Iron Man

USA, 118min
R:Jon Favreau
B:Mark Fergus, Hawk Ostby
D:Robert Downey Jr,
Jeff Bridges,
Gwyneth Paltrow,
Samuel L. Jackson,
Terrence Howard
L:IMDb
„Is it better to be feared or respected? And I'd say is it too much to ask for both?”
Inhalt
Tony Stark (Robert Downey Jr.) ist ein genialer Erfinder und Großindustrieller, der es in der Rüstungsbranche zu Ruhm und Reichtum gebracht hat. Seine Firma, Stark Industries, ist seit Jahrzehnten der wichtigste Waffenlieferant der US-Regierung. Alles verläuft in Starks Leben nach Plan, bis er während eines Waffen-Testlaufs von Terroristen entführt wird. Doch Stark gelingt die Flucht. Zurück in Amerika und seinem alten Leben stellt er sich seiner Vergangenheit und ist bereit, mit der Hilfe seiner persönlichen Assistentin "Pepper" Potts (Gwyneth Paltrow) und seines Militärvertrauten Rhodey (Terrence Howard) Stark Industries in eine neue Richtung zu lenken, trotz des Widerstands seiner rechten Hand Obadiah Stane (Jeff Bridges), der während seiner Abwesenheit die Geschäfte übernommen hat. Eine Konfrontation scheint unausweichlich…
Kurzkommentar
186 Millionen US-Dollar Produktionskosten und "Lebemann" Robert Downey Jr. in der Hauptrolle. Eine gewisse Risikofreudigkeit kann man Marvel nicht absprechen. Andererseits: mit halbwegs gelungenen Comicverfilmungen kann man momentan nicht sonderlich viel falsch machen. Kurzum: Downey spielt sich zurück in die erste Liga; das Drehbuch gibt ihm genug Skurilraum und räumt dennoch der gut fotografierten Action reichlich Platz ein. Dass dabei ein paar Beteiligte auf der Strecke bleiben müssen, ist jedoch unschön.
Kritik
Was "Karate Kid" für Karatevereine, "Dirty Dancing" für Tanzschulen und "Top Gun" für die Luftwaffe war, könnte "Iron Man" problemlos für den Studiengang des Ingenieurs werden. Teile von "Iron Man" wirken wie BMW-Imagefilme. Selbstverliebte technologische Minifantasien entfalten dabei sich zu einer absurden Mischung aus Kreativität und Besessenheit. Dabei suggerieren die Bilder aber immer noch genug Männlichkeitsdiskurs, um zu beweisen: Männer und Stahl sind für einander geschaffen. Sie ziehen sich sprichwörtlich und in doppeltem Sinne an, sie beziehen sich aufeinander, sie wollen voneinander rau und kräftig – am besten am Feuer in abgeschiedenen Höhlen - bearbeitet werden. Nur du und das Material. Das passt wenig dazwischen. "I'm an army!", stellt Stark (selbst-)zufrieden daher folgerichtig fest.

Spätestens seit "A Scanner Darkly" und "Zodiac" ist mit Robert Downey Jr. wieder zu rechnen, obgleich man stets das Gefühl hat, dieser Mann spielt nicht. Höchstens sich selbst am Morgen. Auf jeden Fall beeindruckt seine Mischung aus geschäftsmännischer Abgebrüht- und Überheblichheit, frühkindlichem Interesse und machohafter Player-Attitude. Nach "Iron Man" kann man sich nur noch schwer einen anderen Darsteller in der Rolle vorstellen, und das ist doch eigentlich immer ein gutes Zeichen. Kleine Notiz am Rande: Tom Cruise hatte auch starkes Interesse, das Stahlmännchen zu spielen. Das hätte dann schon etwas fast Zwangsmissionarisches (Cruise verbreitet seine "Lehren" in Überschall auf der ganzen Welt) gehabt, mag da manch einer denken. Der Rest der darstellenden Garde macht ihren Job funktional-zufriedenstellend. Gwyneth Paltrow ist in der Rolle der persönlichen Assistentin jedoch eine Überraschung – zumindest ich hätte nicht so recht geglaubt, dass die 1999 bei der Oscarverleihung in schweinchenrosa gekleidete Heulsuse sich für eine solche Rolle interessieren könnte. Aber vielleicht hat es sich mittlerweile herumgesprochen, dass Marvel-Filme auf langfristige Unternehmungen angelegt sind, und daher die Chance größer ist, bei künftigen, großbudgetierten Sequels und Cross Overs wieder mit an Bord zu sein. Und Jeff Bridges? Der blickt grenzgenial böse wie zu Zeiten des Master Control Program in die Kamera!

Die Effektarbeit von "Iron Man" ist erstklassig. Egal ob Luftgefechte, Kugelhagel, Roboterkeilerei oder Arbeit am Zeichenbrett – der Film wirkt kosmetisch-digital auf der Höhe der Zeit. Wollte man zwanghaft einen Vergleich heran ziehen, könnte man von einer Trickaufnahmen-Mischung aus „Transformers“ und „Minority Report“ sprechen. Dan Lebental („From Hell“) sorgt dann mit seinem gewohnt routiniert-flotten Schnitt für den Rest.

Ziemlich wirr ist allerdings das Verhältnis des Films zu, nennen wir es einmal, nicht so amerikanisch wirkendem Grund und Boden. Wir erinnern uns: Tony Stark fliegt zu Beginn des Films nach Afghanistan, um was zu tun? Um die gewaltige Zerstörungskraft seiner Waffe zu demonstrieren. Richtig. Warum geschieht das dort? Warum geht man dazu nicht in die Wüste New Mexikos? Ist afghanischer Grund und Boden nur gut genug, um dort Waffen zu testen? Weil es dort nichts Wertvolles gibt, was kaputt gehen oder Schaden nehmen könnte? Reichlich seltsam mutet diese Entscheidung in Zeiten von amerikanischen „Präzisions-Bombenabwürfen“ an, die leider ihr Ziel verfehlen und Hochzeitsgesellschaften oder Dörfer im Niemandsland treffen. Der Satz „I know my math.“, den Tony Stark so gerne benutzt, erfährt da eine schaurige Neudeutung. Über die Menschen, die wir als Geiselnehmer des späteren Iron Man kennen lernen, erfahren einiges. Zum einen sind sie nachdrücklich beeindruckt von amerikanischer Hochtechnologie, die sie selbst niemals herstellen könnten. Ob das an der Faulheit liegt? Schließlich bewundern/verachten die Verbrecher die körperliche Arbeit Starks, wie gut sichtbar gezeigt wird. Zu strategischem Handeln sind sie auch nicht in der Lage. Ihr Handeln wird ausdrücklich bestimmt von Großmannssucht und Rache. Dabei merken sie zu keiner Sekunde, dass sie lediglich Spielball der amerikanischen Industrie sind. Blutgeile Schlächter sind sie sowieso – egal, ob Amerikaner oder Afghane, alle sind sie fällig. Die, welche nicht zur AK-47, Pardon, zum Maschinengewehr von Stark Industry greifen, sind als Bauern, Bettler oder beides zugleich dargestellt. Und ob der Wandel vom Kaufmann des Todes hin zum knallharten Verfechter der Big Stick Diplomacy im Sinne eines Theodor Roosevelts, wirklich weltfriedensfördernd ist? Ach so, die Schippe oben drauf habe ich noch vergessen: Der Iron Man findet Lynchjustiz auch ganz praktisch. Entweder er glaubt an sie, oder er ist sich sicher, dass einem solch korrupten Staat der Justiz sowieso nicht zu trauen ist. Man weiß es nicht.

Die US-Kritik ist dem Marvelcharakter wohl gesonnen. Das Wall Street Journal lobt: „The gadgetry is absolutely dazzling, the action is mostly exhilarating, the comedy is scintillating and the whole enormous enterprise, spawned by Marvel comics, throbs with dramatic energy because the man inside the shiny red robotic rig is a daring choice for an action hero, and an inspired one.” Im Hollywood Reporter lesen wir: “Downey plays off his own bad-boy image wonderfully. The writers give him great lines to work with and ditto that for his Girl Friday, Gwyneth Paltrow's Pepper Potts, whose own svelte lines cannot be improved on.” Und die Time bilanziert: “Some of us knows that there's an American style -- best displayed in the big, smart, kid-friendly epic -- that few other cinemas even aspire to, and none can touch. When it works, as it does here, it rekindles even a cynic's movie love. So cheers to Downey, Favreau and the Iron Man production company. They don't call it Marvel for nothing.“

Und wer es immer noch nicht macht, sollte es diesmal im Übrigen wirklich tun: Nach dem Abspann sitzen bleiben. Es lohnt sich.

"Iron Man" ist Hardcore-Porno pur für Bauingenieure und Mechatroniker. Der Rest freut sich einerseits über satte Action und witzige Dialoge und ärgert sich andererseits über die eindimensionale Darstellung des afghanischen Volkes


Rudolf Inderst