Tödliche Entscheidung
(Before the Devil Knows You're Dead)

USA, 117min
R:Sidney Lumet
B:Kelly Masterson
D:Philipp Seymour Hoffman,
Ethan Hawke,
Marisa Tomei,
Albert Finney,
Rosemary Harris
L:IMDb
„May you be in heaven half an hour before the devil knows you’re dead.”
Inhalt
Andy bezieht als Unternehmensberater ein sechsstelliges Jahreseinkommen und ist mit einer schönen Frau verheiratet, könnte also mit seinem Leben rundum zufrieden sein. Um allerdings seinen extravaganten Lebensstil und exzessiven Drogenkonsum zu finanzieren, hat er Geld der Firma veruntreut. Bis den Steuerprüfern sein Betrug auffällt, ist jedoch nur eine Frage der Zeit. Sein nach außen hin so erfolgreiches Leben ist im Begriff sich aufzulösen. In dieser Situation sieht Andy nur noch eine Möglichkeit, wie er seine Probleme lösen kann – zumindest die finanziellen. Dafür muss er aber seinen kleinen Bruder Hank überreden mitzumachen: Er soll den Juwelierladen ihrer Eltern ausrauben...
Kurzkommentar
Weh, oh weh: Sidney Lumet, der einst mit "Twelve Angry Men" das Hohelied der Vernunft für die Ewigkeit eingesungen hat, teilt kräftig mit der moralischen Überhand aus. Ohne mit der Wimper zu zucken, blickt er in die Abgründe einer Familienschande, deren kausale Ereigniskette sich in ihrer Zuspitzung durch Rückblenden zunächst formal-perspektivisch, im Ergebnis tatsächlich auch inhaltlich-dramatisch, in atemberaubendem Maße multipliziert. Dabei wird keine durchgebrannte Sicherung ausgelassen – molto furioso e schonungsloso.
Kritik
(Hinweis: Diese Besprechung enthält wesentliche Spoiler!)
Filmkritik ist – idealisierterweise – der Versuch, die Illusion objektiver Wahrheit zu erzeugen. Mit jedem Satz neutralisiert der Rezensent seinen zutiefst persönlichen Eindruck, befreit ihn von gefühliger Voreingenommenheit oder Schnellschussverurteilung. Das macht das Rezensieren zu einem höchst analytischen, rationalisierten Prozess. Da wird ein Film wie "Before the Devil Knows You’re Dead" zu einem echten Problem: Wie soll man einem so emotionsschweren Film, dessen Hauptfiguren frei von jeglichem Verstand in die Selbstzerstörung gefühlsschwanken, mit der Stimme der Vernunft begegnen, ohne unsensibel zu klingen?

Die Antwort liegt in der klaren, wertfreien Rhetorik eines Familientherapeuten, in dessen Rolle man sich begeben muss: Wie bitte? Wertfrei? Ausgerechnet in einer Filmkritik? Zugegeben, das klingt nach einer Herausforderung, aber dieser muss man sich dann eben – ganz im Bewusstsein gerechtfertigter Anmaßung – auch stellen. Also beginnen wir mit der Sitzung: Auffallend ist, dass sich der Film ganz besonders den Befindlichkeiten der männlichen Familienmitglieder widmet. Während Mutter Nanette (Rosemary Harris) handlungsbedingt recht bald aus dem Zentrum des Geschehens scheidet, darf Schwester Martha (Amy Ryan), eben in Bezug auf ihre Mutter, den Problemzusammenhang Sterbehilfe kurz andeuten, verschwindet aber wieder, bevor die Diskussion wirklich begonnen hat – Vater Charles klärt die Situation mit einem deutlichen "let her go". Der hierin manifestierte Patriarchismus mag ein Grund dafür sein, weshalb der Begriff Dysfunktionalität in der Zeichnung der Familie Hanson ganz groß geschrieben wird.

Andy (Philipp Seymour Hoffman) macht den Anfang: Er hasst seinen Vater, dessen Liebesentzug über seinem Selbstverständnis wie ein nasser Sack hängt – Vergebung ausgeschlossen. Ein scheinbar kontrollierter, weil beunruhigend formalisierter Drogenkonsum verdeutlicht – neben den allseits bekannten Suchterscheinungen, Nebenwirkungen und selbst offenbarenden Delirien – nicht nur den feinen Unterschied zwischen Routine und Regelmäßigkeit, sondern verursacht Andy darüber hinaus eine empfindliche (?) Potenzstörung, die wiederum seine Ehe mit Gina (Marisa Tomei) strapaziert. Nur im fernen Rio gestaltet sich der Vollzug der Ehe ganz unbelastet. Wenn nur das Geld reichen würde, um endgültig abzuhauen. Und dann kündigen sich im Büro auch noch die Steuerprüfer an. So ist Andys Einfall mit dem Überfall natürlich in erster Linie finanziell motiviert, eigentlich aber spekuliert er – selbstverständlich unbewusst (deswegen ja auch die Planung des Überfalls rund um ein entschuldigendes "nobody was supposed to get hurt") – in der Folge auf einen wesentlichen Nebeneffekt. Könnte nicht schaden, wenn der Räuber gleich zum Vollstrecker des gerechten Vatermordes würde. Oha.

Sein jüngerer Bruder Henry alias Hank (Ethan Hank, äh Hawke) ist für Andy gewissermaßen das, was Billy Carter für seinen expräsidentiellen Bruder Jimmy Carter gewesen ist – das orientierungs- und hilflose schwarze Schaf der Familie. Hank lebt in Scheidung von seiner Frau und kommt regelmäßig mit den Unterhaltszahlungen in Verzug. Erklärungsversuche seinerseits wehrt seine Ex-Frau mit einem lakonischen "don’t get semantic" ab, seine Tochter wirft ihm kurz und trocken vor, dass sie infolge seiner finanziellen Impotenz vor ihren Freundinnen bloßgestellt sei. Wenn er das Geld für ihren Schulausflug sowieso nicht aufbringen kann, solle er es gar nicht erst versprechen. "Loser!" Weil ihm sowohl sein Bruder als auch sein Vater stattliche Alphamännlichkeit vorleben, muss er sich ergo regelmäßig den Vorwurf frappierender Waschlappigkeit gefallen lassen. Unbewusst handelt es sich hierbei selbstredend um einen Fall psychischer Autokastration, bedingt durch Hanks verhätschelte Sozialisation im Elternhaus und seine aus dem ständigen Vergleich mit dem ehrgeizigen Bruder und dem idealisierten Vater hervorgehende, selbst verachtende Überzeugung vom Versagersein aus eigener Schuld. Dementsprechend verkleidet sich Hank für den Überfall als Komparse des Beastie Boys-Hits "Sabotage", und dementsprechend gestaltet sich der Verlauf des Überfalls eben auch, als sei er von vorneherein sabotiert worden. In einer ironischen Brechung der Bruderbeziehung ist es dann ausgerechnet er, der seiner sich verzehrenden Schwägerin vorübergehende Glückseligkeit verschafft. Ohauerha.

Vater Charles (Albert Finney) liefert nun den komplementären Gegenpart in diesem unaufhaltsamen Generationskonflikt. Er und Nanette sind zunächst als idealtypisch gutes, einfaches Kleine-Leute-Pärchen angelegt, das sich fleißig in Richtung verdienter Ruhestand schuftet. Über den sinnlosen und vollkommen willkürlichen Verlust seiner Frau und die schleppend-ergebnislose Ermittlungsarbeit der Polizei verliert Charles seine Mitte in Rachephantasien. Der Zorn des Gerechten vergilt Gleiches mit Gleichem, und auf diesem Wege wird die Selbstjustiz zur Trauerarbeit. Dass ihn seine investigative Nebenbeschäftigung auf die Spur der Söhne führt, und er somit fassungslos vor den Geistern steht, die er zeugte, lässt seinen Verstand auch nicht wiedererwachen. Nachdem Andy seine versöhnliche Geste eines Annäherungsversuches mit bitterem Spott quittiert, mündet die Erkenntnis über die Drahtzieher des todbringenden Überfalls in rasender, vernunftabwesender Ohnmacht über das eigene Handeln. Im Moment des Todes schließlich erhöht sich der Puls, wenn auch nur ein wenig. Paradox? Nicht hier – ohauerhauerha.

BTHKYD – der Titel ist einem irischen Toast entlehnt, der sich augenzwinkernd auf die Sündhaftigkeit des Menschen bezieht – ist ein Film aus einer betont männlichen Perspektive, da ist es nur folgerichtig, könnte man polemisch sagen, dass weibliche Charaktere in der Geschichte zu kurz kommen. Die eine tragende weibliche Rolle wird denn auch - ganz machistisch - instrumentalisiert. In ihrer betont angelegten Schlichtheit ist die Figur der Gina vielleicht einen Tick zu fleischlich geraten, allerdings in ihrer Funktion als Trophäe für die beiden Brüder durchaus schlüssig. Mehr als einmal hat man das Gefühl, dass ihr zu Unrecht die Gelegenheit verwehrt wird, endlich einen intelligenten Satz zu sagen, um ihre zur Schau gestellte Nacktheit zu kompensieren. Ihre Aufgabe besteht allerdings vielmehr darin, durch ihre Eindimensionalität vielmehr das Brüderpaar zu charakterisieren, als eigene Profilschärfe zu entwickeln. Dementsprechend sticht sie Andy zu guter Letzt moralisch aus.

Am Ende bleibt die Aussicht, dass im Generationenkonflikt der „Rentnerdemokratie“ (neben "Kanzlerdekolleté" schon jetzt vormerken für die beliebte Wahl zum Unwort des Jahres?) zwischen Aufbruchsgedanken von 68ern und neuerlicher Bürgerlichkeitssehnsucht der Nachkommen nicht mal mehr Familienbande heilig bleiben. Die Angst vor dem abgründig-drohenden sozialen Abstieg heiligt alle Mittel auf der Flucht in die gelobte Insel der Mittelstandssicherheit, wo die Moral kein Luxusgut ist – moralisch bleibt indes nur, wer es sich leisten kann.

Kinder, Rentner, Schreckgespenstner: Emotionaler Exzess eines rekonstruierten Familieninfarktes, der keine Lust auf Tragödie, aber dafür das Zeug zur Gesellschaftsparabel hat


Reinhard Prosch