Mondmann, Der
(Man on the Moon)

USA, 102min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Milos Forman
B:Scott Alexander, Larry Karaszewski
D:Jim Carrey,
Danny DeVito,
Courtney Love,
Paul Giamatti
L:IMDb
„Das ist nun wirklich nicht witzig”
Inhalt
Andy Kaufman (Jim Carrey) hat einen Traum: er möchte Komiker werden. Nicht irgendeiner, sondern der berühmteste der Welt. Durch eine Elvisimitation macht er auf sich aufmerksam und schafft es tatsächlich, in den Unterhaltungsolymp aufzusteigen. Nur widerwillig stimmt er zu, in einer Sitcom mitzuspielen, da sein Verständnis von Humor ein gänzlich anderes ist. Zusehends beginnt er mit seinen Auftritten die Zuschauer zu beeinflussen, bricht Regeln des korrekten Geschmacks, bis niemand mehr nachvollziehen kann, was in Wahrheit gespielt ist und was nicht.
Kurzkommentar
Höchst beeindruckend mit welchem Feingefühl Milos Forman das Leben des exzentrischen Komikers Andy Kaufmans auf die Leinwand gebracht hat. Mangelt es insgesamt etwas an Zugkraft und Straffung, so ist Jim Carreys Auftritt als fast schon genialer Unterhalter Kaufman definitiv sehenswert. Auf ausgeklügelste Weise wird zudem ein Spiel mit dem Zuschauer des Films getrieben, welches perfekt mit der Verhaltensweise Kaufmans mit dessen Publikum harmoniert. So werden intelligente Filme gedreht.
Kritik
Merkwürdig ist er ja schon, der neue Film von Milos Forman, der schon mit "Amadeus" eine gefühlvolle Biographie eines leicht verrückten, aber genialen Künstlers auf die Leinwand brachte. Betrachtet man außerdem die anderen wegweisenden Klassiker, die unter seinen Fittichen entstanden sind, so wird einem die Klasse des Regisseurs umso mehr bewußt : "Einer flog über's Kuckucksnest", "Hair" oder auch der umstrittene Streifen um den amerikanischen Pornographie-Publisher Larry Flint. Jeder Streifen war in seiner Zeit (oder auch heute noch) gleichweise provokativ und ungemein unterhaltsam. Und auch "Der Mondmann" erfüllt diese Kriterien - nicht mal so sehr durch seine Provokation, sondern vielmehr durch seinen Unterhaltungsgrad.

Dabei ist Grimassengymnast Jim Carrey natürlich das Filmelement schlechthin, mit dem der Film steigt und fällt. Glücklicherweise muß er keine tierischen Gesichtsdeformationen vornehmen, sondern allein seine lockere Gestik und Mimik spielen lassen, die hier absolut glaubwürdig und passend wirkt. Immerhin ist das hier keine Biographie über Jim Carrey, sondern über erwähnten Andy Kaufman, der wohl realer nicht rübergebracht werden kann. Schauspielerisch bewegt sich der Film somit auf höchstem Niveau - konnte man Carrey bei der "Truman Show" noch einen gewissen Weichei-Faktor zuschreiben, so ist sein Auftritt als Mondmann fast schon genial.

Daß der Film nämlich auf gewisse Weise derart bemerkenswert vielschichtig ist, liegt zum einen am tollen Schauspiels Jim Carreys, zum anderen aber vor allem an der tollen Regieleistung Formans. In der Geschichte des Fernsehens hatte wohl niemand anderes als Kaufman ein solch merkwürdiges, weil provokatives Verhältnis zu seinen Zuschauern. Er will - wie wohl jeder Komiker - von seinen Zuschauern geschätzt und geliebt werden. Aber die Methode, mit der Andy Kaufman das erreichen will und vor allem der festen Überzeugung ist, daß dieser Weg unweigerlich zum Erfolg führen muß, ist ebenso bedauerlich wie krass : er spielt seinem Publikum etwas vor, was er gar nicht ist, er regt es zum Lachen und zum Weinen an, gibt ihnen immer das, was sie überhaupt nicht erwarten und glaubt felsenfest, daß er so immer interessant und beliebt bleibt.
Das letztendliche Scheitern dieses einmaligen, innovativen und intelligenten Unterfangens ist nun darin begründet, daß das Publikum für diese Art der "gehobenen" Unterhaltung einfach nicht reif war. Ob das nun an Kaufman's einfach zu undurchsichtigen Auftritten oder an der Intelligenz der Zuschauer lag, sei erst einmal dahingestellt. Fakt ist, daß Kaufman nicht als Standardkomiker seine 0815-Abendprogramme runterrasseln wollte - er wollte immer und überall etwas vollkommen anderes bieten, nie einen Gag zweimal bringen - es sei denn, die Pointe steht noch aus (was die vielen Catching-Events begründet). Leider versäumte es Kaufman oftmals, den Zuschauer letztendlich über die Pointe aufzuklären, weshalb seine Auftritte notwendigerweise von den meisten mehr und mehr als unaustehlicher Trash aufgenommen wurde - ein Fehler, der Kaufman im Prinzip seine Karriere gekostet hat.

Und wäre diese hochinteressante Entwicklung eines mißverstandenen Komikers, die unweigerlich Mitleid provoziert (erinnernd an "Forrest Gump"), nicht schon genug Stoff für einen äußerst kurzweiligen Kinofilm, so ist das Ende (und damit die Pointe) des Films ebenso als beinahe genial einzustufen. Der Zuschauer bekommt einerseits mustergültig das Schema des typischen Kaufman-Humors vorgeführt, wiegt sich immer auf der wissenden Seite, wie Kaufman sein Publikum vorführt und fühlt sich dementsprechend "sicher", und prompt bekommt er andererseits zum Ende vorgeführt, wie leicht er doch zu manipulieren ist. Er war kein Stück "schlauer" als das Publikum Kaufmans und das, obwohl er es eigentlich besser hätte wissen müssen. Die eigentliche Leistung für diesen feinfühligen Aufbau des Films fällt dabei natürlich auf Milos Forman, der Kaufman's Wesen perfekt auf die Erwartungshaltung des Zuschauers übertragen hat und somit das Überraschungsmoment immer auf seiner Seite hat - großes Lob !

Mir fallen noch viele kleine Details ein, die ich am "Mondmann" äußerst bemerkenswert fand (der Wunderheiler, der letzte Auftritt, Kaufmans Freundin und sein Umgang mit Krebs), was aber nicht darüber hinweg täuschen soll, daß der Mittelteil mit den häufigen Catch-Events zwar nicht uninteressant, aber zu ausführlich ausgefallen ist. Ebenso wirken Kaufmans angerissene Kindheitserlebnisse deplaziert und unnötig - vor dem Hintergrund des weiterhin mysteriösen wahren Ichs Andy Kaufmans sind diese Ausführungen nicht von Belang. Jedoch ein weiterer Pluspunkt : nie wird gesagt oder angedeutet, daß Andy Kaufman schizophren, verhaltensgestört oder durchgeknallt ist: bis zur letzten Sekunde (und darüber hinaus) wird nicht eindeutig Stellung bezogen, was ich Forman ebenso hoch anrechne, wie Flemming es schon getan hat.

Den Leistungen Jim Carreys zum Trotz wird auch sein Auftritt in "Der Mondmann" seine Hasser nicht vom Gegenteil überzeugen. Dazu ähnelt er dem realen Andy Kaufman wohl auch zu sehr: scheinbar völlig durchgeknallt und mit seltsamen Humor ausgestattet. Allen anderen sei "Der Mondmann" hingegen wärmstens ans Herz gelegt : der Film ist darstellerisch und inszenatorisch einfach zu bestechend.

Raffiniert, intelligent, witzig : Andy Kaufman


Thomas Schlömer