Der Nebel
(The Mist)

USA, 124min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Frank Darabont
B:Frank Darabont
D:Thomas Jane,
Laurie Holden,
Nathan Gamble
L:IMDb
„People are basically good; decent. My god, David, we're a civilized society.”
Inhalt
Ein mysteriöser Nebel, der die gesamte Landschaft einhüllt, zwingt die Bewohner einer Kleinstadt, sich in ihrem Supermarkt zu verschanzen. In den weißen Schleiern scheinen sich Wesen zu verbergen - merkwürdig schaurig und offenbar nicht von dieser Welt. Die Ungewissheit, was in der allesverschlingenden Wolke auf sie wartet, zerrt an den Nerven der Zwangsgemeinschaft und schürt Angst und Verzweiflung. Der Künstler David Drayton (Thomas Jane) versucht, dem Geheimnis der furchteinflößenden Erscheinung auf den Grund zu gehen. Die fanatisch-religiöse Mrs. Carmody (Marcia Gay Harden) glaubt hingegen, dass Gottes Zorn entfacht wurde, der nur durch ein menschliches Opfer besänftigt werden kann. Schnell findet sie Anhänger für ihre Theorie. Ausgerechnet Draytons kleiner Sohn Billy (Nathan Gamble) wird von der panisch-verängstigten Menge als Sühnengabe auserkoren. Ein erbitterter Kampf ums nackte Überleben hat begonnen, in dem die Grenze zwischen äußerer und innerer Bedrohung verschwimmt.
Kurzkommentar
Verfilmungen von Stephen King-Romanen? Schwierig. Verfilmungen von Kings Kurzgeschichten? Schwieriger! CGI-Monster und Gesellschaftskritik in EINEM Film? Äußerst schwierig! Kurzum: "The Mist" ist vielen anderen Monster-Kollegen weit überlegen und kann als Kammerspiel der besonderen Art überzeugen.
Kritik
"The Mist" ist eine Überraschung. Eine positive! Die Geschichte "Der Nebel" zählt bei der Leserschaft zu den beliebtesten: In schöner Regelmäßigkeit wünschten sich die Jünger des Romanciers die Verfilmung dieses geheimnisvollen Stoffes. Und nun, nach Jahren der Planung, die Rechte wurden bereits 1995 eingekauft, ist es soweit: Nebel zieht auf in Maine – und was für einer! Thomas Jane, der als Punisher bereits vor ein paar Jahren mit familiären Problemen zu kämpfen hatte, gibt wieder den besorgten und kämpferischen Familienvater, der sich Ängsten und Sorgen stellen muss, die sprichwörtlich nicht von dieser Welt zu kommen scheinen.
Und das gelingt ihm gut. Überhaupt gelingt dem gesamten Ensemble eine sehr ansehnliche Leistung. Besonders hervorzuheben ist dies, da angesichts von sozialen Extremsituationen und CGI-Attacken im Film oftmals nur noch Pathos und Lächerlichkeit seitens der Darsteller übrig bleiben. Nicht so in "Der Nebel". Hier hält die Riege, was sie verspricht. Die Rollen bestechen zwar nach wie vor durch ihre Funktionalität, doch verkommen sie zu keinem Zeitpunkt zu bloßen Erfüllungsgehilfen der Maschine B-Monsterfilm.

Regisseur Frank Darabont, King-Veteran, widersteht der großen Versuchung, "The Mist" als reinen Effektfilm zu präsentieren. Er tut gut daran, andere Krisen in den Mittelpunkt seines Films zu stellen. Darabont geht dabei wenig subtil vor – sehr zur Freude der Zuseher. Eine zentrale Rolle nimmt dabei das Verständnis von Gläubigkeit ein. Religion als sinnstiftendes System im Amokmodus! Stark bebildert Darabont den drastischen Zerfall der menschlichen Gemeinschaft innerhalb des Konsumtempels Supermarkt in Kräfte, die sich beide auf ihre Art rationalistisch glauben. Beide Gruppen nehmen die Bedrohung war, ziehen aber unterschiedliche Schlüsse und richten ihr Handeln entsprechend aus, beziehungsweise lassen sich zu unterschiedlichem Handeln an- und verleiten. Näher soll an dieser Stelle nicht darauf eingegangen werden, jedoch ist es eine große Stärke des Films, diese Konfliktlinien zu veranschaulichen und dabei mögliche Konsequenzen sehr graphisch aufzuzeigen. Wer im Recht ist, ist eben nicht die entscheidende Frage – daher mag man dem Film seine sehr präsente didaktische Note nachsehen. Viele aufmerksame Kleinigkeiten zeichnen "The Mist" aus – liebevoll werden Seitenhiebe und Hommagen verteilt, auf dass Fanboys Hitzewallungen ereilen (Stichwort: Poster). Da verschwindet langsam der tief sitzende Zorn auf das "The Fog"-Remake. Und das Ende des Films wird vielen Zuschauern noch lange im Gedächtnis bleiben.

Die US-Presse mag sich meinem positiven Eindruck nur bedingt anschließen. Einerseits loben ReelViews ("What a horror film SHOULD be - dark, tense, and punctuated by just enough gore to keep the viewer's flinch reflex intact.") und Entertainment Weekly ("There's a grim modern parable to be read into the dangerous effects of the gospel-preaching local crazy lady Mrs. Carmody (brilliantly played by a hellfire Marcia Gay Harden) on a congregation of the fearful."), auf der anderen Seite zeigen sich Blätter wie der Boston Globe ("The Mist doesn't provoke further thought; it provokes active annoyance at being punished in the service of a pulp morality tale with pretensions.") und die Baltimore Sun ("The Mist contains nary a dollop of wit and irony. As adapted and directed by Frank Darabont, there's no ambiguity either.") weniger angetan.

Überraschend faszinierender und gelungener Ausflug in die Welt des Horrorautors King. Empfehlenswert.


Rudolf Inderst