Mondmann, Der
(Man on the Moon)

USA, 102min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Milos Forman
B:Scott Alexander, Larry Karaszewski
D:Jim Carrey,
Danny DeVito,
Courtney Love,
Paul Giamatti
L:IMDb
„Das ist nun wirklich nicht witzig”
Inhalt
Andy Kaufman (Jim Carrey) hat einen Traum: er möchte Komiker werden. Nicht irgendeiner, sondern der berühmteste der Welt. Durch eine Elvisimitation macht er auf sich aufmerksam und schafft es tatsächlich, in den Unterhaltungsolymp aufzusteigen. Nur widerwillig stimmt er zu, in einer Sitcom mitzuspielen, da sein Verständnis von Humor ein gänzlich anderes ist. Zusehends beginnt er mit seinen Auftritten die Zuschauer zu beeinflussen, bricht Regeln des korrekten Geschmacks, bis niemand mehr nachvollziehen kann, was in Wahrheit gespielt ist und was nicht.
Kurzkommentar
Der Biographie des exzentrischen Komikers Andy Kaufman wird Milos Forman ("Einer flog über das Kuckucksnest") in einem merkwürdigen Film gerecht, der ohne Grimassenmeister Jim Carrey nicht funktioniert hätte. Klug enthält sich die Darstellung einer eindimensional psychologischen Erklärung. Seine ridiküle Komikvision ist aber weder sonderlich konsequent noch abwechslungsreich entwickelt, als Vehikel für einen wandlungsfreudigen Carrey aber sehenswert.
Kritik
Andy Kaufman dürfte hierzulande unbekannt sein, der erfolgreichste Komiker seiner Zeit war er auch in Amerika nicht. Er starb früh nur fünfundreißigjährig. Das war in den siebziger Jahren. Aber er hatte eine bis dato unbekannte Vision der Unterhaltung, die er nicht nur spielte, nicht nur nach außen trug, sondern verinnerlichte und lebte. Komik war für ihn nicht ritualmäßig zu berechnender, nach gleichgültiger Gunst des Publikums heischender Schenkelklopferhumor. Vielmehr entdeckte er die suggerierende Kraft des Grotesken, des Provokanten, die Publikumsverführung- und Steuerung, in dem er wie ein Chamäleon seine Identitäten wechselte, die Differenz zwischen Schein und Sein auflöste und sich die simple Erkenntnis zunutze machte, dass Hass ebenso wie Liebe ist, nur intensiver.

Als Agitator heizte er das leicht zu manipulierende Publikum mit aggressiven Rollen an, involvierte es zu einem festen Bestandteil seines Komikerdaseins, hinter dem sich der private Andy Kaufman bald auflöste. Aber ist es wirklich "witzig", durch förmliche Demagogie das Publikum gegen sich aufzuhetzen, das provokante Missverständnis zum Showprinzip zu machen und das Leben nur noch zu spielen? Kaufman tat nichts anderes, als die im Allgemeinen vergessene Polysemie der Worte "Witz" und "Komik" auszukosten, nämlich "Scharfsinn" und "Originalität". Wenn der konsternierte Programmleiter im Film moniert, dass Kaufmans Possen "nun wirklich nicht witzig" seien, waren sie neben polarisierender Stimmungsmanipulation genau das. Weil Kaufmans Rollenspiel immer auch einen Teil seines jeweiligen Ichs reflektierte, blieb er für alle ein Rätsel - und interessant.

Der oscardotierte Regisseur Milos Forman ("Amadeus") drehte zuletzt die Biographie des Pornoverlegers Larry Flint. Ist seine Zeichung des sich selbst fremden Menschen Kaufman auch nur halbwegs realistisch, wirft sich aus heutiger Sicht ein Problem auf, das das Funktionsprinzip des Filmes weniger wirksam macht: so anarchistisch ist er gar nicht. Ob man lacht oder durch merkwürdigen Gestus unterhalten wird, ist egal, aber ist der Film schockierend und durchweg kurzweilig? Nein, bis heute brachte das Fersehzeitalter weit wahnsinnigere Gestalten hervor, so dass für Kaufman und den Humor von Formans Streifen in vielen Szenen nur Achselzucken und Gähnen übrigbleibt.

Die zweite Ebene, auf der Formans Film hätte fahren können, ist die erklärende Schiene. Doch das, was sicher zur Filmbiographie motiviert hat, wird nicht angerührt: das Geheimnis seines Denkens. Kaufman sagt, er muss, um interessant zu bleiben, seinem Publikum immer einen Schritt voraus sein, immer das tun, was man nicht von ihm erwartet. Das mag damals gewirkt haben, bei Forman ist es bald nicht mehr spektakulär. Ein tieferer Blick hinter die Kulissen hätte nicht geschadet, aber entschleiert wird hier nichts, was einerseits zum Vorteil gereicht, da es reduzierend gewesen wäre, mit freudschem Ansatz gegen Ende zu sagen "Darum war´s so". Trotzdem: dadurch, dass Forman eher deskriptiv als interpretierend arbeitet und versucht, das schräge Wesen Kaufmans möglichst objektiv abzuhandeln, wirkt seine Figur hüllenhaft hingestellt. Zudem fehlt eine stringente Entwicklung der Persönlichkeit völlig. Alles, was Forman pro forma bietet, ist eine beziehungslose Szene aus Kindertagen, es folgt ein tiefes Loch und dann heißt es vom erwachsenen Kaufman bereits, dass er der weltweit größte Star werden wolle.

Ein dezentes Erklärungsgerüst hätte nicht geschadet, aber immerhin kann Jim Carrey beste Arbeit leisten. Der Film scheint förmlich für ihn entworfen, seine sonst deplazierten Hampeleien und irrsinnigen Gesichtsgymnastiken sind mehr als nützlich. Er versetzt sich absolut charismatisch in Kaufman, beginnt ihn praktisch zu atmen und hüllt es andeutungsvoll in Rätseln, was dessen Wesensart ausmacht. Auch sein schräge Parodie in der Figur des Tony Clifton ist köstlich. Der letzte Lacher ist jedenfalls seiner. Das ganze Leben, ein Witz. Ob er Missverständnis wollte oder missverstanden wurde, ob er reduzierter Komiker oder genialischer Künstler war, darüber schweigt sich Formans Widmung aus. Bleibt die Vision auch blass, Jim Carrey als geheimnisvoll leuchtende, entfernte Metapher irgendwo zwischen Tragik und komischem Extremismus ist einen Besuch wert.

Bravourös gespielte, merkwürdig tragikomische Vita mit Detailschwächen


Flemming Schock
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
Höchst beeindruckend mit welchem Feingefühl Milos Forman das Leben des exzentrischen Komikers Andy Kaufmans auf die Leinwand gebracht hat. Mangelt es insgesamt etwas an Zugkraft und Straffung, so ist Jim Carreys Auftritt als fast schon genialer Unterhalter Kaufman definitiv sehenswert. Auf ausgeklügelste Weise wird zudem ein Spiel mit dem Zuschauer...