotz kurzer Spieldauer an den Nerven. Die einzigen Argumente für "An deiner Seite" sind die sympathietragenden Darsteller und der minimale Erkenntnisgewinn. Aber das macht das Leben wohl auch nicht leichter.

Handwerklich sicherer Seelenschmerz mit einlullender Nebenwirkung


Flemming Schock