American Beauty

USA, 121min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Sam Mendes
B:Alan Ball
D:Kevin Spacey,
Annette Bening,
Thora Birch,
Wes Bentley,
Mena Suvari
L:IMDb
„Morgens hole ich mir unter der Dusche einen runter. Das ist der Höhepunkt meines Tages, von da an gehts nur noch bergab.”
Inhalt
Lester und Carolyn Burnham aus Anytown, USA, führen nach aussen hin eine gute Ehe. Doch die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Noch langen öden Jahren beschliesst Lester, sein leben radikal zu ändern, was nicht ohne Folgen bleibt. Seine Frau, seine Tochter und seine ganze Umgebung gebärdet sich auf einmal, wie es sich für eine amerikanische Kleinstadt ganz und gar nicht gehört.
Kurzkommentar
Für amerikanische Verhältnisse mag die Story eine Demaskierung, das Verhalten ein (herbeigesehnter) Affront und die Offenheit der Sexszenen ein Skandal sein, hierzulande dürfte die Aufregung weniger gross sein, weshalb die Beurteilung als zweitbester Film aller Zeiten (IMDB) doch etwas fragwürdig ist.
Kritik
Früher, ja früher, da war alles noch einfacher. Im Film gab's die Guten und die Bösen, und in den anständigen Filmen waren die Guten die Helden, und die Bösen am Ende tot oder sonst irgendwie schachmatt gesetzt. In den etwas anspruchsvolleren Filmen war's nicht ganz so einfach, aber wenigstens machte einem die Aussage deutlich, dass der entsprechende Film bitteschön zu den intelektuellen gezählt werden wollte. Heutzutage sind die Guten nicht mehr gut, die Bösen nicht mehr böse, und vor allem sind die intelektuellen Filme meist jenseits von gut uns böse, und die guten meistens nicht intelektuell. Mitgekommen? Wahrscheinlich haben Sie keine Ahnung, wovon ich gerade rede, aber das wird sich ändern.

Mit diesem letzten Satz endet 'American Beauty', und lässt uns allein im Kinosessel. Während Mäntel und Jacken zusammengeklaubt werden und sich dunkle Gestalten an einem vorbei drängen, sitzen wir im Kinosessel, starren auf den langweiligen Abspann und fragen uns, was wir da gerade gesehen haben. Irgendwie fragen wir uns das in letzter Zeit immer öfter, ob bei Fight Club, The Limey oder Ghost Dog. Wir erheben uns, suchen Orientierung und Halt im grünen Notausgang-Schild, und als uns die kalte Abendluft empfängt, sind wir zu einer ersten Feststellung bereit: Anette Bening und besonders Kevin Spacey sind grossartige Schauspieler. Während wir über den Platz vor dem Kino schlendern schnappen wir die schlaglichtartigen Meinungen auf, die von "Boah, war der mies" über das leicht undifferenzierte "Boah" bis hin zu "Der war wirklich so gut, wie man liest" reichen. Dermassen in unserer Meinung bestärkt versuchen wir, einen systematischen Zugang zu finden, denn die spontane Eindrucksebene hat den Film noch gar nicht verarbeitet, ist noch zu keinem leicht verständlichem Urteil bereit.

'American Beauty' heisst der Film, und im Untertitel werden wir zu einem 'look closer' aufgefordert, wir sollen also genauer hinsehen. Was sehen wir? Tatsächlich, die Familienidylle wird sehr schnell demontiert, die oberflächliche Harmonie demaskiert. Zum Vorschein kommt Langeweile, aufgestaut in Jahren des Älterwerdens und der Gewöhnung. Routine und Alltag als Killer des Besonderen. Auch die Tochter des Ehepaares Burnham, Jane, ist betroffen, auch ihr stehen im Verlaufe der Story noch einige Überraschungen bevor. (Achtung, ab hier Spoiler!) Die bemerkenswerteste Figur ist wohl die des Ricky Fitts, der durch Drogen Lester neue Wahrnehmungsdimensionen eröffnet und Jane durch seine Sensibilität aus den Fängen ihrer oberflächlichen Freundin raubt. Alle diese Details sind ausführbar und interpretierbar, ein eigenes Thema wäre beispielsweise die Rolle der Drogen als Schlüssel zur eigentlichen Identität oder die Frage, ob Drogendealer sensibel sein können. Viele Details werden angerissen, die gleichsam als Schnitte durch die Hülle der Vordergründigkeit betrachtet werden können, die uns einen Blick auf die dahinterliegenden Wünsche und Vorstellungen ermöglichen. In einer klassischen Inszenierung käme nach der vollständigen Demaskierung die Katharsis (Reinigung) sowie die Wendung zum Guten. Zweifelfrei würde uns gezeigt werden, dass man seine zwangsweise angenommene Rolle ablegen und als neuer Mensch weiterleben kann. Oder, notfalls als Kontrast, wäre auch eine völlige Eskalation denkbar.

Doch 'American Beauty' verzichtet auf diese Ausgänge. Tatsächlich haben sich am Ende alle Figuren irgendwie gewandelt. Mir scheint jedoch die Hauptfrage zu sein, wohin sie sich gewandelt haben. Allen Schlüsselfiguren ist eines gleich: Sie streben nach Anerkennung, und sie glauben diese verwirklicht im Sex. In der Kopulation mit dem jeweiligen Traumpartner erleben die Figuren ihre Höhepunkte des Glücks, sehen sich am Ziel ihrer Wünsche. Unterstrichen wird dies durch die -besonders für einen amerikanischen Film- ungewöhnliche Tatsache, dass alle wesentlichen Figuren mindestens einmal nackt zu sehen ist.

Welche Rolle spielt nun diese Selbstverwirklichung durch Sex? Ist sie ernst gemeint? Möglich wäre die Interpretation, dass Autor und Regisseur tatsächlich davon ausgehen, mit diesem animalischen Befreiungsschlag die grösste Stufe der Freiheit erreicht zu haben - besonders glaubwürdig scheint das jedoch kaum. Viel eher bietet der höchst hinterhältige Satz 'look closer' den Schlüssel. Wer annnimt, in der Erfüllung der Sexualität sei das Endziel erreicht, dem empfiehlt der Autor in gemeiner Weise, genauer hinzusehen, noch genauer. Nicht umsonst ist auf dem Plakat, direkt neben der Aufforderung, ein nackter Frauenkörper zu sehen. Und wer sich noch nicht zufrieden gibt, dem liefert der Satz den Schlüssel: Nach dem es mit der 'American Beauty' nun zu Ende ist, werden wir ein weiteres Mal auffgefordert, genauer hinzusehen. Was sehen wir diesmal? Wir sehen die junge Angela, die gerne Sex mit wichtigen leuten gehabt hätte, am Ende jedoch nur den Loser Lester bekommt, wir sehen Lester, der in seinem Wunsch nach Zügellosigkeit und seinem Streben nach Anerkennung durch die junge Lolita in Wirklichkeit einer Jungfrau gegenüber steht, und wir sehen Jane, die Sensibilität sucht, und einen Drogendealer bekommt, mit der Perspektive, in NewYork in Kartons zu wohnen. Auch die weiteren Figuren finden letztlich kein gutes Ende, doch nirgendwo ist es so auffällig und klar wie bei den genannten.

Letztlich ist es kein Wunder, dass Lester die Erfüllung in seinem Tod findet. Sehen wir genauer hin: Wann stirbt er? Um es mit seiner Sprache zu sagen: Nach einem guten Fick und einem kalten Bier. Das also ist das höchste Glück des amerikanischen Mannes, soviel zu seiner Schönheit. In dieser idealistischen Interpretation, die dem Film hohe Aussagekraft und moralischen Anspruch bestätigt, könnte der Schlüssel zu seinem Erfolg in Amerika liegen. Geschickt verpackt, marktgerecht durchsetzt mit guten Schaupielern, witzigen Stellen und nackter Haut ermöglicht er einen nicht allzu schmerzhaften Blick hinter diverse Fassaden, zugleich sieht man sich nicht genötigt, die eigene Lebensweise zur Disposition zu stellen. Allzuhohe Ansprüche stellt die Story nicht gerade, teilweise bleibt die Charakterzeichnung etwas oberflächlich. Das Schlimmste: Der Film erlaubt jedem jederzeit, auszusteigen, den Film an einer bestimmten Stelle zu beennden und ein für sich genehmes Fazit zu ziehen. Gewissermassen Low-Cost-Psychologie und Light-Moral. Kalorienfrei, liegt nicht schwer im Magen, gut zu verdauen. Die leichte Portion für zwischendurch. Zusammen mit den erwähnten hervorragenden Qualitäten, besonders den Schauspielern, ergibt das eine zwar positive aber nicht euphorische Bewertung, die auch den überlegenen Blick von Europa über den Ozean beinhaltet: So ganz treffend scheint mir der Film für hiesige Verhältnisse nicht zu sein. Aber vielleicht sollten wir nur genauer hinsehen.

Gekonnte Demaskierung gesellschaftlicher Lügen, jedoch ohne bindende Kraft und nur Amerika-kompatibel


Wolfgang Huang