American Beauty

USA, 121min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Sam Mendes
B:Alan Ball
D:Kevin Spacey,
Annette Bening,
Thora Birch,
Wes Bentley,
Mena Suvari
L:IMDb
„Morgens hole ich mir unter der Dusche einen runter. Das ist der Höhepunkt meines Tages, von da an gehts nur noch bergab.”
Inhalt
Lester und Carolyn Burnham aus Anytown, USA, führen nach aussen hin eine gute Ehe. Doch die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Noch langen öden Jahren beschliesst Lester, sein leben radikal zu ändern, was nicht ohne Folgen bleibt. Seine Frau, seine Tochter und seine ganze Umgebung gebärdet sich auf einmal, wie es sich für eine amerikanische Kleinstadt ganz und gar nicht gehört.
Kurzkommentar
Lustvoll zerstört der Brite Sam Mendes die ironisch überspitzte Schauseite amerikanischen Philistertums. Künstlerisch gerahmt und perfekt zwischen Farce und Tragik des Seins ausbalanciert, ist 'American Beauty' bitter und schön wie das wirkliche Leben, doch andererseits genauso künstlich wie das, was er zu kritisieren vorgibt.
Kritik
Die Analogie von 'American Beauty' und 'American Dream' legt es nahe: Sam Mendes tragikomische Gesellschaftssezierung möchte das Zerplatzen des 'verlogenen' amerikanischen Traums zelebrieren. Aber was ist die Illusion vom 'American Dream'? Schon immer war sie Gemeinplatz und leere Formel für den Wunsch nach einem Leben voller Selbstverwirklichung, Glück und Freiheit im Land 'der unbegrenzten Möglichkeiten'. Dass die Realität anders aussieht, ist die Kehrseite, die dem Traum jedoch nichts anhaben kann. Nur hat er sich gewandelt und scheint sich von der Gegenwart zu entfernen, die sich ernüchtert um einen Ersatztraum für die bürgerliche Mittelklasse bemühte - sicher nicht mehr die Urvorstellung vom 'american way of life'. Das Klischeebild des in scheinhafter Ordnung, in gekünsteltem Glück und seelischem Abgrund lebenden Spießbürgertums, dessen Hinterhältigkeit schon an der Gartenzaungrenze beginnt, war geboren.

'American Beauty' - so lautet der Name der im sterilen Vorgarten gezüchteten Rose. Mendes nutzt sie als Stilmittel und Metapher für die bröckelnde Kleinbürgeridylle, als alptraumhafter Gegenentwurf des genuinen 'American Dream'. Das ist wiederum nur der komödienhafte Rahmen für Mendes` eigentliche Botschaft, nämlich die eines sinnentleerten, eines unendlich traurigen und zugleich unendlich schönen Lebens, das zu schnell vom Tod überschattet wird. Diese Einsicht ist banal und natürlich nicht nur Spießbürgern zueigen. Aber so, wie Mendes sie neben überzogener Gesellschaftskritik ausstaffiert, ist sie es wert, erneut erzählt zu werden.

Er schafft es, Altbekanntes durch wunderschöne Bilder und außergewöhnliche Schauspieler zu 'pushen'. Schon die Plotgestaltung ist bemerkenswert und bricht mit traditioneller Erzählstruktur. Mittels des foreshadowing-Effekts (Vorblende) teilt uns der Ich-Erzähler mit, dass er in einem Jahr tot sein werde und leitet sozusagen posthum den Handlungsablauf ein. Die Vorwegnahme des Filmendes mit dem Tode des Hauptdarstellers ist der einzige Bruch in der linearen Plotstruktur, der Spannung eliminiert. Mendes lenkt das Augenmerk des Zuschauers geschickt auf andere Elemente. Von vornherein wird so die Tragik in der Figur des Lester Burnham deutlich. Sein Seelenleben ist durch Verlust von Idealen, Arbeitsmonotonie, Kommunikationsunfähigkeit und sexuelle Frustration verkrüppelt - also die 'typische' Psychose der Midlife-Crisis.

Wird Lester, der gelangweilte Versager, zum Helden des Zuschauers, als er aus dieser 'Lähmung' ausbricht? Mitnichten, denn seine Verwirklichung scheint sich allein um Sex zu drehen, um den Traum, mit der lasziven Nymphe Angela zu schlafen. Seine Sinnsuche ist purer Hedonismus, er denkt sich zurück in die Zeit, als man noch vögelte und jung war. Auf den ersten Blick (aber wir müssen ja genau hinsehen) reduziert sich der Lebenstraum auf Sex und Drogeneskapaden. Ohne Kevin Spacey, dessen zynische Kommentare die Moral Lesters unanfechtbar machen und die Fassaden entblättern, wäre 'American Beauty' nicht denkbar. Die anderen Darsteller sind nicht weniger brilliant. Lesters Frau sucht Sex UND Materialismus. Seine deprimierte Tochter scheint völlig illusionslos und erfährt erst durch Ricky den Blick das Wunderbare der Welt.

In einer Gesellschaft, in der Schein, Besitz und Lüge alles und Natürlichkeit nichts mehr ist, sieht sich jeder auf seine verletzte Seele zurückgeworfen. Um die Scheinidylle weiss jeder, doch komischerweise wird mehr oder weniger resignativ mitgespielt. Lester, der als einziger aus der Reihe der Betäubten tanzt, muss den Preis dafür zahlen. Wie es anders aussehen könnte? Mendes weiss es nicht, er seziert nur den Seelenzustand des 'postmodernen', entwurzelten Menschen. Ist sein Porträit somit zwar 'ohne bindende Kraft' und ratlos dadurch, dass die Psychogramme überspitzt und damit wieder banalisiert werden, so ist es gleichzeitig bewegend. Denn es stellt fast poetisch existentielle Begrifflichkeiten dar: Grausamkeit und Schönheit, Tod und Vergänglichkeit, Liebe und Lust. All das dokumentiert Nachbarsjunge Ricky mit der Videokamera für sich, der auf der Suche nach Schönheit ist, und für die, die unfähig geworden sind, wachsam wahrzunehmen. Seine wenigen Sätze evozieren sein empfindsames Beobachten und bilden mit die stärksten Momente in einem Film, der auch von grandioser Montage lebt. Präzise, ironisch-leichte Musik unterstützt die Farce akustisch und fügt sich perfekt in das nachhaltige Bildarrangement.

Vor allem die atemberaubend schöne Einbindung der Rosenblüten mit vielschichtigem Symbolgehalt (Liebe, Jugend, Unschuld, aber auch trügender Schein) bleiben in Erinnerung. Das traditionelle, vierstufige Plotschema mit linearem Handlungsablauf (Exposition, Komplikation, Höhe-oder Wendepunkt, Auflösung) ist - wie Wolfgang kritisiert - eher experimentell eingesetzt, was aber nicht unbedingt nachteilig auswirkt. Worin liegt also die Moral, die Glückseligkeit der Einzelnen, wenn letztenendes alles in der Schwebe bleibt und keine eindeutige Position bezogen wird?

(Achtung, Spoiler!) Nur von Lester erfahren wir, während die Kamera wieder gen Himmel fährt, durch posthume Sentenzen eine simple, gar nicht abstrakte Philosophie der Dankbarkeit an jeden Moment dieses Lebens. Und letztendlich war es das, was Lester wollte und es ist das, was die anderem immer noch suchen und partiell gefunden haben: einfaches, inmaterielles Glück, Würde und Harmonie, erzeugt durch menschliche Wärme und Bewußtsein für das Wunder 'Welt'. Alle gesellschaftlichen Komplikationen in 'American Beauty' erwuchsen allesamt aus Unfähigkeit zum ungekünstelten sprachlichen und sozialen Austausch, also aus Missverständnissen. Lesters Erfüllung und Sinnfindung besteht somit (der zweite, genauere Blick) doch nicht in Sex und Bier, sondern darin, von einem Menschen in nur einem Moment noch einmal verstanden zu werden und einem anderen das gleiche Gefühl gegeben zu haben. Dann kommt der Tod. Als Ricky dem Toten in die geöffneten Augen sieht, erkennt er, dass Lester im richtigem Moment die Schönheit der Welt noch einmal spürte - und lächelt.

Mendes Querschnitt durch die Wünsche und Abgründe der menschlichen Seele bestickt gerade durch ihren nur andeutenden Charakter, denn die Menschen 'sind nunmal so, wie sie sind' - eine Katharsis liegt fern, dafür sind die Menschen zu paradox ('...,aber irgendwann werden Sie verstehen'). Die nicht zu verhehlende Schwäche liegt in der etwas abgenutzten Kritik am überspitzt gezeichneten Spießbürgertum. So wirkt die Vorgartenkulisse und der Habitus der Darsteller phasenweise so, als ob auf Klischees rumgeritten würde, die mit der Wirklichkeit nicht mehr viel gemein haben. Aber es bleibt ja doch nur eine bitterböse, schräge Familiensatire über die menschliche Diskrepanz von Schein und Sein sowie deren Vergänglichkeit.

Schräge Sinnsuche in amerikanischen Spießbürgersozietäten


Flemming Schock
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
Für amerikanische Verhältnisse mag die Story eine Demaskierung, das Verhalten ein (herbeigesehnter) Affront und die Offenheit der Sexszenen ein Skandal sein, hierzulande dürfte die Aufregung weniger gross sein, weshalb die Beurteilung als zweitbester Film aller Zeiten (IMDB) doch etwas fragwürdig ist....