Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford
(The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford)

USA, 159min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Andrew Dominik
B:Andrew Dominik, Ron Hansen
D:Brad Pitt,
Casey Afflek,
Sam Shepard
L:IMDb
„Do you want to be like me? Or do you want to be me?”
Inhalt
Robert Ford (Casey Affleck) bewunderte Jesse James (Brad Pitt) über alles - er war ein idealistischer und ehrgeiziger Junge, der sich nichts mehr wünschte, als eines Tages mit seinem Idol reiten zu dürfen. Er konnte nicht ahnen, dass er einst als der "dreckige kleine Feigling" in die Geschichtsbücher eingehen würde, der Jesse in den Rücken schoss.
Kurzkommentar
Eine echte Überraschung ist Regisseur Andrew Dominik da gelungen. Dieser Spätwestern lässt weit aus dem Fenster lehnen und zu der These führen, dass die beiden grandios agierenden Hauptdarsteller Afflek und Pitt die beste schauspielerische Leistung abliefern, die ich dieses Jahr im Kino sehen durfte. Dazu kommen Naturaufnahmen, die in ihrer Schönheit so seit "The New World" nicht mehr auf Leinwand zu sehen waren. Abgerundet wird dieser Sehgenuss durch den wunderschön-melancholischen Soundtrack und die stimmungsvolle Kameraarbeit Roger Deakins' (u.a. "House of Sand and Fog").
Kritik
Ein Herz für Gangster? Nachdem Andrew Dominik sich in seinem ersten Spielfilm der Verbrecherlegende Mark "Chopper" Read widmete, legt er nun mit "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" eine weitere inszenierte Biographie nach. Und was für eine – kaum kann man glauben, dass es sich "erst" um den zweiten Langspielfilm handelt. Dominik zeigt sich als äußerst sensibler und genauer Beobachter, wenn er seine beiden Hauptdarsteller in einer mitunter sehr surreal anmutenden Welt miteinander und gegeneinander antreten lässt.

Obwohl der Starstatus des Jesse James – denn nichts anderes möchte der Film untermauern: Der Begriff "Star" ist durchaus keine Erfindung des 20. Jahrhunderts und auf der Habenseite steht zudem eine völlig unüberschaubare Jesse James Filmographie von etwa 125 Titeln plus deren Rezeption durch den Zuschauer– eine Hierarchie vermuten lassen könnte, sind Pitt und Afflek sich näher als ihnen lieb und es gesund sein kann. Elegisches Psychogramm? Eine verkappte Liebesgeschichte unter ? Gegenseitige Anziehung, Eifersucht, Enttäuschung, Abstoßung, Versöhnung: All diese Begrifflichkeiten findet der Zuschauer auf den Gesichtern der Protagonisten wieder. Legenden tötet man nicht ungestraft: Die Schauspieler verleihen ihren Figuren enorme Tiefe – den inneren Twist, den sie ständig durchleben, ist absolut präsent und von unendlicher Schwere gekennzeichnet. Anders als angenommen, zertrümmert der Film nicht etwa einen Jesse James-Mythos, sondern justiert diesen neu, fügt neue Teile hinzu, zeigt James, für den der Amerikanische Bürgerkrieg wohl im Herzen nie wirklich zu Ende war, als interessante, weil innerlich gebrochene, jedoch äußerlich souverän auftretende Figur.

Aber der Film beschränkt sich nicht nur auf das tragend-tragische Gespann, viel mehr sind auch die Nebenrollen des 160-Minuten langen Western stilsicher und treffend besetzt. Sam Rockwell als Fords Bruder Charley oder Paul Schneider als charmanter Ladykiller Dick Liddil ("Poetry don't work on whores.") sind wunderbare und nachhaltige Teile des Ensembles. Wie bereits erwähnt, wurde der Western grandios "ins rechte Licht" gesetzt: die Kameraarbeit ist über jenen Zweifel erhaben.

Wirft man den Blick in die US-Presse, so ist vorsichtiger und zurückhaltender Applaus diagnostizierbar. "Though there is plenty of gunplay, this is a wondrously contemplative and poetic saga that offers a fresh and bewitching take on a timeworn genre," urteilt USA Today. Der Portland Oregonian halt fest: " Mournful and moody, crepuscular and poetic, The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford turns one of cinema's most rehearsed tales into a dreamy inquiry into the nature of sadism, hero-worship and betrayal." Abschließend und kritischer die New York Times: "Mr. Pitt is himself a supernova luminary, of course, and part of the attraction of this film is how his celebrity feeds into that of his character, adding shadings to what is, finally, an overconceptualized if under-intellectualized endeavor."

Wunderbar photographiertes Charakterportrait einer hervorragend gespielten Opfer-Täter und zugleich Täter-Opfer Beziehung.


Rudolf Inderst