In die Wildnis
(Into the Wild)

USA, 148min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Sean Penn
B:Sean Penn, Jon Krakauer
D:Emile Hirsch,
Jena Malone,
Brian Dierker,
Catherine Keener,
Hal Holbrook
L:IMDb
„Some people feel like they don't deserve love. They walk away quietly into empty spaces, trying to close the gaps of the past.”
Inhalt
Der 22-jährige Christopher McCandless (Emile Hirsch) hat gerade das College mit Auszeichnung abgeschlossen. Eine viel versprechende Zukunft liegt vor ihm. Eigentlich. Denn ganz zum Leidwesen seiner Eltern (William Hurt, Marcia Gay Harden) pfeift er auf das Jurastudium an der renommierten Harvard Universität. Stattdessen spendet Christopher seine gesamten Ersparnisse, immerhin vierundzwanzigtausend Dollar, zerschneidet Kreditkarten und Sozialversicherungsausweis und macht sich auf, sein Leben für sich neu zu erfinden. Er lässt seinen Wagen stehen, verbrennt sein letztes Bargeld und trampt ohne einen Cent in der Tasche quer durch Nordamerika, Richtung Alaska, in die Wildnis. Unterwegs trifft er auf andere Aussteiger, erfährt menschliche Nähe, schließt Freundschaften. Doch es zieht ihn weiter, bis das Abenteuer in Alaska ein jähes Ende findet...
Kurzkommentar
Sean Penn bleibt sich treu: Das Porträt eines idealistischen Aussteigers auf Erkenntnisreise fügt sich trefflich in seine Filmographie seelischer Gratwanderer. Zwischen road movie und Naturfilm entspinnt Penn ein wirkungsvolles Drama existentialistischer Zwänge, randvoll mit prächtigen Landschaftsaufnahmen. Die unkonventionellen Typen des Ensembles und die Musik von Pearl Jam-Fronter Eddie Vedder vervollständigen den authentischen, emotional anrührenden Eindruck.
Kritik
Christopher Johnson McCandless steht abwartend neben der Bühne. Als sein Name aufgerufen wird, spurtet er die Stufen hoch, überquert die Bühne im Laufschritt, hebt kurz die Hand und nimmt sein Zeugnis entgegen, ohne einmal den Blick über die Gästeschar schweifen zu lassen. Abschlussfeiern sind gemeinhin euphorische Höhepunkte in der Biographie eines jungen Menschen. Einer so tief empfundenen Euphorie, die imstande ist, Gräben zwischen Eltern und Kindern, wenigstens für einen Moment, zu überwinden. Für Chris McCandless ist sie eine so hohle Geste, dass er sich nicht nur der Euphorie verweigert, sich selbst zum Erreichten zu gratulieren, sondern nicht einmal seinen Eltern gestattet, diesen stolzen Augenblick auszukosten.

Helen Mirren sprach kürzlich treffsicher über das Thema Image, ihres und das eines jeden ganz allgemein. Auf die Feststellung des Redakteurs, dass es doch absolut inakzeptabel sei, wenn das eigene Image von anderen bestimmt würde, entgegnet sie: „Doch, doch, Sie müssen es akzeptieren! Auch aus der Sicht anderer setzen Sie sich zusammen, nicht nur aus der eigenen.“ Diese Einsicht ist es, könnte man sagen, mit der der junge McCandless so seine Schwierigkeiten hat – will er sich doch mit aller Kraft befreien von den Erwartungen und Vorstellungen, die die anderen, sprich: seine Eltern, von ihm haben.

In Penns Entwurf ist Chris alias Alex auf den ersten Blick ein liebenswerter Kerl – sein Idealismus und seine Aufrichtigkeit sind so stark, sie schützen ihn selbst vor den Avancen liebestoller Teenagerinnen. Doch sie verbergen seine zwiespältigen Motive. Denn seine Reise ist schließlich auch ein sehr verzweifelter Akt. Nur die Kompromisslosigkeit seiner Unternehmung unterscheidet das, was er tut, vom alltäglichen Aufbegehren eines Teenagers oder dem klischeehaften Backpacking-Abenteuer, das westliche Schulabsolventen gerne zur Selbstfindung unternehmen. („3 Monate durch den südamerikanischen Dschungel“ – aber nur mit Traveller’s Cheques, die sind auch nach einem Diebstahl ersetzbar.) Ist er nicht etwas zu alt für diese Rebellion? Oder besser – etwas zu belesen? Keines der weisen Bücher, die er so sicher rezitiert, schützt Chris vor dem grenzenlosen Egoismus und der Selbstgerechtigkeit, mit denen er seine Familienbande kappt.

Woher kommt also seine völlige Desillusionierung vom Leben in der Moderne? Liegt es an der schwierigen Beziehung seiner Eltern? Selbsthass durch Liebesentzug? Oder an der materialistischen Fixierung des gesellschaftlichen Daseins? Flucht vor Konformitätszwang, Konsumwut, Uniformität? Beides bietet Sean Penn in seiner Charakterisierung von “Alexander Supertramp” als Möglichkeit an. Doch für alles, was ihn aus der Mitte der Gesellschaft treibt, gibt es etwas, das ihn in die Natur zieht. “Alex” ist auf der Flucht, und ebenso ist er auf der Suche. Dieser Suche, der kaum in Worte zu fassenden Sehnsucht nach der Erfüllung eines ständigen Aufbruchs, gilt Penns eigentliches Interesse.

In jeder seiner Begegnungen trifft Chris auf Ersatzeltern – das pragmatische Hippiepärchen Jan und Rainey, den jovialen Getreidefarmer Wayne und den einsamen Armeeveteran Ron. Diese Vater- (und Mutter)figuren sind zugleich jeweils auch sein alter ego, weil sie, aus verschiedenen Gründen, mit sich selbst den gleichen Daseinskampf ausgefochten haben wie er. Darin liegt ihre emotionale Bindung an Chris, und ihre Bedenken gegenüber seinem Unterfangen werden spürbar, aber keinem von ihnen gelingt es, ihn ernsthaft in Frage zu stellen, bevor sie seinem Charme erliegen. Er bricht mit einem festen Weltbild – “a fiercely rigorous moral code” – auf und streift durch die Lande, als würde er eine Botschaft unters Volk bringen – ein Wanderprediger des Idealismus. Erst die einsame Kontemplation in der Wildnis löst in Chris einen Erkenntnisprozess aus, der ihn zum Umdenken bewegt.

Wie schwierig sich die Zivilisationsflucht in die (letztlich doch nicht so) unberührte Wildnis gestaltet, zeigt sich auf nicht ganz unironische Weise darin, dass Chris auch nach Ankunft in der lang ersehnten Einsamkeit immer noch auf die Überreste der Zivilisation angewiesen ist: Unterschlupf findet er ausgerechnet im Wrack eines alten Linienbusses. So sieht Thoreaus Holzhütte Marke Eigenbau am Walden Pond des 20. Jahrhunderts aus – die Räume werden enger, die Möglichkeiten weniger. Da muss man eben Kompromisse eingehen. Das ist es, was Herr Supertramp eigentlich erkennt. (Der Bus aus Fairbanks, Alaskas Hauptstadt, wurde ursprünglich in die Wildnis verfrachtet, um Arbeitern als Unterkunft zu dienen, die den so genannten stampede trail anlegten.)

Desöfteren verlässt sich Penn auf reichlich abgegriffene Motive für seine Freiheitssymbolik – man zähle die Flugzeuge am Himmel und die Vögel im Sonnenuntergang – und er bewahrt seinen Protagonisten auch nicht davor, bei allem Tolstoi Kalenderweisheiten wie “If you really want something in life, you just gotta reach out and grab it” von sich zu geben. Doch nichts davon stört lange genug, um die emotionale Integrität der Erzählung zu schmälern. Ganz im Gegenteil: Penn weiß um die Naivität von Chris’ Ausbruch, und alle übrigen Figuren wissen es ebenfalls. Deshalb gerät jeder Abschied trauriger als der vorherige, und das, ohne ins Sentimentale zu gleiten. Am stärksten ist dann die Wucht, mit der Penn die lähmende Hilflosigkeit von Chris’ Eltern bebildert.

Im Pressetext fasst Eddie Vedder den emotionalen Kern des Films so zusammen: „Ich habe noch sehr deutliche Erinnerungen an das Alter, in dem du die Scheiße siehst, die in der Welt passiert, und wissen möchtest, wie du darauf reagieren kannst, wie du ein bisschen Idealismus bewahren kannst und wie du es vermeiden kannst, genau so ein autoritärer Typ zu werden wie die, unter denen du aufwächst. Es war eine Gelegenheit, sich diesen Gedanken noch einmal zu stellen. Man muss wohl ganz schön viel Mumm haben, um zu tun, was Chris getan hat, und selbst wenn da einiger Leichtsinn im Spiel war, ist das eine Art von Leichtsinn, die wir später vermissen, wenn wir uns in der Welt eingerichtet haben und uns wundern, was wir alles mit unserem Leben hätten tun können.“

“Please excuse me while I tend to how I feel”: Verständnisvolles, eindringliches Porträt einer romantischen Sinnsuche.


Reinhard Prosch