King of California

USA, 93min
R:Mike Cahill
B:Mike Cahill
D:Michael Douglas,
Evan Rachel Wood,
Allysin Ashley Arm,
Willis Burks II
L:IMDb
„Breaking and entering makes everything taste different.”
Inhalt
Die 17jährige Miranda hat es nicht leicht. Ihre Mutter ist längst abgehauen; ihr Vater Charlie hat gerade zwei Jahre in der Klapsmühle verbracht. Um sich über Wasser halten zu können, hat Miranda die Schule geschmissen und einen Job bei McDonald´s angenommen. Jetzt ist Charlie wieder da - völlig mittellos und wunderlicher und verrückter denn je. Er ist besessen von der fixen Idee, den verborgenen Schatz eines spanischen Eroberers des 17. Jahrhunderts zu heben. Der Haken an der Sache: Da, wo der Schatz vergraben liegen soll, steht jetzt ein riesiger Supermarkt. Ausgerechnet Miranda soll Charlie helfen, doch noch an die spanischen Golddublonen zu kommen.
Kurzkommentar
In seinem Erstling versucht sich Regisseur Mike Cahill an einer sinnstiftenden Familienzusammenführung mit Hindernissen. Michael Douglas, exzentrikfest dank "Wonder Boys", gibt den Part des labilen "psycho dads" aufrichtig, ohne parodistische Übertreibung. Ihm gegenüber behauptet sich "Thirteen"-Darstellerin Evan Rachel Wood mit wohldosiertem Temperament. Beide trifft keine Schuld: Die enervierend einseitige Schönfärberei geht voll zu Lasten des Drehbuchs.
Kritik
Der Name "Kalifornien" geht auf eine Legende zurück. Weil sich auch der wagemutigste europäische Entdecker nicht ohne ein lohnendes Ziel auf die Reise begeben hätte, mobilisierte man kurzerhand den Glauben an eine sagenumwobene Insel, die der spanische Schriftsteller Garci Rodríguez de Montalvo schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts beschrieben hatte. Ein Volk von tapferen, starken Frauen würde dort leben, natürlich ebenso stark wie schön, und natürlich lebten sie dort ohne Männer, denn es handele sich ja um Amazonen. Und selbstverständlich trügen sie Rüstungen aus Gold, denn andere metallische Rohstoffe gäbe es auf der Insel gar nicht. Die stärkste und schönste unter ihnen sei ihre Königin Califia, auf deren Namen die Bezeichnung für das Gebiet des bevölkerungsreichsten amerikanischen Bundesstaates zurückgeht.

Man könnte die Aussicht auf Unmengen Gold und Unzucht mit wilden Amazonen etwas polemisch als wichtigste Motivation europäischer Expeditionen in die neue Welt bezeichnen. Aber wieso sollte man das Streben nach Reichtum und Triebbefriedigung als Konstanten "männschlichen" Handelns derart beschränken? Dass sich daran überhaupt nichts geändert hat, beweist Michael Douglas in der titelgebenden Hauptrolle als "King of California."

Filmische Porträts psychischer Erkrankungen sind in aller Regel unbefriedigend, und "King of California“ stellt hier keine Ausnahme dar. Gerade wenn der Wahnsinn eigentlich als Mittel zum Zweck einer erbaulichen Geschichte über den hart erkämpften Wert der Individualität dient, treten die eskapistischen Schwächen des Unterhaltungsfilms zutage. Der Alltag dieses Manisch-Depressiven scheint überhaupt nur manisch geprägt zu sein: Mit entschlossenen Kulleraugen im Blick und einem Ausdruck sympathischer Verzweiflung im bärtigen Gesicht schreitet Charlie zur Tat. Im Grunde vereint er dabei in sich die nötige Lockerheit, das Leben nicht ganz so ernst zu nehmen und die Gabe, sein Bewusstsein auf das Hier und Jetzt zu beschränken. Zukunftsangst ist ihm ebenso fremd wie Vergangenheitsreue und sämtliche Unzulänglichkeiten der Gegenwart nimmt er mit humoriger Verantwortungslosigkeit. Man bekommt den Eindruck, dass er eigentlich nur ein wenig verschroben ist. Fast beneidenswert, so ein Dasein als Geisteskranker. Da wird der Irre auf einmal zum Weisen, der die Welt so sieht, wie sie eigentlich ist. Live for the moment.

Dass ein Manisch-Depressiver eben auch depressive Phasen hat, darüber setzt sich der Film bedenkenlos hinweg. Die Beiläufigkeit, mit der der Film Charlies Selbstmordversuch abhandelt, ist ungemein irritierend. Gerade der einseitigen Vater-Tochter-Beziehung hätte eine Vertiefung hier mehr Profil verliehen. Stattdessen wird Charlie mit Miranda ein "fix it child“ gegenübergestellt, dass an der Konfrontation mit dem kindischen Vater nicht mehr wachsen muss: Früh zur Selbständigkeit gezwungen, ist sie mit sich im Reinen und hat ihr Leben im Griff – bis Charlie auftaucht, dessen störenden Einfluss sie jedoch allzu bald großmütig in ihr Leben integriert. Die Klügere gibt nach, der Rest ist mäßige Belustigung.

Abseits der dysfunktionalen Familienbande zeigt „King of California“ einen Gegenentwurf zur oft beschriebenen kalifornischen Idylle, die gleichermaßen auch atmosphärische Einöde ist: Im streng getrennten stadtplanerischen Wechsel von Wohngebieten und Einkaufszentren der Vororte ist kein Platz für nonkonformistische Träumer. Wer seine Unangepasstheit außerhalb der eigenen vier Wände verwirklichen will, der läuft Gefahr, in der erstickenden Anonymität verloren zu gehen. Dieser Geist schwebte auch schon über vergleichbaren Produktionen wie "Sideways" oder "Down in the Valley" (ebenfalls mit Evan Rachel Wood), die das Kalifornien des sonnigen Hedonismus zwar in mitunter traumhaft schönen Bildern erahnen lassen, aber längst aus seinem verheißungsvollen Traum erwacht sind. Der Nonkonformist ist hier immer auch Loser, der Verlierer des amerikanischen Traums.

Im Gegensatz zu seinen artverwandten Befindlichkeitsstudien zieht "King of California" als Ursache für die existenzielle Entwurzelung seines Protagonisten das Motiv psychischer Krankheit heran, ohne sich jedoch darüber hinaus eingehend damit auseinander zu setzen. Stattdessen flüchtet er gemeinsam mit seiner Hauptfigur in deren ganz persönlichen Traum. Eigentlich ist Douglas' manische Figur ein ebenso archetypischer Verlierer wie Miles aus "Sideways." Nur wird sie hier auf romantisierende Weise verflacht. Damit ist sie mehr Karikatur als Charakter. Charlie entzieht sich mit ultimativer Konsequenz der Realität – und wir sollen das als unbeirrtes Beschreiten des eigenen Weges feiern? Dann doch lieber "Garden State." Ohne die psychische Krankheit, die ihn quasi entschuldigt, wäre Charlie ein ebenso unverbesserlicher "slacker" wie Jeffrey "The Dude" Lebowski, der unangefochtene Meister des würdevollen Scheiterns. Was bei Lebowski als Groteske funktioniert, ist hier letztlich ernsthaft rührend gemeint, und der Schuss geht nach hinten los.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint? Rosa bebrilltes Gegenwartsmärchen mit fragwürdigem Verständnis von Individualität und Selbstverwirklichung.


Reinhard Prosch