Cloverfield

USA, 85min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Matt Reeves
B:J.J. Abrams
D:Michael Stahl-David,
Mike Vogel,
Odette Yustman,
Lizzy Caplan,
Jessica Lucas
L:IMDb
„Like maybe the government created it or something.”
Inhalt
New York. In der Nacht vor seiner Abreise nach Japan feiert Rob (Michael Stahl-David) mit seinen Freunden eine große Abschiedsparty. Die Stimmung ist ausgelassen, die Freunde genießen den Abend, und höchstens ein paar verpasste Chancen und emotionale Eingeständnisse trüben die gute Laune mit einem Hauch von Melancholie. Doch dann werden die Feiernden plötzlich von einem Beben durchgeschüttelt, und in den Nachrichten ist zunächst tatsächlich von einem Erdbeben die Rede. Um sich einen Überblick zu verschaffen, rennen Rob und seine Freunde aufs Dach und sehen am Horizont den gewaltigen Feuerball einer Explosion. Schnell wird klar, dass sie es nicht mit einer Naturkatastrophe zu haben, sondern mit etwas Großem, etwas Zornigem, das in der Lage ist, die gesamte Stadt zu vernichten. Wie in einem Videotagebuch filmt einer von Robs Freunden alles, was ihm vor die Linse kommt.
Kurzkommentar
"Cloverfield" ist exzellente Kinounterhaltung. Angefangen von der unglaublichen make believe Atmosphäre, über die engagierten Jungdarsteller und das flotte Skript, bis hin zum grandiosen Sounddesign und dem famosen Schnitt. "Cloverfield" liefert und wird dem Hype und den hohen Erwartungen durchaus gerecht.
Kritik
"Cloverfield" war lange Zeit das wahrscheinlich bestgehütete Kinogeheimnis aller Zeiten und hat Kinofans aus der ganzen Welt zu leidenschaftlichen Spekulationen verführt. Von der Besetzung bis zur Story wurden alle Informationen unter Verschluss gehalten. Nur wenige Bilder und ein paar verschlüsselte Anhaltspunkte im Internet lieferten einige Hinweise. Lange Zeit war nicht einmal der Titel des gigantischen Actionspektakels bekannt - nur das Startdatum, an dem das Geheimnis endlich gelüftet wird, wer oder was es auf unsere Zivilisation abgesehen hat und wie es den Helden dieser Geschichte ergehen wird. J.J. Abrams, Regisseur von "Mission: Impossible 3", Drehbuchautor von "Armageddon" und Miterfinder der TV-Hits "Alias - Die Agentin" und "Lost", steht als Produzent hinter "Cloverfield", und wenn man ihnen trauen kann, war die Namensfindung für den Film doch ernüchternd trivial: "To keep the movie a secret, the project was given the codename "Cloverfield," after a street near Abrams' office. The filmmakers had planned to release the movie as Greyshot, the name of a key Central Park location. But the temporary title spread through the internet so quickly that crew decided to keep it." Hmm, echte Verschwörungstheoretiker wird diese Erklärung natürlich nicht zufrieden stellen, aber an dieser Stelle sei die Diskussion um die Namensgebung beendet. Gerne kann man sich aber im Fimspiegel-Forum weiter zu diesem Thema austoben.

Wenn man sich ein wenig mit der US-Presse zu "Cloverfield beschäftigt, kommt man zu dem erstaunlichen Schlussfolgerung, dass vielleicht doch so etwas wie eine Generation "YouTube" existiert. Die Washington Post meckert in etwa: "Cloverfield is a relentless, I-thought-my-eyeballs-were-bleeding exercise in visual disorientation." Dem folgt der Charlotte Observer: "No movie this year will better embody Macbeth's description of life itself: 'a tale ... full of sound and fury, signifying nothing.'" Es gibt also klare Anzeichen dafür, dass (vordergründig) "Cloverfield" ein Film der wirren Schnitte, der unbestimmbaren Klänge und der chaotischen Eindrücke wahrgenommen wird. Kurzum (ebenso vordergründig): Alles wirkt wie ein durchschnittlicher YouTube-Clip, wie ihn sich tausende von Menschen auf aller Welt jeden Tag ansehen. Doch gibt es freilich auch Widerspruch im amerikanischen Blätterwald. Empire meint: "A dazzling experiment that paid off immensely, this is cinematic pleasure at its purest. One caveat: If they ever make a sequel, we’re taking two stars back" und der Austin Chronicle ergänzt begeistert: "Cloverfield is the most intense and original creature feature I've seen in my adult moviegoing life, and that's coming from a guy who knows his Gojira from his Gamera and his Harryhausen from his Honda. Cloverfield isn't a horror film – it's a pure-blood, grade A, exultantly exhilarating monster movie."

Das eigentlich Faszinierende an "Cloverfield" ist sicherlich die surreale Atmosphäre, die der Film über 85 Minuten aufbaut. Für ein geschätztes Budget von 30 Millionen US-Dollar (Einspielergebnis des ersten Wochenendes 46 Mio $) schafft es das Produktionsteam mit sicherer Hand, das Monster glaubhaft in New York toben zu lassen. Dabei kommt es zu Glanzszenen wie der Zerstörung der Brooklyn Bridge. Doch schon zuvor, als der Kopf der Freiheitsstatue quer durch die Stadt geschleudert wird klar, die hämisch-boshaften Vergleiche mit "The Blair Witch Project" (siehe derStandard.at) sind eher an den Haaren herbei gezogen. "Cloverfield" hat andere Ausmaße. Nach dem unheimlich langsam und trägen wirkenden "Godzilla" von Roland Emmerich, macht es großen Spaß, diesem Ungetüm bei seiner Zerstörungstour in New York zuzusehen. Die gehetzten Figuren, denen der Zuschauer bei deren Flucht und Rettungsversuchen zusehen kann, sind als angeschnittene, etwas unausgearbeitete Charaktere zu verstehen. Das Produkt "Cloverfield" als verstecktes Serienkonzept? Denkbar. Durchaus vorstellbar sind daher eine oder mehrere Fortsetzungen. Imdb.com listet übrigens ein Sequel für 2009.

"Cloverfield" spielt geschickt mit Bildern und deren Manipulierbarkeit. Grauer Staub auf Mensch und Umwelt sowie Papiere, die planlos herumsegeln sind spätestens seit "War of the Worlds" (2005) das ultimative Symbol für 9/11: "We are under attack!" Überall registriert der Zuschauer Darsteller, die geradezu besessen mit ihren Fotohandys hantieren, aufnehmen, sich die Unglaublichkeit des Anblicks und des Erlebten lieber durch die distanzierte Ebene der Kameraaufnahme vergegenwärtigen, um das Unheimliche und Ungeheuere nicht zu nahe an sich heran zu lassen. Die Amateurbilder verweisen auf Dokumentation; die Explosionen heißen Fox und CNN. Soldaten eröffnen auf den Straßen das Feuer auf digitale Echsen; "Call of Duty 4" ist überall. Press "X" for Reload!


Believe the hype! Grandioser Film für die Generation YouTube. Und andere.


Rudolf Inderst