Ruinen
(The Ruins)

USA, 90min
R:Carter Smith
B:Scott B. Smith
D:Jonathan Tucker,
Jena Malone,
Shawn Ashmore,
Laura Ramsey,
Joe Anderson
L:IMDb
„Gut, dass wir ihm zuerst die Beine amputiert haben. ”
Inhalt
Eine Handvoll Teenager kommen von den ausgetretenen Touristenpfaden Yucatans ab und geraten in einen grauenvollen Alptraum. Teils aus Abenteuerlust, teils aus Hilfebereitschaft kehren die Jungen und Mädchen den Pool-Landschaften Cancuns den Rücken und folgen einer geheimnisvollen Karte zu einer archäologischen Fundstelle mitten im Dschungel. Vor tausend Jahren wurden hier Menschen geopfert, und irgendetwas treibt hier, auf der von Pflanzen überwucherten Pyramide noch immer sein Unwesen. Zudem versperren plötzlich auftauchende Ur-Einwohner einen Rückzug von der Anlage: Die Jugendlichen sitzen fest…
Kurzkommentar
Erstaunlich, wie ernst sich diese kleine Horrorproduktion nimmt. Fleischfressende und blutgierige Pflanzen, die menschliche Affekte auffangen beziehungsweise Stimmen oder Geräusche imitieren können? Diese Ruinen sind ein Touristenschreck par excellence. Jene hätten allerdings abseits von Schreck und Hack noch viel lebendiger werden können, hätte man die gruppenimmanenten Spannungen auf die Spitze getrieben: Denn, egal ob überlebend in einem Rettungsboot mitten im uferlosen Ozean oder gefangen auf der Spitze einer Pyramide umgeben und bewacht von eifrigen Kriegern – lebendig raus kommt man nur, wenn ein anderer tot aus dem Ressourcenrennen ausscheidet.
Kritik
Wenn allzu lässige US-Kids im Dschungel in Lateinamerika unterwegs sind, geht das in Horrorfilmen oftmals nicht gut aus. Auch diesmal erleben die Touristen, wie schon in einem anderen Film aus jüngerer Vergangenheit (Stichwort "Organhandel") ihr blaues, eigentlich grünes Wunder. Gespart wird mit Lebenssaft in der FSK-16 Produktion ebenso wenig. Das Jagdmesser sitzt locker und die Knochenbrüche geistern in aller bedrohlichen Plastizität durch den dunklen Kinosaal. Da werden mit Sicherheit manche Zuschauer schlucken müssen. Und ja, dies ist versteckte Promotion.

Amerikanische Befindlichkeiten und Mentalitäten lassen sich "The Ruins" jede Menge entdecken. Gleich zu Beginn schließt ein US-Pärchen, das dem Aussehen gut und gerne Mitte 20 sein könnte eine geradezu "frivole" Wette ab, der Sieger soll oral bedient werden. Dabei kichern die beiden wie Teenager und markieren somit recht klar, welches nur in berauschten Zuständen anzusprechende Mysterium der Oralverkehr für diese Amerikaner darstellt.

In Gegenwart eines deutschen Touristen auf die Abenteuerreise zu den Pyramiden, die auf keiner Karte eingezeichnet sind, angesprochen, äußerst sich der strebsamste der US-Boys folgendermaßen: "Na? Wir wäre es mit ein bisschen Kultur bevor wir zurück fliegen?" Damit greift er gut hörbar vor dem Europäer das alte Vorurteil der kulturunwilligen Amerikaner auf. Mit seinem Drängen, seinem fast schon Bestehen auf den Ausflug scheint er mit aller Macht das Klischee des "Ganz-Europa-in-5-Tagen" zerbröseln zu wollen.

Als man später resigniert gemeinsam feststellt, dass man wohl aus eigener Kraft sich nicht aus der Quasi-Gefangenschaft auf der Pyramide befreien kann, ist es wieder derselbe junge Mann, der erklärt: "Es wird Hilfe kommen. Vier Amerikaner verschwinden nicht einfach so. Irgendwer wird kommen. Die Polizei…das FBI…irgendwer…" Dies spiegelt einerseits den Technologieschock wider. Zwischen Roamingkosten, GPS und Google Earth kann einfach niemand verschwinden. Oder doch? Es ist aber andererseits auch dieselbe Art von Erstaunen, die die Reisenden in "Hostel" überkommt, angesichts der monströsen Vorkommnisse in der Fremde. Natürlich spielt der Film mit gewissen nordamerikanischen "Grundängsten", weder "Hostel" (Osteuropa) noch "Ruinen" (Lateinamerika) würden vermutlich so in Schauplätzen in Schweden oder Neuseeland ungesetzt. Es ist das wenig Vertraute, das ethnographisch nur mit Verlusten der eigenen Identität oder Physis zu erschließende Umgebende, welches den Touristen fasziniert, aber auch gefährdet. Das Raue und Rohe bannt sich für ein paar Momente der Lebenszeit einen Weg, nein, besser, es schlägt eine brutale Bresche der Andersartigkeit in die Seele des Reisenden. Dort nistet es sich ein und treibt sein Unwesen. Stets verändert und deformiert bleibt man dann zurück. Dass uralte Blutopfer – und Opferrituale schon immer die Fantasie der Fiktion anregten, ist als Grundthema natürlich ein abschließender alter Archäologen-Hut.

Technisch gesehen sind die 91 Minuten nicht ganz auf der Höhe der Zeit, etliche Unschärfen und eine recht unsaubere deutsche Synchronisation fallen auf. Dass die Tempelinnenaufnahmen zudem aussehen, wie im dunkel ausgeleuchteten Garten-Center, trägt zum Charme der B-Produktion wiederum bei. Die Nachwuchsgarde an frischen US-Gesichtern macht sich gut und erfüllt das schauspielerische Soll, ohne unangenehm überglatt zu wirken. Und nebenbei sollte man nicht vergessen, dass Regisseur Carter Smith hier zum ersten Mal in Spielfilmlänge antritt. Hätte jener noch einen Tick stärker die Gruppenkonflikte inszeniert, also zum Beispiel der Kampf um Wasser und Nahrung, wäre ein deutlich menschlicherer Film entstanden.

In der US-Presse kam "Ruinen" nicht sonderlich gut davon. Die New York Times leitet ein: "More disgusting than scary." Der Austin Chronicle bemängelt: "The Ruins is about as interesting as a pile of old stones …" Und Entertainment Weekly schließt mit: "The Ruins is lumpish, static, and obvious." Nur der Boston Globe stellt sich dieser Tendenz mit einem starken Lob entgegen. Er beschreibt den Film als "a supringsingly effective little horror nightmare."


Solide Genrekost – auferstanden aus Ruinen! Freunde schauriger Horrorware machen hier wenig falsch.


Rudolf Inderst