American Gangster

USA, 157min
R:Ridley Scott
B:Steven Zaillian
D:Denzel Washington,
Russell Crowe,
Josh Brolin
L:IMDb
„Frank Lucas läuft vor niemandem davon. Das ist Amerika!”
Inhalt
Anfang der 70er Jahre: Er war der erste Afroamerikaner, der es schaffte, in New York die Mafia zu übertreffen - mit besten Verbindungen zu vietnamesischen Drogenlieferanten, mit ebenso dreisten wie genialen Schmuggelmethoden und seinem legendären „Blue Magic"-Heroin. Er war Familienmensch, Held der Straße, und er war ein skrupelloser Gangster. Basierend auf der wahren Geschichte des New Yorker-Drogengangsters Frank Lucas schickt Ridley Scott zwei Superstars und Charakterdarsteller in ein packendes Duell: Denzel Washington als Gangsterboss Lucas und Russel Crowe als Detective Richie Roberts. Beide sind Außenseiter in ihrer Welt, beide folgen einem Ehrenkodex und beide haben Respekt voreinander - aber es kann nur einen Gewinner geben.
Kurzkommentar
„American Gangster“ ist ein nostalgisches Versprechen auf großes Genre-Kino. In der Geschichte des schwarzen Drogenkönigs im New York der 70er verwebt der große Ausstattungsfilm eine dicht inszenierte städtische Momentaufnahme mit zwei parallel erzählten Geschichten vom bösen Buben und seinem Jäger. Die Besetzung mit Russell Crowe und Denzel Washington ist konkurrenzlos gut, jedoch hat „American Gangster“ auch seine Probleme: Simple Gut-Böse-Kontraste mögen überholt sein, aber dem Film fehlt dennoch der tatsächliche Antagonist. Störender ist, dass sich die Wege der Figuren von Crowe und Washington erst in den letzten Minuten kreuzen und dem Film damit einiges an Potential abgeht.
Kritik
Von der besinnlichen Weinidylle der Provence in die Drogenhölle von New York. Auch wenn Russell Crowe natürlich wieder in einer der Hauptrollen zu sehen ist, könnte der Kontrast zu Ridley Scotts recht beiläufiger Romanze „Ein gutes Jahr“ aus dem letzten Jahr nicht frappierender sein. Das trifft wohl auch für den Titel von „American Gangster“ zu. Scott hätte seinen Dealer-Schinken ja „Blue Magic“ nennen können, wie das reine Heroin, mit dem der Hauptheld oder Hauptbösewicht (tatsächlich bleibt dies unklar) Frank Lucas im New York der 70er Jahre einen kometenhaften Aufstieg hinlegte und sich zum kurzeitigen Drogenkönig der Ostküste mauserte; zum ersten Mal wurde ein Schwarzer durch findige Geschäftsmethoden und grausame Konsequenz mächtiger als die Mafia – „American Gangster“ ist die ultimative Perversion des American Dream und natürlich eine ‚wahre Geschichte’ zudem. „Blue Magic“ oder jeder beliebige andere Titel hätte aber nicht annähernd deutlich gemacht, dass es Scott offensichtlich in ganz bescheidener Weise darum geht, sich in die Klassiker des Genres einzureihen und ein wahres Epochengemälde zu zeichnen. „American Gangster“ – das klingt wie das Muss auf ganz Großes Kino, auf das Muss eines eingetragenen Warenzeichens. Damit erinnert „American Gangster“ nicht wenig an den großspurig-schmucklosen „Gladiator“.

Tatsächlich sitzt man nach fast-epischen 160 Minuten ein wenig ratlos da, wenn der Epilog zur Vita des Drogenkönigs in wenigen eingeblendeten Zeilen nachgeschoben wird. Natürlich macht Sir Ridley Scott nichts wirklich falsch mit seinem Gangster-Drama, dafür beherrscht die 70-jährige Legende die Gesetze des Kinos viel zu gut, die der Ausstattung zumal: Großartig ist „American Gangster“ darin, das New York der 70er auf die Leinwand zu zaubern und Sehnsucht nach echter Coolness Raum zu geben – samt allen notwendigen Accessoires wie Pilotenbrille, Afro, fiese Hemden und Lederjacken mit breiten Revers, Funk und so fort. Weniger nostalgisch geht es zu, wenn der Drogensumpf und seine namenlosen Opfer in blitzlichtartigen Szenen in den Blick kommen. „American Gangster“ ist stilistisch voll auf der Höhe und auch erzählerisch gibt es im Grunde wenig meckern. Der renommierte Drehbuchautor Steven Zaillian („Schindlers Liste“, „Gangs of New York“) hat ein reibungsloses Drehbuch um Frank Lucas entworfen, der dank des morbiden Einfalls, ungestrecktes Heroin in den Särgen von US-Soldaten aus Vietnam direkt zu importieren und damit billiger verkaufen zu können, zum Schneekönig vom Big Apple wurde.

Zaillian und Scott machen die schockierende wie faszinierende Widersprüchlichkeit von Lucas’ Figur zur Triebkraft des Films und liefern eine Anatomie des bösen Buben. Der Zuschauer kann jedoch nicht anders als zwischen Sympathie oder Antipathie für den charismatischen Verbrecher zu schwanken. Scotts Inszenierung gibt sich ohne großen moralischen Anstrich und so ist Lucas, den Denzel Washington mit souveräner Zurücknahme gibt, von Beginn an auch als Held. Lucas wirkt wie das Abziehbild des edlen Gangsters, der viel von Ehrlichkeit und Respekt predigt, an Thanksgiving samaritergleich Truthähne auf der Straße verteilt und auf rührige Weise seiner Mutti ein Haus, nein, einen Palast schenkt – der gleichwohl aus dem Geld von tausenden toten Junkies stammt. Wie Lucas, der Killer, seine scheinheilige, grotesk-normale Familienidylle vom grausamen Existenzkampf auf der Straße abzuschotten versucht, setzt „American Gangster“ vielleicht schon ein wenig zu klischeehaft ins Bild; ebenso die unerbittliche Konsequenz, mit der Lucas etwa einen renitenten Konkurrenten ‚vor versammelter Mannschaft’ kurzum umlegt und dann zurück an den Frühstückstisch geht, um weiter über die Philosophie des Geschäfts zu sinnieren.

Dass Lucas in dieser schizophrenen Art nicht als echter Antagonist taugt, ist das erste Problem von „American Gangster“. Vielleicht hätte Scott doch deutlicher Stellung beziehen sollen. Die Abneigung des Publikums konzentriert sich nicht auf eine Figur, nicht auf einen klaren Punkt, was dem Film deutlich an Spannung nimmt, mögen eindimensionale Figuren auch noch so überholt sein. „American Gangster“ hat zwar keinen wirklichen Hänger, aber echte Höhepunkte, Eindrücke von Tiefe, sind ebenso rar. Zweitens hätte man, selbst wenn das der vermeintlichen historischen Faktenlage widersprochen hätte, das Zusammenspiel der beiden Superstars Russell Crowe und Denzel Washington narrativ weit besser lösen können. Mit dieser Großbesetzung schielt Scott eindeutig in Richtung Oscars und natürlich mimt auch Crowe den bullig-aufrechten Supercop in einer gnadenlos korrupten Stadt ausnahmslos überzeugend. So läuft das Verweben der Parallelwelten von Cop und Gangster recht funktional ab.

Aber zum einen hätte Scott auf überflüssige Komponenten des Privatlebens verzichten können – der Scheidungskampf von Roberts bringt uns diesen nur bedingt näher –, zum anderen stört ganz klar, dass sich die Wege von Schurke und Held erst in den letzten zehn Minuten kreuzen, selbst wenn dies durch die Parameter der Geschichte unausweichlich scheint. Der Schlagabtausch von Washington und Crowe in der Verhörzelle zeigt auf, was möglich gewesen wäre. Zu einem echten Duell der Oscargewinner kommt es erst gar nicht. „American Gangster“ ist zweifellos ein guter ‚Scott’, zu einem Meisterwerk bringt er es nicht.

Stimmungsvolles Gangster-Drama mit einigen erzählerischen Defiziten


Flemming Schock