Brügge sehen...und sterben?
(In Bruges)

UK, 107min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Martin McDonagh
B:Martin McDonagh
D:Colin Farrell,
Ralph Fiennes,
Clémence Poésy,
Brendan Gleeson,
Elizabeth Berrington
L:IMDb
„I mean no disrespect, but you're a cunt. You're a cunt now, and you've always been a cunt. And the only thing that's going to change is that you're going to be an even bigger cunt. Maybe have some more cunt kids.”
Inhalt
Urlaub haben sie sich verdient, so viel ist klar. Zwar ist der letzte Auftrag in London nicht ganz nach Plan verlaufen, doch gerade deswegen können Ray (Colin Farrell) und Ken (Brendan Gleeson) ein wenig Ruhe ganz gut gebrauchen. Aber ausgerechnet in Brügge? Dort sitzen die beiden Auftragskiller zwischen malerischen Kanälen und mittelalterlichen Kirchen und warten tagelang auf einen Anruf ihres Bosses Harry (Ralph Fiennes). Von winterlicher Langeweile kann allerdings keine Rede sein. Die beiden legen sich mit amerikanischen Touristen und eifersüchtigen Drogendealern an, feiern mit einem zwergwüchsigen Schauspieler und holländischen Nutten, während Ray sich obendrein in die hinreißende Chloë (Clémence Poésy) verguckt. Schließlich ruft Harry dann doch noch an, und die eigentümlichen Ferien drohen, eine tödliche Wendung zu nehmen.
Kurzkommentar
Die große Überraschung dieses Films ist Colin Farrell: Der oftmals als wenig talentierter Schauspieler gebrandmarkte Darsteller straft in „Brügge sehen ... und sterben?“ seine Kritiker Lügen und spielt die komplette Emotionspalette. Auch der Rest des Ensembles ist großartig aufgelegt und die pointierten Dialoge des Drehbuchs ergänzen den sehr guten Eindruck.
Kritik
Es fällt schwer, nicht ins Schwärmen zu geraten, wenn man über „Brügge sehen ... und sterben?“ spricht oder schweigt. Zu viele kleine liebevolle Details ergeben hier ein wunderbares Gesamtkonstrukt, das über 107 Filmminuten glänzend zu unterhalten weiß. Die komplett in Brügge abgedrehte Tragikomödie lässt sich Zeit an den richtigen Stellen und beschleunigt sein Erzähltempo, wenn es die Geschichte rechtfertigt. Dabei ist die Tagline der Plakatwerbung „Shoot first. Sightsee later.“ eigentlich irreführend – mitnichten hat der Film die kitschige Leichtigkeit einer Krimikomödie.

Die Stadt wirkt dabei wie eine einzig große Filmkulisse, die widersprüchlicherweise ohne Inszenierung in Szene gesetzt wurde. Unnatürlich oft treffen dieselben Figuren aufeinander, passieren einander, erkennen sich oder verfehlen sich. Obwohl nur ein paar Tage für alle Beteiligten vergehen, könnten es auch Monate oder Jahre sein. Da ist ein filmisches Bonbon, dass die Film-in-Film Arbeiten eine Referenz an den großartigen „Don’t look now“ darstellen. Auch in diesem Ausnahmetitel spielt die für die fremde Stadt Venedig surrealistisch ihre Karten aus.

Die Schauspielerleistung überzeugt zu jeder Sekunde. Colin Farrell schwankt zwischen pulsierender Lebenslust und Moment des Suizidalen, Brendan Gleeson gibt die gezeichnete und erfahrene Vaterfigur und Ralph Fiennes überrascht mit Momenten der Raserei und überharschem Ehrenkodex. Auch die Nebenrollen spielen glänzend – da passt kein Blatt Papier mehr zwischen, sagt sich der vergnügte Kinobesucher. Und wenn dieser erst einmal die sehr eingängige Filmmusik gehört hat, ist es endgültig um ihn geschehen.

Die Washington Post schreibt über "Brügge sehen...und sterben?": „ Those who know McDonagh's work know a vein of darkness will run deeply through the comedy. It has seldom been darker. Or funnier. He has made a hit-man movie in which you don't know what will happen and can't wait to find out. Every movie should be so cliched.“ In Empire ist zu lesen: „ With In Bruges, the British gangster movie gets a Croydon facelift. It may not be new, but it’s a wonderfully fresh take on a familiar genre: fucked-up, far-out and very, very funny.” Und abschließend bemerkt die Baltimore Sun: “Tightly scripted and intricately plotted, the buddy film manages the neat two-step of being simultaneously profane and engaging.”


„Brügge sehen ... und sterben?“ ist eine großartige, kleine Produktion. Besonders herausragend ist dabei die Balance zwischen komischen und tragischen Momenten.


Rudolf Inderst