Rufmord - Jenseits der Moral
(Contender, The)

USA, 126min
R:Rod Lurie
B:Rod Lurie
D:Gary Oldman,
Joan Allen,
Jeff Bridges,
Christian Slater
L:IMDb
„Aber Politik ist auch die Fortsetzung des Krieges”
Inhalt
Nach dem Tod des amerikanischen Vizepräsidenten muss dessen Position neu besetzt werden. Der amtierende Präsident (Jeff Bridges) favorisiert Senatorin Laine Hanson (Joan Allen) als Nachfolgerin. Als ihre politischen Gegner, angeführt vom Konkressmitglied Shelly Runyon (Gary Oldman), einen Sexskandal aus ihrer Vergangenheit aufdecken, muss sie um den Erhalt ihrer moralischen und politischen Integrität kämpfen.
Kurzkommentar
Mit knapp zweijähriger Verspätung erreicht Rod Luries intelligente wie spannende Politsatire nun auch uns. Genießerisch und schonungslos seziert "Rufmord" die fädenziehenden Mechanismen und das Bewusstsein im Dunkeln hinter der politischen Schaubühne, getragen von einer erstklassigen Darstelleriege und einem witzig überspitzten Drehbuch. Dass letztlich nicht Unmoral, sondern liberalistisches Pathos siegt, ist zu verschmerzen.
Kritik
Politik und Moral, das geht nun wirklich kaum. Die Erkenntnis mag alt sein, aber erst Machiavelli, im Innersten selbst Idealist, brachte das Dilemma des "Fürsten" in provokativer Spielform auf den Punkt. Damit begann die komplizierte Diskursgeschichte der modernen Staatstheorie, in der Ethik und Moral den wohl schwierigsten Stand hatten. Jahrhunderte sind vergangen, doch Machtpolitik ist noch immer die Summe aus Schein und Sein. Dass es hinter den Kulissen der politischen Schaltzentralen auch heute nicht humanistisch zugeht, dürfte klar sein. Da regiert etwas anderes, ein viel kühlerer Mechanismus. Zwar sind wir über die Ansicht hinweg, der Mensch sei von Natur aus schlecht, doch der Luxus von Privatmoral als Handlungsmaxime ist leider noch immer weltverloren und scheitert zu oft an den komplexen Gegebenheiten der Realität.

Hieß es im Zeitalter der Kabinettskriege und noch darüber hinaus frei nach Clausewitz, der Krieg sei "die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln", feiert Regisseur Rod Lurie nun den satirisch pointierten Umkehrschluss: und "Politik ist die Fortsetzung des Krieges". Das hat freilich mehr als nur einen wahren Kern. Diesen und damit auch die nunmehr psychologischen Schlachtfelder des höchsten politischen Einflusses offenzulegen, darum geht es dem ehemaligen Filmkritiker Lurie in seinem erst zweiten Film. Wieder ausgegraben hat er dafür das lange vernachlässigte Genre des Politfilms. Das Thema des mit allen schmutzigen, amoralischen Angriffstaktiken ausgetragenen Psychokriegs um eine Vizepräsidentschaftskandidatin, klingt spannend. Aber Lurie hat, wie sich schon von Beginn an zeigt, viel zu viel bissiges Vergnügen an den dreckigen Details, an den Schaltprinzipien politischer Skrupellosigkeit, um sich allein mit einem Thriller zu bescheiden.

Und so schafft er es, den intelligenten Film darüber hinaus auf eine satirische Ebene zu heben, die in die andere immer wieder erfolgreich einbricht. Schon die Entscheidung, die Figur des amerikanischen Präsidenten mit Jeff Bridges zu besetzen, ist sagenhaft. Dieser zeigt sich ohnehin selten auf der Leinwand und macht nun den aberwitzigen Sprung vom entspannten Penner mit Kultbonus ("Big Lebowski") zum "mächtigsten Mann der Welt". Als dieser ist wieder eine echte Zugnummer, steht prall im Leben und statt moralischer Integrität bevorzugt er lieber wieder Bowling im Weißen Haus, raucht Havannas und gewichtet Kulinarisches offenkundig stärker als Macht. Herrlich komische Szenen dieser Art kontrastieren den mit unerbittlicher Exekutionsmentalität ausgefochtenen Interessenkampf im politischen Sumpf.

Den gegenspielenden Ausdruck erbarmungsloser Unmoral gibt ein kaum wiederzuerkennder Gary Oldman mit perfekter Pokerface-Ausstrahlung. Überhaupt bedient sich Luries Einblick ins Machtgerangel gekonnt der natürlich naheliegenden Pokerspiel-Metapher. Wer nicht blufft und nur naiven Eifer, nur den Glauben an das Gute ohne Hintertür, ohne Opportunismus vor sich herträgt, geht unter. Oder auch nicht. Denn trotz aller Detailraffinesse, deren Ausbreitung Lurie so sichtlich genießt, ist das einzig wirkliche Problem von "Rufmord", dass der Regisseur selbst in Resten Träumer bleibt, dass also zügig Position bezogen und der pastorale Glauben in die Kraft amerikanischer Demokratie natürlich siegen und Frauenfeindlichkeit verlieren wird. Doch bis es soweit ist, wird der Zuschauer im Rahmen der dreckigen Politschlacht äußerst anspruchsvoll bei Laune gehalten.

Das Drehbuch gibt einen zugänglich aufbereiteten, wohl halbwegs realistischen Einblick in schwierige und komplexe Prozesse von Machterwerb und dessen Konsolidierung. Private Moral und Prinzipien werden zur Stolperfalle, und das gerade da, wo der Politiker Persönlichkeit öffentlichen Kults sein soll. Und auch dafür findet Lurie den angemessenen satirischen Kommentar. Sicher, angesichts der krassen Charaktertypen muss dabei die Schwarz/Weiß-Folie simplifizierend wirken und schon mag der Grad an Realismus dahin sein. Wie aber "Rufmord" zeigt, dass Politik, wo sie Einfluss und Macht bedeutet, immer wieder niedere Instinkte und persönliche statt öffentliche Interessenvertretung anspricht und abgebrühtes Scheintheater ist, gelingt prächtig. Das ist auch den durchweg großartigen Darstellern zu verdanken. Joan Allen als resolut aufrichtige Senatorin ist da nicht zuletzt zu nennen. Das Trübende, der Absturz ins patriotische Pathos bei flammendem Präsidentenappell, ist schließlich allerdings unabwendbar.

Pointiertes Sittengemälde der Politik zwischen Thriller und Satire


Flemming Schock