Motel
(Vacancy)

USA, 85min
R:Nimrod Antal
B:Mark L. Smith
D:Luke Wilson,
Kate Beckinsale,
Frank Whaley
L:IMDb
„At least they could've provided us with a little bit of porn.”
Inhalt
Ein frisch verheiratetes Paar (KATE BECKINSALE und LUKE WILSON) strandet in einem abgelegenen Motel. Durch Zufall entdecken sie in ihrem Zimmer versteckte Videokameras. Als die beiden begreifen, dass sie Opfer eines Snuff-Films werden sollen, ist es fast schon zu spät. Denn der psychopathische Killer hat sie bereits als seine nächsten Hauptdarsteller vorgesehen und plant, das Pärchen vor laufender Kamera zu ermorden.
Kurzkommentar
Hollywood-Debütant Nimrod Antal liefert mit "Motel" einen durchweg soliden Thriller ab, der in den USA zu Unrecht von der Kritik verschmäht wurde. Der liebevoll arrangierte Look der Produktion, sowie die positive Tatsache, den Protagonisten abseits der Action viel Platz einzuräumen, heben den Film deutlich über den Durchschnitt.
Kritik
It is a long way from home…das gilt auch für Regietalente wie Nimrod Antal, der mit 17 Jahren von Los Angeles nach Ungarn zog, um dort an der Hungarian Academy of Drama and Film zu studieren. Sein Erstlingswerk nach Akademie-Abschluss, "Kontroll", gewann 2004 den "Prix de la Jeunesse" beim Filmfestival in Cannes. "Kontroll" zeigte nachdrücklich, dass Antal nicht nur einen ganz eigenen visuellen Stil besitzt, sondern auch die Fähigkeit, in einer räumlich begrenzten Umgebung den treffenden Erzählton zu inszenieren. Nun liefert er also mit "Motel", der leider das Schicksal vieler anderer Produktionen teilen muss, einen albernen deutschen Titel-Zusatz zu tragen ("Bis zum
Frühstück seid Ihr tot."), sein 85-minütiges Hollywood-Debüt ab.

1976 erschien unter dem simplen Titel "Snuff" ein argentinischer Film in den Vereinigten Staaten, welcher aus marketingtechnischen Überlegungen das Gerücht verbreitete, die Macher hätten eine der Darstellerinnen vor laufender Kamera umgebracht. Seitdem bezeichnet man solche Produktionen als Snuff-Filme, die zum Zweck der Unterhaltung des Zuschauers und mit kommerzieller Absicht Morde vor laufender Kamera darstellen. Das Thema "Snuff" wurde oftmals in kleineren B- und C-Filmen aufgegriffen; den großen Durchbruch hatte das Thema wohl aber erst durch den Schumacher-Film "8mm", wenn auch vielen Zusehern das Thema schon aus der spanischen Produktion "Tesis" bekannt gewesen sein dürfte.

Auch die beiden Protagonisten aus "Motel" werden sich unfreiwillig mit diesem Thema auseinander setzen müssen. Schon im Katastrophenmurks "Twister" ist eigentlich zu Beginn alles geregelt – das Ehepaar steht kurz vor der Scheidung, einzig die Papiere wollen noch unterzeichnet werden, als plötzlich die Hölle losbricht.
Luke Wilson, den man bisher fast ausschließlich in Komödien zu Gesicht bekam und Kate Beckinsale, die gepflegte Lederbraut aus der "Underworld"-Reihe, decken sich gegenseitig mit sarkastischen, tragisch-unterhaltsamen Seitenhieben ein. Das geht etwa 30 Minuten so, bis der Film eine andere Richtung nimmt, die Gefahr spürbar macht, und das Paar immer enger zusammen rücken lässt. Die Angst, die die scheinbar aussichtslose und tödliche Situation evoziert, lässt beide ihre Unstimmigkeiten und Launen vergessen. Jetzt hat das Noch-Ehepaar nur noch sich. Dabei ist die eigentliche Hauptperson des Films Beckinsale, die sich aus dem tablettenbetäubten Tief freikämpfen kann und zu einer Stärke findet, die sich ihr Charakter zu Beginn selbst nicht zugetraut hätte. Zwar gibt lange ihr Ehemann den Takt im verzweifelten Kampf um ihr Leben vor und treibt die Aktionen das Paars voran, doch am Ende wird es eine starke Frauenrolle mit eisernem Willen sein, die das Kapitel "Snuff-Hotel" beendet.

Der Feind bleibt dabei lange gesichtslos – wie in vielen amerikanischen Vietnamfilmen ist der Gegner nicht zu erkennen, spricht eine unverständliche Sprache oder schweigt und nutzt die Tücke; in diesem Fall ein Tunnelsystem unter dem Hotel, um sich unbemerkt von Motelzimmer zu Motelzimmer zu schleichen. Erst als das Ehepaar diesen guerilla warfare imitiert, steigen die Überlebenschancen. Auf die Frage seiner Ehefrau "Why are you watching this?", antwortet der zur Gegenwehr entschlossene Wilson: "I am looking for mistakes."
Doch auch die vermeintliche Bürgerlichkeit ist in dieses abartige Spiel involviert: Frank Whaley spielt Mason, den Hotelmanager und Kopf der Snuff-Bande. Zwar sieht dieser in der Rolle aus wie Michael Herbig und raubt dadurch den deutschen Zusehern ein wenig das Bedrohliche der Figur, aber seine kaufmännische Hinterlistigkeit und brutale Misogynie sorgen für einen unangenehmen Schauer. Wie schon in "Sliver" herrscht ein Mann über ein analog-perverses Videoimperium, dessen bluttriefende Geschichte durch die sich gut verkaufenden Kassetten in alle Landesteile getragen wird. Für Freunde der Kombination "Blut & Darm" bietet der Film wenig – Gott sei Dank, möchte man ausrufen, denn davon gab es in letzter Zeit reichlich und überflüssig zu sehen. Die entsetzliche Bedrohlichkeit strahlen in "Motel" die Videotapes aus, welche das Ehepaar findet und die die vergangenen Morde vor laufender Kamera zeigen. Das Nicht-Begreifenwollen, das sich dem Offensichtlichen Nicht-Stellenwollen spiegelt sich eindrucksvoll in den Gesichtern von Wilson und Beckinsale wider. Ungläubiges Starren verwandelt sich langsam in panische Angst um das eigene Leben.

Die technische Seite verdient jedoch auch Beachtung. So sticht zunächst einmal das famose Produktionsdesign ins Auge. Das titelgebende Motel entstand komplett im Studio und Ausstatter Jon Steele entwarf ein so unangenehm schmutziges und abgewracktes Motelzimmerdesign, dass die Zuseher sich mit großer Sicherheit ekeln werden. Kameraroutinier Andrzej Sekula ("Pulp Fiction") verpasste "Motel" einen erdigen, rauen Look und arbeitete oft mit harten, bedrohlich wirkenden Schatten. Dabei gelingt ihm der eindrucksvolle Kunstgriff, oftmals die beiden Gesichter der Hauptdarsteller gleichzeitig, aber isoliert voneinander in kleinen Räumen einzufangen, was eine sehr interessante Bildsprache erzeugt. Hervorragend ist ebenfalls die Musik. Immer wieder werden die spannungsgeladenen Tonfolgen durch ambientartige Elektronikklänge durchbrochen.

Etwas unverständlich ist es, dass "Motel" bei der US-Presse durchfiel. Nur wenige Stimmen bewerteten den Film positiv. Die Los Angeles Times in etwa meint: "A ruthlessly efficient stalk-and-slash machine." Im Miami Herald ist zu lesen: "Succeeds where so many other recent horror pictures have failed: It consistently scares you silly." Und abschließend in Village Voice: "Antal smartly adheres to the no-frills demands of B-movie horror, eliciting impressive chills from old-fashioned suffocating dread rather than the now usual gore. And Wilson and Beckinsale superbly execute everything that's required of their characters--namely, yelling and running."


Überraschend düsterer Horrorthriller mit genreungewöhnlich tiefer Figurenzeichnung und eigenwilligem Look.


Rudolf Inderst