Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels
(Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull)

USA, 122min
R:Steven Spielberg
B:David Koepp, George Lucas
D:Harrison Ford,
Shia LaBeouf,
Cate Blanchett,
Karen Allen,
Ray Winstone
L:IMDb
„Their treasure wasn't gold, it was knowledge. Knowledge was their treasure.”
Inhalt
1957 mitten im Kalten Krieg: Im Südwesten der USA entkommen Indiana Jones (Harrison Ford) und sein Kumpel Mac (Ray Winstone) auf einem entlegenen Flugfeld in der Wüste nur knapp einer Auseinandersetzung mit skrupellosen sowjetischen Agenten. Die Genossen setzen alles daran, einen Kristallschädel zu finden. Anführerin der militärischen Elitetruppe ist die eiskalte und wunderschöne Irina Spalko (Cate Blanchett), die den Sowjets mit dem schaurigen Artefakt zur endgültigen Weltherrschaft verhelfen will. Zusammen mit dem jungen Rebellen Mutt (Shia LaBeouf) und dessen Mutter, versucht der passionierte Archäologe, das Geheimnis zu lüften.
Kurzkommentar
Oh, was für Schelte muss der Doktor über sich ergehen lassen! Unzufriedene Fans, unzufriedene Presse! Aber, manchmal lohnt es sich, dem Beispiel der drei Affen Folge zu leisten. Augen, Ohren und Mund zuhalten. Sich ein Herz nehmen und ab ins Kino! Es lohnt sich. In vielerlei Hinsicht.
Kritik
Ist es Zufall? Der junge Sidekick erlebt eine Renaissance? Erst hilft Justin Long dem alternden Bruce und nun kann Shia LaBeouf, der gerade absolut auf der Höhe des Erfolges schwimmt, Harrison Ford zur Seite stehen. Beide Serien nahmen sich recht viel Zeit, bevor sie die wartenden Fans mit einem vierten Teil beglückten. Doch nun ist es soweit – das (zugegeben wenig) wissenschaftliche Graben erlebt seinen vierten Frühling. Begleitet von der bekannten Orchestrierung John Williams macht sich Harrison Ford nach fast 20 Jahren wieder auf, den neuen Gefahren der Nachkriegszeit und der bipolaren Weltordnung ins Auge zu blicken. Und für einen Indiana Jones geht es im ersten Drittel geradezu unverschämt politisch zu. Dieses Drittel, das in vielen Besprechungen als allzu langatmige Einführung in die Geschichte nur unzureichend wahrgenommen wurde, beinhaltet im Grunde genommen die spannendsten Momente der gesamten 122 Minuten Film.

US-General Thomas Farrell beschrieb die erste Atomexplosion, die am 16. Juli 1945 um 5.29:45 Uhr Ortszeit die Wüste Neu Mexikos erschütterte, folgendermaßen: "Das ganze Land war erhellt von einem versengenden Licht, dessen Stärke viele Male größer war als das der Mittagssonne... Dreißig Sekunden später kam zuerst die Explosion, der Luftdruck prallte hart gegen die Leute und Dinge, und dann folgte fast unmittelbar ein lautes anhaltendes schauerliches Donnern, wie eine Warnung vor dem Jüngsten Tag, das uns spüren ließ, dass wir winzige Wesen in blasphemischer Weise wagten, an die Kräfte zu rühren, die bis dahin dem Allmächtigen vorbehalten waren. Worte reichen nicht aus, um denen, die nicht dabei waren, den Eindruck wiederzugeben, den wir körperlich, geistig und seelisch erfuhren. Man muss Zeuge gewesen sein, um es sich vorzustellen."

Harrison Ford erlebt diesen Augenblick als Dr. Jones. Nachdem er die Explosionswelle in einem Kühlschrank wirbelnd und fliegend überlebt hat, starrt er auf die vollkommene Ästhetik des Atompilzes in der Ferne. Das eigentliche Politikum findet allerdings davor statt. Dr. Jones geistert und stolpert vor dem Atombombentest durch eine bis ins kleinste Detail nachgebaute Vorstadtsiedlung, deren Puppenbewohner weder auf Fernsehen noch Radio verzichten müssen. Wenige Sekunden später werden sie im atomaren Sturm vergehen, grinsend und winkend, 1950er-Jahre-Medienkultur konsumierend. Es sind kraftvolle Bilder, die zuletzt in diesem Ausmaß im "The Hills Have Eyes"-Remake aus dem Jahr 2006 zu sehen waren; allerdings in einem völlig anderen Kontext. Das vermeintlich lustige Szenario entfaltet eine ganz andere Wirkmacht im Falle des Archäologen, wenn die amüsante Idylle erst einmal durch einen nuklearen Schlag allerfeinster Pracht durcheinander gerüttelt wurde. Das Lachen bleibt einem im Hals stecken.
Und mal ganz ehrlich, wer an dieser Stelle moniert, dass man eine Explosion dieses Ausmaßes nicht überleben könne, soll sich ernsthaft fragen, in welchen Film er oder sie sich verirrt hat. Dies ist der Mann, der über/durch Luft gehen kann, weil er an Gott glaubt. Das ist doch ein menschliches Produkt der Sprengkraft nichts dagegen!

Eben noch der Explosion seines Lebens entkommen, muss sich der Universitätslehrer nun ganz anderen Herausforderungen der Zeitgeschichte stellen. In der antikommunistisch aufgeheizten McCarthy-Ära standen zahlreiche Vertreter des amerikanischen Lehrkörpers auf der Schwarzen Liste der angeblichen Kommunistensympathisanten. Die Loyalität gegenüber den Vereinigten Staaten dieser scheinbar fünften Kolonne galt im Weltbild streng konservativer Kreise, die von der red scare erfasst worden waren, als andere als gesichert. Durch eine pure Verkettung von unglücklichen Umständen gerät Dr. Jones ebenfalls in das Raster des FBI unter Leiter J. Edgar Hoover, der bereits 1950 eine Liste von 12.000 Personen angefertigt hatte, die seiner Ansicht nach illoyal gegenüber dem amerikanischen Staat seien und daher einer Internierung bedurften. Jones verliert seine Anstellung und sein Vorgesetzter und Freund, der sich für ihn einsetzt, muss ebenfalls seinen Hut nehmen. Oh Zeiten, oh Sitten!

Erst dann beginnt die explorative Reise der Protagonisten an vermeintlich exotische Schauplätze, an denen sich die die Kräfte des stalinistisch Bösen mit den guten Bestrebungen des Doktors und seiner Kernfamilie duellieren. Cate Blanchett hat dabei sichtlich Spaß, den Henker der Sowjetrepubliken zu geben. Das Genre des Abenteuerfilms, dem stets das kolonialistische und xenophobe Klischee zugleich anheftet, ist in der heutigen Kinolandschaft unterrepräsentiert. Abgesehen von den Ausflügen der Mumie und Lara Croft haben Abenteurer keine guten Karten mehr. Da macht es Spaß, der Mischung aus sound stage, Miniaturisierung und (erfreulich wenig) CGI zuzusehen, wie sich mit einer enormen Liebe für Symmetrie als Tempelanlage und Ruine vor unseren Augen im ewigen Grün entfaltet. Der spezielle Look des Films, der zu keiner Zeit sein Erbe verneint, wird durch das besondere Geschick Janusz Kaminskis erzielt, der den Stil des alten Indy-Kamermanns Douglas Slocombe hundertprozentig einfängt.

Ein Ausblick ist schwieriger als gedacht. Wird hier tatsächlich versucht, durch den Charakter LaBeouf ein legitimer Nachfolger zu etablieren? Wird Ford selbst einen schnellen fünften Teil nachschieben? Der Zuschauer kann sich entspannen – in beiden Fällen kann das Ergebnis keine Katastrophe werden.


Würdige Rückkehr des peitschenden Archäologen – man schenke den Miesmachern bitte keinen Glauben.


Rudolf Inderst