Die Legende von Beowulf
(Beowulf)

USA, 113min
R:Robert Zemeckis
B:Neil Gaiman, Roger Avary
D:Ray Winstone,
Angelina Jolie,
Ray Winstone,
John Malkovich,
Robin Penn
L:IMDb
„I am the ripper, the terror, the slasher. I am the teeth in the darkness! The talons in the night! My name is strength! And lust! And power! I AM BEOWULF!”
Inhalt
In grauer Vorzeit der Heldensagen stellen sich der mächtige Krieger Beowulf (Ray Winstone) und seine Mannen dem Duell mit dem monströsen Dämon Grendel. Der blutige Sieg über diesen schenkt dem nordischen Krieger zwar ein Königreich, erregt jedoch auch den höllischen Zorn Grendels ruchlos-verführerischer Mutter (Angelina Jolie), der für ihre Rache jedes Mittel recht ist.
Kurzkommentar
Eben noch nimmt Leonidas aus "300" den Männlichkeits- und Faschismusdiskurs in den Schwitzkasten, da taucht schon der nächste Übermann in den Kinos auf – und zwar als räumlicher Muskelschreck in 3D. Einstellungen, die für offene Münder sorgen werden, wechseln sich dabei im Regiewerk des Robert Zemeckis ("Forrest Gump", "House of Wax") mit stumpfsinnigen Dialogen ab, die oftmals allzu bemüht sind, die Geschichte zusammen zu kleistern. Technisch ein Kirmes-Wunderwerk, fehlt es "Beowulf" zudem durchgehend leider an Figuren mit Identifikationspotential.
Kritik
Geneigter Freund der Idee einer pädagogischen Weiterbildung durch Presse und Medien! Dieser Absatz wird in seiner Relevanz gerade Sie überraschen. Schon einmal den Ausdruck "uncanny valley" gehört? Es handelt sich dabei um ein medienpsychologisches Phänomen, welches unter anderem die Tatsache umschreibt, dass Menschen sich an künstlich erschaffenen Gesichtern und deren Mimiken stören, wenn sie einer Abbildung der Wirklichkeit immer näher kommen. Das Hirn fokussiert sich krampfhaft auf die Unterschiede und "Fehler". Angenehmer empfinden Menschen anscheinend Figuren, die sich durch einen höheren Grad an Abstraktion auszeichnen. Selbsttest gefällig? Einfach einmal im Internet nach dem E3-Videospieltrailer "Killzone 2" aus dem Jahr 2005 suchen und ansehen. Für das vermehrte Auftreten dieses Phänomens unter den Zusehern "uncanny valley" wird der 114-minütige "Beowulf", wie schon die Videospieladaption "Final Fantasy: The Spirits Within" aus dem Jahr 2001 mit Sicherheit sorgen.

Sprechen wir es ruhig und ohne Bedenken aus: "Beowulf" bietet fast durchgehend das Beste, was an Animation bisher überhaupt auf der Leinwand zu sehen war. Es ist schier unglaublich, mit welcher technischen Brillanz hier Unterhaltung geschaffen wurde. Begänne man an dieser Stelle all die erstaunlichen Optik-Kleinigkeiten aufzuzählen, könnte man Seiten füllen: Egal, ob es ich um Hautfalten, Gesichtshärchen, Fußspuren im Schnee, glitzerndes Gold in Höhlen, Wasserwellen, Klingenrost oder Körpersäfte in allen Farben handelt, "Beowulf" setzt sich mühelos und eindrucksvoll an die Spitze. In verschiedenen deutschen Kinos wird dem die Technologie-"Krone" in Form einer 3D-Brille aufgesetzt, was nicht nur ein soziologischer Gruppenspaß ist ("Weißt Du eigentlich, wie dämlich wir mit der Brille aussehen?" "Nein, lass und doch gleich mal 10-30 Handyfotos schießen!"), sondern dem Film dramaturgisch über die manchmal arg müden Runden hilft. Endlich wird dem Raum wieder Platz im Kino eingeräumt. Spielberg und Lucas planen schon wild vor sich hin. Wenn möglich also, bitte die dreidimensionale Variante wählen - zahlreiche Schockmomente im Tiefenraum sind vorprogrammiert und lassen den Puls in ungeahnte Höhen steigen.

Da erstaunt es wenig, wie oft der Kommentar zu hören und lesen war: "Man vergisst an vielen Stellen des Films, dass Animationen hier ihre Wirkmacht entfalten." Schon längst schreien die ersten notorischen Kulturpessimisten: "Schauspieler sind wohl bald überflüssig und arbeitslos!" Die Maschinenstürmer rüsten zum letzten Gefecht! Dem gegenüber: cyberlibertäre Übergeeks, die orgastisch jedes technisch-machbare Barthaar zelebrieren! Wo soll das hinführen? Samuel Huntington muss revidiert werden: Der eigentliche Clash of Cultures wird zwischen analog und digital ausgefochten werden! Immer ruhig Blut. Zwar gehen Fantasyspektakel dieser Sorte Hand in Hand mit Specialeffects, da sich die Verantwortlichen nicht mehr um physikalische Grenzen scheren müssen und optisch all das ausleben können, was man sich so konsens-episch eben unter Heldentum und Co vorstellt, aber "Beowulf" wird mit Sicherheit nicht als Film in Erinnerung bleiben, der das mittelenglische Versepos aus dem 6. Jahrhundert in all seiner tragischen Schwere und Bedeutsamkeit mittels gescannter Schön- und Hässlichkeit einzufangen weiß. Wer nach Figuren und Charakteren sucht, die sich sichtbar schmerzvoll an ihrer Schuld abarbeiten (statt des ewigen Blicks in imaginierte Fernen), gefangen in ihren Passionen, wird bei "Beowulf" nicht fündig.

Zugleich die ewig alberne Dämonisierung von Erotik und Lust gepaart mit reichlich fragwürdigen Körperbildern aus der Wachsfiguren-Schönheitschirurgie oder dem Werbeplakat der Muskelpumpbude unter der Schirmherrschaft des diabolischen Dr. Botox! Reichlich anstrengend, manchmal ungläubiges Kopfschütteln auslösend. Und nein, das Altenglische klang bestimmt nicht wie fiktives osteuropäisch der Marke: "Chrufe an…Natascha iste chwilligste Luder von Antike." Dennoch: Eines möchte man dem deutschen Feuilleton kräftig zurufen, wenn man sich die Besprechungen genauer ansieht. Der ewig gernbenutzte Vorwurf, es handle sich bei Film XY um ein verfilmtes Videospiel, weil nötige Tiefe angeblich nicht vorhanden sei, oder Film XY spreche als Zielpublikum Computerspieler an, da der Streifen ausschließlich auf Schauwerte setze, wird durch stete Wiederholung nicht richtiger. Es handelt sich dabei um manisch-paranoide Abwehrreflexe einer Garde Besprechender, die den Sprung über den eigenen Mediennutzungs-Schatten schlichtweg noch nicht vollzogen haben (und dies auch vermutlich ideologisch-verbohrt nicht wollen), sondern sich in einer Verständnisbastion anachronistischster Sorte verkrochen haben, um sich dort genüsslich in Vorurteilen und Klischees zu suhlen, wie es nur der übelste Schurkendrache in seinem Goldberg tun kann.

Die US-Presse gibt sich äußerst uneinheitlich und folglich im Schnitt knapp über durchschnittlich, was "Beowulf" betrifft. Zu offensichtlich ist wohl auch bei den US-Kollegen die Schwierigkeit des Spagates zwischen famoser Technik und schwächelnder Dramaturgie. Newsweek gibt sich ernüchtert: "The most interesting thing about Beowulf, alas, is its technology. It's the work of a man who has fallen in love with his toys […]. And the truth is the motion capture in Beowulf comes across as an unsatisfying compromise between animation and live action." In selbe güldene Horn blast die Baltimore Sun: "Owing more to the sword-and-sex-play fantasies of 12-year-olds than the traditions of Old English poetry, Robert Zemeckis' Beowulf will allow adolescents to have their cheesecake - and beefcake - and eat it, too." Ganz anders; die Besprechung in der Time: "It's got power and depth, and two kings whose greatness is diluted by hubris, and a thrilling dragon fight, and the demon Grendel as a tortured outcast, and a naked monster who looks a lot like Angelina Jolie." Oder Entertainment Weekly: "Beowulf is a solemnly gorgeous, at times borderline stolid piece of Tolkien-with-a-joystick mythology."

Spektakuläre Seherfahrung in 3D, welche die Längen und Spannungsarmut des Films angenehm zu übertünchen wissen


Rudolf Inderst