Todeszug nach Yuma
(3:10 to Yuma)

USA, 117min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:James Mangold
B:Halsted Welles, Michael Brandt, Derek Haas
D:Russell Crowe,
Christian Bale,
Peter Fonda,
Gretchen Mol,
Ben Foster
L:IMDb
„Morale ain’t got a damn thing to do with it.”
Inhalt
Der Bürgerkriegsinvalide Dan Evans bewirtschaftet zusammen mit seiner Frau Alice und seinen beiden Söhnen eine kleine, abgelegene Ranch in Arizona. Dan steht kurz vor dem finanziellen Ruin – der prinzipientreue Farmer muss nicht nur um seine Existenz fürchten, sondern sich auch eingestehen, dass sein ältester Sohn Will zunehmend den Respekt vor ihm verliert. Eines Tages wird Dan Zeuge eines brutalen Raubüberfalls auf eine Postkutsche. Der berüchtigte Bandit und Outlaw Ben Wade und seine Gang töten alle Mitreisenden und nur einer überlebt: Kopfgeldjäger Byron McElroy, den Dan in das Städtchen Bisbee zu einem Arzt bringt. Durch einen Zufall kann er dem örtlichen Sheriff dabei helfen, Wade gefangen zu nehmen. Angesichts seiner aussichtslosen finanziellen Situation lässt er sich auf einen riskanten Deal ein: Für 200 Dollar ist er bereit, Wade gemeinsam mit einer Handvoll Männer zu einer Bahnstation im Ort Contention zu eskortieren, der drei Tagesritte entfernt liegt. Doch Wades Komplize, der kaltblütige Charlie Prince, und seine Bande lassen nichts unversucht, um ihren Anführer zu befreien. Und auch Wade selbst, obwohl gefesselt, bleibt eine Gefahr. Die Uhr tickt und Dan sieht seine große Chance gekommen, endlich seiner Familie und nicht zuletzt sich selbst zu beweisen, was einen Mann zum Mann macht.
Kurzkommentar
“Walk the Line”-Regisseur James Mangold erfüllt sich mit seiner Neuverfilmung von Elmore Leonards Kurzgeschichte “3:10 to Yuma” einen Kindheitstraum. Ein markant-authentisches Ensemble von Satteltaschengesichtern zieht schon verbal die Colts. Eine dynamische Inszenierung sorgt für shootouts mit Actionfilm-Charakter. Eingebettet in die erbarmungslos zugespitzte Eskalation einer linearen Läuterungsgeschichte sorgen sie für unnachgiebige Spannung. Mit anderen Worten: Ein kompletter Western, für den man nur „Danke!“ sagen kann.
Kritik
Es wurde an dieser Stelle schon ausführlich über den Sinn und Unsinn von Remakes spekuliert. Zeit, eine Position zu beziehen, mit der man das Thema als erledigt betrachten kann. Denn wieso sollte es sich hier anders verhalten als beim Theater? Der einzige Grund, wieso die Neuinterpretation von klassischen Stoffen beim Film noch nicht zum guten Grundton gehört, ist sein verhältnismäßig junges Alter. Abgesehen von dieser Gewohnheitsfrage sollte es doch akzeptabel sein, dass Geschichten generationsweise aktualisiert werden, ohne dass jemand gleich die Unantastbarkeit einer künstlerischen Vision o.ä. bemüht? Soviel vorweg in eigener Sache.

“The Deadly Outlaw” heißt das Buch, das der 14-jährige William auf seinem Nachttisch hat. Es ist die Sorte Groschenroman, die die gunslingers des Wilden Westens zu veritablen Helden verklärt. Die Art von romantischer Fantasie, die auch der Robert Ford zu verschlingen pflegte, wie kürzlich zu bestaunen war. Als Bösewichte gleichen sich Jesse James und Ben Wade denn auch in ihrer kriminellen Ruchlosigkeit. Und doch könnten sie kaum unterschiedlichere Persönlichkeiten sein. Während der Eine in einer beinahe narzisstischen Mischung aus Melancholie und Paranoia zur Schau stellt, wie schwer er an der Leere der Existenz zu tragen hat, genießt der Andere voller Wonne die machtvolle Leichtigkeit des Gaunerseins. Bob Ford und Will Evans verbindet die gleiche Art der Faszination des charismatischen Bösen – “He’s fast!” entfährt es William voller Anerkennung – aber wie unterschiedlich sie sich doch äußert. "The Assassination of Jesse James" zeigt Individuen, deren Entscheidungen oft einfach nur ihre widersprüchliche Menschlichkeit zeigen. "3:10 to Yuma" zeigt Archetypen, deren Entscheidungen im Dienste der Erzählung stehen.

Damit Wade nicht nur in den Augen eines leicht zu beeindruckenden Teenagers eine verführerische Präsenz entfalten kann, wird er als geradezu omnipotent charakterisiert. Ben Wade ist ein echter Übermensch, dessen Anziehungskraft sich keiner entziehen kann. Er ist gebildet, bei Bedarf charmant und redegewandt. Mit absoluter Souveränität, bestechender Logik und unheimlicher Auffassungsgabe seziert er die Persönlichkeiten seiner Bewacher und manipuliert sie nach Belieben. Obendrein sieht er selbst mit Hut noch fabelhaft aus. Frauen wollen ihn, Männer wollen sein wie er – aber ihr Gewissen hindert sie daran. So erscheint er zunächst als ein Mann, der keine Regeln kennt. Und doch lebt er nach einem Ehrenkodex – den verwundeten Kopfgeldjäger McElroy lässt er am Leben, am nachlässigen Tommy statuiert Ben, mit dem alttestamentarischen Segen des passenden Bibelzitats, ein Exempel, weil er ihn und die Gruppe in Gefahr gebracht hat. Hier kriegt jeder nur das, was er in seinen Augen verdient. Im Gegensatz zu Jesse James würde ein Ben Wade niemals einem Mann in den Rücken schießen. Was Russell Crowe hier macht, sollte man einfach nur virtuos nennen. Er versieht seine Killernatur mit genug understatement, dass selbst ein feingeistiges Hobby wie Zeichnen nicht manieriert wirkt.

In Dan Evans begegnet er seinem Antipoden. Ein Musterbeispiel von Aufrichtigkeit ist Dan, Zeit seines Lebens hat er sich an die Regeln gehalten. Wer anständig ist, den belohnt das Schicksal, man ahnt es, mit gut gemeinten Nackenschlägen und fiesen Tritten in die Kniekehle. Seine noble Art macht es Dan natürlich noch schwerer. Selbst wenn er wie ein geprügelter Hund im Staub liegt, erhebt er nicht die Hand gegen seine Gläubiger. Seine Behinderung, so scheint es, ist nur die augenfälligste seiner Schwächen. Dan muss sich Sturheit vorwerfen lassen, und auch wenn ihn die Umstände dazu zwingen, an seiner Farm festzuhalten, ist es letztlich sein unbeugsamer Wille, der ihn zu ungeahnter Größe wachsen lässt.

Ihren Konflikt tragen Wade und Evans vor dem Hintergrund der Zivilisierung des rechtsfreien Westens aus, der längst an seine natürlichen Grenzen gestoßen ist. Mit ihnen treffen zwei Lebensentwürfe aufeinander, die in ihrem Anachronismus gleichermaßen von der unaufhaltsamen Industrialisierung bedroht sind. Weil er seinen Besitz nicht aufgeben will, steht Evans’ mickriges Farmerdasein der mobilen Erschließung des Westens durch die Eisenbahngesellschaften im Wege. Und weil Wade deren Profit gefährdet – “Ya'll notice he didn't mention any of the lives I've taken?” ist sein lakonischer Kommentar dazu –, ist auch er nicht mehr zeitgemäß. Das Recht des Stärkeren besteht weiter, beanspruchen werden es freilich nicht mehr die rauen Individuen der Pionierszeit, sondern die emporschießenden Handelsgesellschaften der Moderne. Diesen Zusammenhang lässt Regisseur James Mangold auf ganz elegante Weise durch die Figur des Bahngesellschafters Grayson Butterfield anklingen. Wer auf diesem Pfad weiter reiten möchte, findet in den chinesischen Arbeitern, die der Bahn den Weg durch den Berg bereiten, ökonomisch vorausdeutenden Subtext galore.

Angesichts dieses Zweikampfs von Opportunismus und Idealismus, Macht und Ohnmacht, Tugend und Laster muss der berühmt-berüchtigte Marquis De Sade vor Freude im Grab rotieren, so deutlich sind die Anleihen bei seinen Romanschwestern Justine und Juliette. Weil Mangold aber nach den Gemeinsamkeiten seiner Protagonisten sucht, bewahrt er seinen Film trotz dieses dualistischen Schemas vor Schwarz-Weiß-Malerei. Stattdessen konstruiert er eine sagenhaft zwingende Dramaturgie um die haarsträubende moralische Knochenmühle, in die sich Dan manövriert.

Jeder kann ein schlechtes Vorbild sein: Hochdramatisch konsequente Westernballade auf dialektischer Suche nach dem wahren Heldenethos.


Reinhard Prosch