Ex Drummer

Belgien, 90min
R:Koen Mortier
B:Koen Mortier, Herman Brusselmans
D:Dries Vanhegen,
Norman Baert,
Sam Louwyck,
Gunter Lamoot
L:IMDb
„Six Million Jews. Das ist ein guter Name. Wieso bin ich nicht darauf gekommen? - Weil Du nie auf etwas kommst. Außer auf die glatzköpfige Mutter von dem da drüben.”
Inhalt
Eines Tages stehen sie vor seiner Tür: Drei Möchtegernmusiker aus dem tiefsten Sumpf der belgischen Provinz bitten den erfolgreichen Buchautor Dries Vanhegen darum, den noch vakanten Posten des Schlagzeugers in ihrer geplanten Rockband zu übernehmen. Dries, fasziniert von der morbiden Aura sozialer Verelendung, willigt ein und tauft das derart glücklose Häufchen "The Feminists." Fortan ist er immer dabei: Im Proberaum auf dem Bauernhof von Jans Eltern, wo die Mutter den kranken Vater per Zwangsjacke ans Bett fesselt, im blutigen Apartment von Koen, der nur Lust empfindet, wenn er Frauen misshandelt, und in dem verkommenen Loch, in dem Ivans Frau auf der Couch vor sich hindämmert und das schreiende Baby mit Haschisch ruhigstellt. Wie ein Gott steigt Dries immer wieder hinunter in den Sündenpfuhl, kommentiert, manipuliert, intrigiert... bis er sich schließlich selbst als mythischen Erlöser wähnt, der die Welt um ihre Übel erleichtert. Die Katastrophe ist unaufhaltsam.
Kurzkommentar
Ein als unverfilmbar geltender Skandalroman ist die Vorlage für das belgische „shock exploitation“-Drama: „Ex Drummer“ ist ein beinah ausnahmslos hässlicher Film. Beinah, weil auch aus Bildern mit unansehnlichem Inhalt sehenswert ambitionierte Montagen geschnitten werden können. Leider wurde das Prinzip „form follows function“ dabei nicht eingehalten.
Kritik
Bilder, die unerträgliche Ereignisse darstellen, verfehlen selten ihre Wirkung. Wenn nun ein Film den Aufwand betreibt, sein Publikum mit aller Macht zu verstören, ist auch hier die Kontroverse nicht weit. Der Grad der Provokation wird in „shock value“ gemessen. Die einen suchen angestrengt nach Erklärungsversuchen, die hinter dem Gräuel etwas Wesentliches erkennen lassen. Die anderen hauen dogmatisch auf den Tisch, was denn bitteschön auf der Leinwand zu sehen sein darf und was nicht. Der Exploitationfilm muss seine Exzesse irgendwie rechtfertigen - sonst wird aus „ungeschönt“ ganz schnell „geschmacklos.“

An Vertretern dieses wohlkalkulierten Grenzgängertums herrschte in den letzten Jahren kein Mangel. "Irréversible" von Gaspar Noé fällt einem da ein, Larry Clarks "Ken Park", der stellvertretend für alle seine Filme genannt werden kann, und auch Lukas Moodysson wusste mit "A Hole in my Heart" zu verstören. Auch aus Belgien kam der ein oder andere beunruhigende Beitrag: "C’est arrivé près de chez vous" ätzte mit einem satirischem Blick auf die faszinierte Sensationsgeilheit, mit der ein Team von Amateurfilmern einem Serienmörder bei seinem bunten Tagwerk in grauer Vorstadt über die Schulter schaut. Zuletzt förderte "Calvaire", eine Tortur von Passionschen Ausmaßen, die Dämonen in der Landbevölkerung der belgischen Provinz zutage.

„Ex Drummer“ wirft nun sozusagen den Blick unter den Fußabtreter des gesellschaftlichen Reihenhauses, der bürgerlichen Mitte. Wie aufgeschreckte Kakerlaken und Kellerasseln rasen unsere Protagonisten durch die heruntergekommensten Viertel von Oostende. Und was für Asseln das sind.

So zumindest berichtet es Dries, aus dessen Perspektive das Geschehen rekapituliert wird. Als Schriftsteller begreift er die Begegnung mit den drei sozialen Aussätzigen als inspirierende Grenzerfahrung. Seine weltverdrossenen Zynismen sind allerdings nur anfangs lustig. Unnachgiebig zerlegt er die fragilen Existenzen seiner Bandkollegen und stellt sie voreinander bloß. Klar, es trifft die Richtigen – aber sie sind nicht nur Dries’ Opfer, sondern vor allem Opfer ihrer eigenen Dummheit. Als wäre das nicht genug, nimmt er sich auch noch seine Geliebte vor (die er mit seiner Ehefrau „teilt“) und belächelt die naive Weltanschauung ihrer Abschlussarbeit über kollektive Trauer.

Die Chance zur emotionalen Verankerung der Charaktere durch das Element der Musik bleibt ungenutzt. Dass sich in dem einen Auftritt, auf den die „Feminists“ so vehement hinarbeiten, all der gesammelte Frust entladen könnte, muss man quasi erahnen. Die Motivation, die das Musikmachen zur einzigen kreativen Verwirklichung dieser gescheiterten Lebensentwürfe werden lässt, spürt der Zuseher nie.

Was Dries letztendlich daraus mitnimmt und niederschreibt, kommt über eine dokumentarische Nacherzählung nicht hinaus. Akribisch notiert er seine Unterhaltung mit Ma Verbeek. Ähnlich wenig inspirierend ist die Seherfahrung für den Zuschauer. Mit der Gewissheit des Unbeteiligten kann man sich der gleichen Motivation hingeben, die auch Dries antreibt – Einblick in diese Welt sozialer Totalausfälle zu bekommen, ohne dazu verdammt zu sein, ihr Leben wirklich leben zu müssen. So ist der Film denn auch vorbei, bevor Dries für die Folgen seines manipulativen Handelns gerade stehen muss.

Koen Mortier hat im Grunde einen Exploitationfilm gedreht, der über alle Maßen stilisiert ist. Sicherlich ist die amateurhaft-ruppige Form ein bewusst gewählter, für das Genre charakteristischer Stil, aber gerade das schützt ja nicht vor Überzeichnung. Siehe "Planet Terror," wobei „Ex Drummer“ natürlich beileibe keine Parodie ist und kein Interesse an kesser Selbstreferentialität hat. Und so schaffen die rückwärtige Wiedergabe, das Farbspiel und die Zeitlupe mehr mildernde Distanz, statt die unmittelbare Wucht des Gezeigten zu transportieren. Auch wenn der Pseudorealismus mittlerweile ein Klischée des art house-Films geworden sein mag – ein wenig Nüchternheit hätte hier mehr sein können. Zu guter Letzt nehmen die ästhetischen Sperenzchen (hier besonders: Koen wandelt an der Decke) derart überhand, dass man sich ein wenig vorkommt wie der Roadie der „Feminists“ nach seiner Begegnung mit „Dicker Schwanz“: Man musste es einfach sehen, aber was bleibt einem von dieser Erfahrung, das die Schmerzen rechtfertigt?

Man könnte „Ex Drummer“ als Abrechnung mit dem modischen Zynismus unserer Zeit lesen, der in seiner Destruktivität vor nichts Halt macht; allein, es fehlt ein emotionaler Kern, der dieses Anliegen spürbar machen würde. Das heisst nicht, die Augen vor der unangenehmen Wirklichkeit zu verschließen, ganz im Gegenteil. Man sucht und wird nicht fündig.

Besser die als ich: Ästhetisch aufreibende Freakshow mit dem Schauwert eines Autounfalls.


Reinhard Prosch