American Psycho

USA, 102min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Mary Hannon
B:Bret Easton Ellis,Mary Hannon
D:Christian Bale,
Willem Dafoe,
Chloë Sevigny,
Reese Witherspoon
„..., aber selbst dann gibt es keine Katharsis”
Inhalt
Patrick Bateman (Christian Bale) ist ein wohlhabender, gepflegter, topmoderner junger Mann, dem man neben gewisser Arroganz eigentlich nur seinen Hang zu Serienmorden vorwerfen kann. Aber wer käme schon auf solche Hobbies. Niemand ahnt etwas. Allzu sehr fügt sich Bateman perfekt in den New Yorger Mikrokosmos aus Drogenkonsum und des Dummrumstehens, als dass hinter seiner perfekten Fassade Unregelmäßigkeiten vermutet werden könnten. Seelenruhig bringt er Unliebsame um, ohne von einem Detective (Willem Dafoe) nennenswert aus der Ruhe gebracht zu werden.
Kurzkommentar
Mary Hannon wagte sich an das Undenkbare und verfilmte das kontroverseste Buch der letzten zehn Jahre. Dabei gelingt Christian Bale als fühlloser, gieriger Schlächter eine bemerkenswerte Leistung, insgesamt wird der Albtraum des Buches und seine orgienhafte Gewalt, die weder reduziert noch hätte dargestellt werden dürfen, in eine zu beruhigende Konvention gezwängt.
Kritik
Endlich ist jetzt das geschehen, was unvermeidlich und doch unmöglich war: der Versuch, dem "American Psycho" eine filmische Entsprechung zu geben. Denn letztlich kann kein Roman, sei er noch so unverdaulich und auf die Phantasie seines Lesers angewiesen, der Verwurstung durch Hollywood entkommen. Bret Easton Ellis, der Autor des Werkes, das für einen Aufschrei von Amerika bis nach Europa sorgte, dachte beim Verfassen seines Experiments sicher nie an die Möglichkeit einer Filmversion, war doch die vermeintliche Satire auf den hedonistischen Kapitalismus der Yuppie-Kultur der 80er unvorstellbar gewalttätig und monoton. Man konnte das Buch ob seiner Unzumutbarkeit, des Auswälzens von minutiös geschildeter Mordorgien und oberflächlichem Philosophieren über Markenartikel und Musikstücke auf über fünfhundert Seiten nur hilflos hassen oder es sich als totale Dröhnung geben.
Aufgrund der überzogenen Gewalt wollte es Ellis als zugespitzte Karikatur, als Explosion eines sinnentleerten Konsumsklaven verstanden wissen, dessen äußere Scheinhülle nie eine innere hatte. Ob man bei der Lektüre nun schmunzelte oder sich übergeben musste, ob man es als Anleitung für Psychopathen oder als eines der wichtigsten Romanwerke der 90er titulierte - kaum ein anderes Buch korreliert stärker mit der Vorstellung seines Lesers und ist noch immer so aktuell, weil sein Zeitgeist als Chiffre gleichzeitig zeitlos, also auch auf heute übertragbar ist. Doch nun kommt Hollywood und weist das Monster Patrick Bateman, durch den Ellis in der schrankenlosen Ausdehnungsfähigkeit des Buches gleichsam das potentiell Böse in uns selbst als Metapher reflektierte, in seine Schranken und zurück in die 80er. Das Erschreckende wird quantifizierbar und reduktionistisch zugleich.

Das Buch galt auch zurecht als unverfilmbar, weil die Selbstzensur Hollywoods den Gewaltexzessen einen Riegel vorschieben und dem Leerstellenmonster Bateman ein Gesicht verpassen muss. Dabei sollte es nur eine Vorstellung im Kopf des Lesers und nicht den einen Patrick Bateman geben. Regisseurin Mary Hannon ("I shot Andy Warhol") wusste, dass es für die krasse Maßlosigkeit der Vorlage kein wirkliches Pendant geben konnte, denn wo sonst Roman- und Filmdramaturgie analog sein können, tritt Ellis enervierendes Wüten jede Spannungs- und Entwicklungskurve mit Füßen. Und vielleicht hat Hannon Ellis´ Hammerschlag das Beste abgerungen, was überhaupt denkbar war. Die Gewalt musste unsichtbar, ins Unterbewusste verbannt und die Satire in Batemans Markenidentität verlegt werden.

Dass man dabei dennoch in Serienkillerkonventionen abdriften würde, war vorprogrammiert. Es fehlt das Explosive und die Bestie Bateman scheint abgerichtet, fast gebändigt. Man mag Hannon nun vorwerfen, dass es gerade ihr Fehler ist, mit "American Psycho" einen unterhaltsamen Film vorgelegt zu haben, aber insgesamt ist ihre Kuriositätentour durch den Megakapitalismus und seine Menschen, die nur noch bloße Objekte sind, eine gelungene Satire. Ihr mangelt es bloß an Spannung und selbstreferentiellem Charakter, denn wo wir in Ellis Buch die Realität allein durch die subjektive Perspektive des Monsters wahrnehmen, sehen wir den Batemans des Films zu lange von außen. Dadurch wird die Hauptfigur leichter fassbar, aber glücklichweise nicht psychologisch plausibler. Und auch wenn es ihn nicht geben durfte, ist Christian Bale wohl die idealste Wahl für Patrick Bateman. Kühl gibt er seine bisher beste Schauspielleistung und zeichnet gefährliche Oberflächlichkeit, die in eine Tiefe blicken lässt, die es gar nicht mehr gibt. Die restlichen Darsteller, auch Willem Dafoe, werden konsequenterweise zur reinen Stafette. Hannon bildet die wichtigsten Sequenzen der Vorlage ab (mit der Kettensäge geht sie sogar darüber hinaus) und Bale demonstriert Bateman als groteske, Luxusartikel anbiedernde Hüllenfigur ohne Sensiblität.

Emotionale Regung ist nur noch im Tötungsrausch und in dekadenter Konkurrenz zu den Teamkollegen seiner Brokerfirma möglich. In der grandiosten Szene des Films treibt Hannon die Absurdität des Identitätswettstreits im Vergleich von Visitenkarten auf die Spitze, deren feine Distinktionen für uns unerkennbar, für Bateman allerdings persönlichkeitsentscheidend sind. Mit seinesgleichen definiert er sich nur noch durch Designeranzüge und den Status der Restaurants, die für tagtägliche Geschäftsessen aufgesucht werden. Und bevor er seine Opfer dahinschlachtet, hält er groteske Kurzvorträge über das vermeintlich tiefe, medititative Wesen der Musik von Whitney Huston oder Phil Collins. Hinter allen Marken erstickt und versinkt der Mensch. Als detonierte Zerrfigur der oberflächlisten Existenz, die mit Konsequenz in Mordlust mündet und trotzdem keine Katharsis bietet, da außer ihr niemand die Verzweifelung zu erkennen vermag, ist Hannons "American Psycho" durchaus gelungen. Als Bateman am Telefon seine Bestialität seinem Anwalt beichtet, der alles nur für einen schlechten Witz halten kann, inszeniert die Regisseurin die Serielkillerkarikatur, an der es bis dahin mangelte.

Vielleicht hätte mit mehr schwarzem Humor, mehr konventioneller Spannung durch Gewalt einen deutlicheren Effekt erzielen können. Aber auch so ist in Christian Bales steinernem Gesicht der ausdruckslose Schrecken eindrucksvoll festgehalten. Trotzdem scheint die Metapher über das Psychopathische in uns be- statt entgrenzt und in eine allzu einfache Form verwiesen, die allerdings einen Blick wert ist.

Darstellerisch hervorstechende, gleichzeitig aber zu zahme Satire


Flemming Schock