Million Dollar Hotel
(Million Dollar Hotel, The)

Deutschland / USA, 122min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Wim Wender
B:Bono, Nicholas Klein
D:Jeremy Davies,
Milla Jovovich,
Mel Gibson,
Tim Roth
L:IMDb
„Wir sind alle´n bisschen abgefuckt”
Inhalt
Das "Million Dollar Hotel" ist eine der übelsten Absteigen im Los Angeles des Jahres 2001. Als Izzy (Tim Roth), der revoltierende Sohn eines Medienzaren tot aufgefunden wird, wird das Hotel zum Medienmittelpunkt. Während die bizarren Bewohner Profit aus den Umständen zu schlagen versuchen, nimmt FBI-Agent Skinner (Mel Gibson) die Ermittlungen auf. Als Verdächtige gelten auch der verschreckte Tom Tom (Jeremy Davies) und das verschlossene Straßenmädchen Eloise (Milla Jovovich). Nicht nur für Skinner wird die deutliche Trennung von Normalität und Wahnsinn immer fragwürdiger.
Kurzkommentar
Wim Wenders` Eröffnungsbeitrag der Berlinale ist vielgestaltig, außergewöhnlich, jedoch in selbstgefälliger Inkonsequenz seiner Erzählung auch langweilig. Irgendwo zwischen reflexivem Autorenkino, sinnbildlicher Darstellung und aufgesetztem Thriller zu verorten, möchte der Film mit poetischem Titel viele Stränge verfolgen, überzeugend tut er es bei keinem. Das schwer zu greifende Ergebnis bleibt aber reizvoll.
Kritik
Wenders bedient sich bildkompositorisch keiner sonderlich einfallsreichen Einleitung. Schon öfters und zuletzt in "American Beauty" ging es um die Schilderung eines Mikrokosmos, in den die Kamera meist von der Totale des Himmels hinein- und zum Ende des Filmes wieder herauszommt. Das soeben erlebte Geschehen wird angesichts der Größe der Welt einerseits zu relativieren versucht, andererseits transzendiert und nebenbei noch mit einer einfach zu verdauenden Erkenntnistheorie angereichert, die Herrlichkeit der Welt preisend.

Wie Wenders das jedoch umsetzt, ist der nachhaltigste Moment des Filmes. Von melancholischen "U2"-Klängen untermalt, gleitet die Kamera sanft in riesiger Höhe an der Skyline von Los Angeles vorbei, sinkt immer weiter ab, bis die ohne einen Schnitt auskommende Fahrt vor der Leuchtreklame auf dem Dach des real existierenden "Million Dollar Hotels" ihr Ende findet. In gedehnter Zeit läuft ein Mann zielstrebig bis zur einen Seite des Daches und verharrt einen letzten Moment an dessen Brüstung. Dann nimmt er Anlauf, läuft, ein letzter, plötzlicher Blick zur Seite, Momentaufnahme des Lebens, springt dann ab - aus. Bis dahin ist die Szene pathetisch sowie schön, als ganz großer Filmmoment vor allem visuell und akustisch berauschend.

Als der Gesprungene, es ist der weltfremde Tom Tom (Jeremy Davies), fällt, setzt das ein, was narrativ nicht erst seit "American Beauty" wieder hip ist: der posthume Rückblick des Ich-Erzählers. In "American Beauty" referiert er schlau aus dem Jenseits, während Tom Tom ja noch stürzt. Aber auch er hat schon Etwas zu verkünden. Mit seltsam sonorer Stimme klingt aus dem Off mal wieder eine Widmung an das Leben, das man ja aufgrund menschlich verengender Perspektive erst nach dem Tod richtig lieben lernen könne. Dann springt Wenders an den Anfang aller Ereignisse. Fast könnte man von Kammerspiel sprechen, denn das teils surreale Geschehen konzentriert sich in Sozialstudienperspektive allein auf das heruntergekommene Hotel mit dem bitterironischen Namen und seine bizarren Gestalten.

Hier hat sich eine illustre Truppe der größten Existenzversager angesammelt, die dem scheinbar hermetisch abgeschlossenen Hotel eine Welt mit eigenen Gesetzen verleiht. Ganz klar, die verlorenen Bewohner liegen außerhalb des "normalen" Gesellschaftsdiskurses und nicht sie sind es, die "verrückt" sind, sondern jene, die von der Außenwelt kommend ihre Realität verstehen wollen. Einer von ihnen ist FBI-Agent Skinner, durch eine Halskrause einsatzgehemmt und eigentlich vergessener Teilnehmer der Exzentriker, den auch er war - wenn auch physisch - einmal der größte Freak.

Nun könnte man annehmen, ein nicht ganz gewöhnliches Hotel bedürfe eines Drehbuchs, das weniger Wert auf inhaltliche Kohärenz legt, denn wer würde schon eine geordnete Erzählung für ein anarchisches Gebilde verlangen? "U2"-Frontmann Bono hatte die Idee zum Film und setzte sich mit Nicholas Klein wegen des Scripts zusammen, was vielleicht im ideenüberfüllten Chaos, nicht aber gerade glücklich endete. Herausgekommen ist ein unentschlossenes Konglomerat, das drei Erzählstränge inkonsequent verfolgt: die Liebe zwischen Eloise und Tom Tom, die Mordermittlungen von Skinner und die Psychogramme der übrigen Hotelinsassen. Jeder von ihnen scheint eine eigene Geschichte zu haben, voller Geheimnisse zu sein und hinter der Fassade irgendetwas zu verbergen, doch Wenders nutzt seine Chance nicht, ihre Darstellung bleibt unentwickelt und vordergründig.

Immerhin kann man ihm, der mit der Besetzung von Mel Gibson wohl die Brücke vom europäischen Autorenkino zum Mainstream schlagen wollte, zugute halten, dass er die richtigen Darsteller fand. Jeremy Davies mimt hyperagil den verschrobenen Tom Tom und auch Model Jojovich, hübsch-hässlich arrangiert, weiß apathisch zu überzeugen. Doch geschieht schlichtweg zu wenig. Skinners Mordermittlungen wirken so aufgesetzt konzeptlos wie langweilig und die Annäherung von Eloise und Tom Tom hätte in zehn Minuten erzählt werden können. Allein das dezente Verweben von typisierenden Wehmuts- und die "Liebe hat die alles überwindende Kraft"-Motiven zusammen mit der geschickt aufgelösten Trennung zwischen vermeintlicher Normalität und Irrsinn sind beachtlich.

Statt mehr Substanz zu bringen, gefällt sich Wenders in zu vielen Momentaufnahmen, die wieder zur Oberflächlichkeit verkommen. Stets bleibt alles vage, immer ist unklar, wohin uns die abstrakten Bilder führen wollen, bis man fast geneigt ist, darüber einzuschlummern, um gegen Ende kurz aufgeweckt zu werden. Was "The Million Dollar Hotel" trotz seiner Diffusität und Wankelmütigkeit sehenswert macht, ist wieder das Wenders-typische Spiel mit Versatzstücken aus allen Genres, seine dichte, detailgenaue Stimmung mit wunderschönen Perspektiven und der Touch der ungewöhnlichen, schwer zu fassenden Realität, durch die letzte Kamerafahrt ins Makro-Optische kunstvoll gerahmt.

Merkwürdig vage Genremixtur mit magischen Leinwandmomenten


Flemming Schock