Seed

Kanada, 90min
R:Uwe Boll
B:Uwe Boll
D:Michael Pare,
Ralf Moeller
L:IMDb
„Jeder hat ein Schicksal”
Inhalt
Max Seed, ein zum Tode verurteilter Massenmörder, soll auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden. Nach drei erfolglosen Versuchen, ihn hinzurichten, schießt bereits das kochende Blut aus seinen Augenhöhlen, doch Max Seed lebt weiter. Obwohl das Bundesgesetz der USA besagt, dass der Verurteilte in einem solchen Fall begnadigt wird, beschließen der Gefängnisdirektor Wright, der Henker und der anwesende Arzt Dr. Wickson, den qualmenden und nach Luft ringenden Seed für tot zu erklären. Lebendig begraben, kämpft er sich mit letzter Kraft und dem festen Willen an die Erdoberfläche, bitterliche Vergeltung zu üben. Von Rache getrieben, nimmt er die Spur des Henkers auf.
Kurzkommentar
Das deutsche Bollwerk sorgt für seinen eigenen heißen Herbst: "Postal", "Dungeon Siege" und der hier zur Besprechung vorliegende "Seed", fordistisch am Fließband komponiert, laufen in den deutschen Kinos an. In seinen besten Momenten erinnert der düstere Horrorthriller "Seed" durch sein gediegenes Erzähltempo an Carpenters "Halloween". In seiner Gesamtkomposition erinnert er allerdings eher an einfallslose B-Ware, geschmückt mit grenzdebilen Dialogen und abgehalfterten Humanschauspielkapital. Gorehounds freuen sich über das Einmaleins des Hammerfolterns – Tierfreunde verlassen betroffen den Saal.
Kritik
Michael Bay ist der amerikanische Uwe Boll. Zu so einem Einleitungssatz musste es einmal kommen. Für 2008 hat das deutsche Regie-Wunderkind schon zwei neue Streifen auf der Agenda, nämlich "Tunnel Rats" und "Far Cry" – dabei handelt es sich zum wiederholten Male um Spieladaptionen. Mit diesen begann der Wahrnehmungsprozess des promovierten Germanisten, obgleich er zuvor schon reichlich filmische Erfahrung gesammelt hatte, welches allerdings gerne in der Berichterstattung unterschlagen wird. Kürzlich war in einem amüsant zu lesenden Artikel von Rüdiger Suchsland ("Die eigenartige Karriere des Dr. Boll) folgende Aussage Bolls zu vernehmen: "Bevor ich mir bei den Studiobossen oder den deutschen Förderheinis den Mund fusselig rede, begeistere ich lieber noch ein paar Zahnärzte." Recht hat er. Ob Zahnärzte von den Methoden, die der Soziopath Max Seed mit seinem Dentisten-Hämmerchen aus dem Baumarkt in Boll neuem Film "Seed" exerziert, d'accord gehen, sei an anderer Stelle diskutiert.

Die 1970er müssen ein interessantes Jahrzehnt gewesen sein – obwohl Optiker dieser Welt es kollektiv verschweigen und unterschlagen, sahen die Menschen ausschließlich in Brauntönen. So suggeriert es "Seed". Wenn irgendetwas in der Kulisse nicht braun ist, dann wählt Boll Möglichkeit Zwei: Dunkel. Diese Dunkelheit, die absolut dominant über die ersten zwanzig Minuten herrscht, begleitet schnauzbärtige Cops bei der völlig verunglückten Festnahme des Gewalttäters, der wiederum fleißig bei MacGyver und dem Jigsaw Killer in der Lehre war. Dabei deutet Boll kommende (Film-)härte an, ohne den Ittenbach zu geben. Der darf allerdings auch wieder ran – nachdem man bereits so erfolgreich bei "Bloodrayne" zusammenarbeitete, bereitet der deutsche Splatterpapst ein paar aufschlussreiche Verwesungsschnelldurchläufe für Boll auf. Zusammen mit dem Material, das der Tierschutzverein PETA zu Verfügung stellte, darf der Zuschauer sich immer wieder schelmisch-intentional fragen: "Ach, [Pause], ist nicht der Mensch eigentlich die größte Bestie unter allen?" [Kopfnicken].

Der 90-minütige Film, der beim New York Horror Film Festival den Preis für die beste Spezialeffekte abräumen konnte, wurde komplett in Vancouver in weniger als 30 Drehtagen für 10 Millionen US-Dollar herunter gekurbelt und spielt erfolgreich mit ein der hartnäckigsten Legenden der US-Justiz: Ein Gesetz, das die Freilassung eines Todeskandidaten nach dreimaligem Überleben des elektrischen Stuhls vorschreibt, existiert nicht. Andererseits: Plausibles scheint sowieso nicht die Stärke des Films zu sein, was letztlich nur ein Kritikpunkt sein kann und darf, weil der Film sich selbst so schrecklich ernst nimmt. "Seed" hätte jedoch an manchen Stellen ein kräftiges Augenzwinkern gut getan. Ach so, Ralph Moeller macht ja auch noch mit. Er raucht und schweigt. Stoisch, dieser Moeller. Zählt es deshalb schon als Augenzwinkern. Abwarten. Und der grenzgeniale Michael Pare. Hat noch jemand "Moon 44" im Kopf? Nicht? Besser so. Als schwaches Imitat eines Imitats des Blicks von James Dean stolpert Pare sich von Szene zu Szene. Allerdings: Wer Van Damme in "Until Death" oder James Belushi in "Retroactive" mochte, wird sich hier an Pare nicht satt sehen können. Für Freunde von Clipkultur hält "Seed" ein blutiges Schmankerl bereit, welches bestimmt schon auf den diversen Videoplattformen seine Runde dreht – die etwa zweiminütige Zubreiklopfung eines Frauenkopfes. Völlig kontextfrei. Völlig armselig.


Handkameralastiger Horrorthriller, der über müde Zitate nicht hinauskommt.


Rudolf Inderst