Star Trek X: Nemesis

USA, 116min
R:Stuart Baird
B:John Logan, Rick Berman, Brent Spiner
D:Patrick Stewart,
Jonathan Frakes,
Brent Spiner,
LeVar Burton,
Michael Dorn
L:IMDb
„Set a course for Earth! Destroy everything!”
Inhalt
Überaschend erhält die Föderation ein Friedensangebot von den Romulanern, und so macht sich die USS Enterprise auf den Weg durch die neutrale Zone nach Romulus. Dort angekommen muss Captain Picard (Patrick Stewart) feststellen, dass es einen unerwarteten Machtwechsel gegeben hat. Das romulanische Reich wird jetzt von Shinzon (Tom Hardy) geführt. Doch damit nicht genug: Shinzon ist ein Klon Picards, der sich in den Kopf gesetzt hat, die Remaner, unter denen er aufgewachsen ist, zu neuer Stärke zu führen, und die Föderation zu vernichten, in dem er die Erde zerstört. Die Crew der Enterprise hat da natürlich andere Pläne...
Kurzkommentar
Auch bei äußerstem Wohlwollen: »Star Trek: Nemesis« ist eine Enttäuschung. Eine lahme Story, vergebene Chancen im Dutzend, zu Komikern degradierte Nebencharaktere, fade Effekte und ein irgendwie sehr konfuses Ganzes können einen nur hoffen lassen, dass dies tatsächlich die vorerst letzte Reise war.
Kritik
Normalerweise könnte man an dieser Stelle eine sehr wohlwollende Kritik von mir erwarten. Ich war stets ein Fan der Serie, seit sie zu meinen Jugendzeiten noch im ZDF lief. Bis heute habe ich wohl alle jemals ausgestrahlten Episoden gesehen, und auch wenn ich kaum in die Kategorie Hardcore-Trekkie zähle, so war ich doch stets wohlgesonnen, und konnte selbst Voyager noch einiges abgewinnen. Doch ich komme nicht umhin zuzugestehen, dass der 10. Film eine glatte Enttäuschung ist. Dabei hätte es doch ganz anders kommen sollen: Ein rundes Jubiläum, ein gelungener Abschied für die Next-Generation-Crew, und eine gerade Nummer (bekanntermaßen sind die Star Trek-Filme mit den geraden Nummern stets besser als die mit den ungeraden). All das zusammen hätte einen tollen Film ergeben sollen.

Hätte sollen. Die ersten Anzeichen der Krise ergaben sich schon mit der Auswahl von Drehbuchautor und Regisseur. Auch wenn »Gladiator« ein Kassenerfolg gewesen sein mag, sonderlich berauschend war das Drehbuch sicher nicht. Und auch wenn John Logan (Drehbuchautor von »Gladiator« und »Nemesis«) ein bekennender Star Trek-Fan sein mag, dieses Universum hat seine ganz eigenen Gesetze, und Logan hat leider zu viele davon ignoriert, dazu später mehr. Auch die Wahl des Regisseurs weckt Zweifel. Star Trek hatte nie großartige Regisseure, doch ein Filmemacher, der in letzter Zeit nur auf den zweitklassigen »Einsame Entscheidung« sowie die wenig rühmliche Mitarbeit an cineastischen Gurken wie »Mission Impossible II« oder »Tomb Raider« verweisen kann, weckt wenig Vertrauen. Schlimmer noch: Patrick Stewart offenbarte jüngst in einem Interview, dass Baird herzlich wenig Ahnung vom Trek-Universum hat: So wollte er Data stets zu emotionalerem Spiel anregen und hielt LaForge für ein Alien. Es ist wohl kein Zufall, weshalb sowohl in den Serien als auch in den Filmen oftmals die Darsteller die Regie übernommen haben.

Spoiler Demgegenüber steht ein großartiger Ansatz: Zum einen, die Romulaner, die durch alle Serien stets ihre geheimnisvolle, gefährliche Aura bewahrt haben, als Gegner zu wählen. Zum anderen, mit Picards Klon ein dunkles Alter Ego zu schaffen. Das mag zwar nicht realistisch sein, wäre aber ein exzellenter dramaturgischer Schachzug.
Wäre, wenn Logan und Baird dieses Potential auch ausgenutzt hätten. Star Trek gehört zu den wenigen SciFi-Serien, die nicht auf dem ewigen Gut-Böse-Konflikt basieren - sehr viele Episoden kommen ohne Gegenspieler aus, und oft genug erweist sich der vermeintliche Bösewicht als im Grunde guter Mensch (oder wahlweise Computer, Raumsonde, Alien oder Schleimhaufen). Nichtsdestotrotz haben die Filme, die ja stets etwas außerhalb des Serienkontextes stehen und ein breiteres Publikum ansprechen sollen, immer dann am besten funktioniert, wenn sie einen guten Gegner hatten (man denke an die großartigen »Wrath of Khan« und »First Contact«). Und was hätte die Konfrontation zwischen Picard und seinem Doppelgänger an Potential gehabt! Dieser Mangel an Umsetzung des Potentials ist schlicht das Ärgerlichste an dem ganzen Film!

Doch statt die vielfältigen, subtilen Möglichkeiten zu nutzen, treffen sich die beiden nur mal kurz zum Essen, Picard hält eine nette Ansprache, und dann fiel Drehbuchatutor John Logan wohl nichts mehr ein, weshalb Shinzon auf einmal von komplex und mysteriös auf standard-ultra-böse umschaltet und hin fort nur noch ein »Destroy everything!« herauspressen kann. Dazu kommt, dass man sich auch nicht verkneifen konnte, die Gegner besonders hässlich und unappetitlich aussehen zu lassen - ein Klischee, das in den beiden Vorgängerfilmen noch einigermaßen Sinn machte, hier aber zu Tode geritten wird.

Star Trek war auch nie sonderlich Action-betont, die Filme fallen hier kampflastiger aus als die Episoden. Doch wenn man schon versucht, einen Actionfilm zu machen, weshalb dann nicht gleich richtig? Die Weltraumschlachten sind wohl das Langweiligste, was diesbezüglich in den letzten zehn Jahren auf der Leinwand zu sehen war, und die Crash-Szene ist zudem noch aus Star Trek 7 geklaut. Wenn man schon Weltraumschlachten inszenieren möchte, dann sollte man sich wenigstens am derzeitigen Standard der Konkurrenz orientieren. Zumal bereits Deep Space 9 und Voyager hier Beeindruckenderes gezeigt haben.

Viel Schlimmer ist jedoch, dass »Nemesis« das fehlt, was Star Trek definiert: die gute Botschaft, mag sie auch noch so verbrämt und dürftig ausfallen. Selbst der bisher actionlastigste Film, Star Trek 8, hat hier nicht kapituliert: Die Tugenden der Individualität und der Unbeugsamkeit (die in der Serie oftmals als charakteristisch für das Volk der Menschen galt) werden hier betont. Picards Zwiespalt, provoziert durch Lily, wird hier in einer der besten Szenen des ganzen Trekuniversums grandios von Stewart umgesetzt. Auch das Streben des Menschen nach dem Größeren, der Forscher- und Entdeckerdrang und die Neugier werden (mehr oder weniger direkt durch Zephram Cohrane) vermittelt.
Und auch der wenig geliebte Star Trek 9 hatte Anklänge an Roddenberrys Philosphie: Etwa der wahrhaft philosophische Streit über Frage, ob das Wohl der Mehrheit über dem der Minderheit steht. Nun soll nicht der Eindruck erweckt werden, als sei Star Trek philosophisch ungemein tiefsinnig - aber dennoch, diese Eigenschaft hat dieses Universum stets ein wenig über die ungleich simpleren Konflikte beispielsweise in StarWars erhoben. Doch »Star Trek: Nemesis« lässt jeden diesbezüglichen Ansatz vermissen. Die sehr schwachen Bezüge auf das Los der versklavten Remaner und die noch viel dürftigere Konfrontation zwischen Picard und Shinzon sind eher kontraproduktiv. Die Star Trek-Filme mögen stets in ihrem Niveau geschwankt haben, und der »philosophisch ambitionierteste«, Star Trek 5, artete geradezu in eine Katastrophe aus. Doch ignoriert man diesen wichtigen Wesenszug des Star Trek-Universums, so hat man es eigentlich bereits verlassen.

Ein Wort zur Glaubwürdigkeit: »Star Trek: Nemesis« strotzt natürlich nur so vor Fehlern. Damit meine ich nicht die üblichen Mängel wie Sound im Weltraum, explodierende Konsolen oder fehlende Anschnallgurte, die seien der Filmdramaturgie geschuldet. Ärgerlicher ist da schon, dass die Minensklaven um Shinzon mal eben heimlich das absolute Über-Kampfschiff gebaut haben. Und wenn es von den abtrünnigen Militärs stammt, wozu brauchen die dann Shinzon? Auch die mal eben zur supergefährlichen Waffe erkorene Thelaron-Strahlung wirkt allzu lächerlich. Es gab zwar immer Technospeak in Star Trek, aber es folgte auch stets einer gewissen Logik - die wurde hier ignoriert. Das die Enterprise die Signale von B4's Komponenten auffängt, mag ja noch angehen, schließlich war das ja von Shinzon so beabsichtigt - doch wie kommt dieser mal eben in Besitz eines zweiten Datas? Und für Serienfans sehr ärgerlich: Inkonsistenzen mit dem bisherigen Universum. So ist beispielsweise aus Voyager bekannt, dass LaForge noch während die Voyager im Deltaquadranten herumirrt Captain eines eigenen Schiffes geworden ist. Doch als Janeway als Admiral auftaucht (und die Voyager folglich bereits wieder zu Hause ist), ist Geordi immer noch Chefingenieur. Auch kann man auf der Hochzeit Wesley Crusher sehen - war der nicht zuvor in der Serie zum übernatürlichen Weltenwanderer aufgestiegen?

Serienfans werden sich auch über die zu Statisten degradierten Nebencharaktere wie Worf oder Troi ärgern - die Konzentration auf Picard und Data fällt hier noch schlimmer aus als in den letzten Filmen. Sicherlich hatten auch die Serienepisoden stets den Fokus nur auf einen Teil der Charaktere, doch in »Star Trek Nemesis« fällt allzu deutlich auf, dass Logan keinen Schimmer hatte, was er mit den anderen Figuren anfangen sollte. Stattdessen gibt es eine Reihe unbefriedigender Nebenhandlungen: Der Handlungsstrang um B4 ist ein einziges Ärgernis. Offensichtlich dient dieser Part nur dem Zweck, einer möglichen Fortsetzung alle Optionen offenzuhalten - ansonsten ist er unnötig und dämlich. Die gleiche Motivation hat das offene Ende der Heirat zwischen Troi und Riker. Während die Zeremonie zu Beginn durchaus zu den besseren Parts gehört, ist der Mangel eines befriedigenden Endes ebenfalls sehr ärgerlich, zumal es ein echter, versöhnlicher Höhepunkt und gelungener Abschluss der Next-Generation-Ära hätte sein können, um so mehr als diese Thematik bereits im Pilotfilm der Serie eine Rolle spielte. Aber anscheinend wollte man sich anscheinend auch hier eine Fortsetzung offen halten, weshalb dieser Handlungsstrang viel zu abrupt endet.

Schauspielerisch wird Star Trek von Patrick Stewart gerettet, der wohl jeden Dialog mit Verve und Überzeugungskraft vorbringen könnte. Die gesamte Crew scheint in ihre Rollen derart hinein gewachsen, dass die Vorstellung am ehesten das Prädikat routiniert verdient. Tom Hardy als Shinzon ist sogar vergleichsweise überzeugend - wenn ihm nur das Drehbuch etwas mehr Möglichkeiten gegeben hätte.

Es scheint, dass Star Trek wirklich an seinem vorläufigen Ende angelangt ist. Ich bin überzeugt, dass das Konzept ein Klassiker ist, der noch viele Generationen überleben kann. Aber nicht in der derzeitigen Form, und schon gar nicht mit den derzeitigen »kreativen« Köpfen, namentlich Berman und Braga, an der Spitze. Die neue Serie, »Enterprise« bestätigt das leider nur aufs Allerdeutlichste. Um es mit den Worten von Ebert zu sagen: Star Trek ist zu einer Kopie einer Kopie einer Kopie geworden. Und bekanntermaßen verlieren Kopien bei jeder Wiederholung des Vorgangs an Qualität. Was Star Trek braucht, ist eine mindestens zehnjährige Pause, und dann eine Neustart mit komplett neuem Personal.

»Star Trek: Nemesis« ist das Ergebnis der Kombination von ideenleeren und ausgelaugten Machern auf der einen Seite und unfähigen StarTrek-Neulingen auf der anderen Seite. Es ist zwar ein leidlich unterhaltsamer Film, der einem trotz allem einen kurzweiligen Abend gewähren kann, doch zugleich verdeutlicht er nachhaltig, wie sehr Star Trek eine kreative Pause benötigt.

Konfuses, ideenleeres Routinespektakel ohne Höhepunkte


Wolfgang Huang