Mifune - Dogma 3
(Mifunes sidste sang)

Dänemark, 101min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Sören Kragh-Jacobsen
D:Anders W. Bertelsen,
Iben Hjejle,
Jesper Asholt,
Sofie Grabol
L:IMDb
„Glück ist...”
Inhalt
Bauerssohn Kersten (Anders W. Bertelsen) schafft den kometenhaften sozialen Aufstieg und die Mutation zum Neu-Yuppie. Vor langer Zeit ließ er auf der dänischen Insel Lolland seinen wortkargen Vater und schwachsinnigen Bruder auf einem einsamen, ärmlich verfallenen Hof zurück, begab sich nach Kopenhagen, fand Anstellung in einer Fabrik und verliebte sich in Claire (Sophie Grabol), die Tochter eines Fabrikanten, mit der er zu Beginn des Filmes gerade die Hochzeit feiert. Aus Angst vor unverständlichen Reaktionen beim bonzig-arroganten Schwiegervater (Kjeld Norgaard) und auch bei seiner Frau hat er die Existenz des Vaters und Bruders jedoch seit jeher verschwiegen. Doch nimmt das Schicksal seinen Lauf, als Kersten am Morgen nach der Hochzeitsnacht einen Anruf erhält, daß sein Vater gestorben sei. Um sich um den Bestattung und den Verbleib des Bruders zu kümmern sagt er zu, löst sich nach einigen Beschwichtigungen von seiner überraschten, aber nicht erbosten Frau und fährt mit dem Vorsatz nach Lolland, in einigen Tagen wieder zurückzusein. Als er ankommt, findet er einen in unbeschreiblichem Schmutz vor sich hinrottenden Hof, einen auf dem Küchentisch aufgebahrten Vater und seinen verängstigen Bruder Rud (Jesper Asholt) vor, den er ganze 10 Jahre nicht sah. Nach der Beisetzung des Vaters entschließt sich Kersten, vorübergehend eine Haushälterin (Iben Hjejle) zur Wiederbewohnbarmachung des Hofes zu organisieren, bis für seinen Bruder ein Heimplatz frei wird. Ohne sein Wissen stellt er die Prostituierte Liva ein, die sich aus der städtischen Existenz, durch Telefonterror geängstigt, aufs Land flüchtet.
Kritik
Mifune - eine Anlehung an den japanischen Schauspieler Toshiro Mifune in Kurosawas "Die sieben Samurai" - ist nach dem hochgelobten "Fest" und den "Idioten"das dritte Werk des vieldiskutierten dänischen "Dogma95"-Manifests. Auch Regisseur Soren Kragh-Jabobsen bestätigt vor Beginn des Filmes durch Einblendung eines "Dogma-Zertifikats" die konsequente Einhaltung der "dogmatischen" Methoden: als künstlerischer Gegenentwurf zur technischen Perfektion des kommerziellen Hollywoodmainstream werden die drei Gelübde des selbsterklärten Purismus durch Verzicht auf künstliches Licht, durch Handkamera, "authentischen" Schauplatz, Ton und Kleider der Schauspieler abgelegt. Gegen "unwahre", beschönende und realitätsferne Fiktion wird die Forderung des technischen Minimalismus gesetzt, um den Film zurück zur Ehrlichkeit, zur nackten authentischen Wahrheit und weg vom Schein zu führen. Der enstehende Experimentalfilmcharakter beschränkt sich auf die trotzige Ästhetik der formalen Kriterien, denn Erzählstruktur und Charakaterportraitierung sind zwar nicht konventionell, aber wieder doch fiktional. Aber wie sollte das Kino aussehen, wenn es nur das Chaos des Lebens reflektieren wollte? Die gewollte Illusion einer anderen, ereignisreicheren Realität voller erzählenswerter Geschichten ist unabdingbare Stütze der Kunstform, der sich auch das puristische "Dogma" fügt und fügen muß. Wäre dem nicht so, hätte sich der durch die wackelige, sehr nah in das Geschehen eintauchende Kamera beabsichtigte Dokumentarstil nicht aufs Visuelle beschränkt, sondern hätte das Geschehen erfasst, eine kohärente Erzählstruktur ausgehebelt und Unordnung zurückgelassen. Eine cineastische Revolution ist das Dogma somit nicht, zumal die Umsetzung der "Authentizitätskriterien" in ihrem gewollten technischen "Dilettantismus" das Geschehen zwar sehr unmittelbar macht, jedoch keine neue Kunstform konstituiert, die wirkungsmächtiger wäre, als die distanziertere, traditionelle Inszenierung. Der letzteren möchte man die Wahrheit auch gar nicht abkaufen, sondern sich vielmehr dem Genuß der formalen wie auch inhaltlichen Fiktion hingeben, um die eigene Realität einmal zurückzulassen. So verfehlt der dänische Purismus zwar nicht seine Eindringlickeit der Nähe zum Geschehen, aber man mag den Regisseuren des "Dogmas" vorwerfen, daß der formale Protest gegen Hollywoodkommerz letztendlich auch Züge künstlerischer Profilierungssucht zeigt. Ästhetisch in festen methodischen Grenzen zu finden, wird die Kunst einer ihrer Grundprinzipien beraubt, um zu popularisieren.

Das Recht zum Publikum bezieht Mifune nämlich gerade nicht aus seiner formalen künstlerischen Experimentalität, sondern aus der Klasse seiner mitunter humorvollen Geschichte, aus der grandiosen Leistung der Darsteller und aus der Reflektion über das, was es heißt, glücklich zu sein. Kersten erfährt den Dualismus der Welten, als er die Realität der Großstadt und sein hart erarbeitetes, demnach primär soziales, Glück verläßt. Aus der städtischen, dem Ursprung entfremdeten Harmonie, taucht er ein in die Wiedererfahrung der Einsamkeit in einer recht surrealistischen Atmossphäre des verkommenen väterlichen Hofes, am stärksten gespiegelt in seinem geistig zurückgebliebenen, wahnsinnigen Bruder Rud. Dieser, bravourös verkörpert von Jesper Asholt, kontrastiert Kerstens "normale" Realität des Geschäftsmannes aufs Intensivste und vermittelt den Eindruck einer kleinen, von ihm nicht dominierten, aber ausgefüllten Traumwelt der ländlichen Ruhe. Der Kommunikationskanal zwischen diesen beiden autonomen Welten ist Kerstens Handy, sein neues Auto Repräsentant seines Status in der "Außenwelt". Der Kontakt zu ihr gerät durch den Besuch seiner Frau Clarie und die daraus erwachsenden fatalen Konsequenzen in die Brüche. Die Niedergeschlagenheit Kerstens trägt sich jedoch auch durch eine gewisse Gleichgültigkeit, die er der vernichtenden Entwicklungen in Kopenhagen entgegenbringt.

Verliert er immer mehr den Bezug zur Großstadtrealität, so selbstverständlicher erfolgt das Leben auf dem Hof, unverstellt und rein, in seine Simplizität berührend. Die Verständigung mit seinem Bruder, auch durch das Spiel mit dem vorgestellten Geist des Krieger Mifunes, gespielt von Kersten, indem er in den Keller marschiert, sich einen Topf auf den Kopf setzt und mystische Stimmen imitiert, wirkt wie ein rückwärtsgewandter Weg zum inmateriellen Glück, getragen durch herrlich frische Situationskomik. Die gesellschaftlich determinierten Grenzen zwischen Vernunft und Wahnsinn werden intelligent zur Disposition gestellt. Hinzu kommen lakonische Dialoge und beschwingte urkomische Szenen, wenn vier wahnsinnige Freunde Ruds zum Kaffee eingeladen werden und beispiellos stumm dasitzen, bis einer von ihnen wider Erwarten ein virtuoses Gitarrensolo bringt. In dieser entrückten Poesie der Langsamkeint und Reinheit der Empfindung finden gegen Ende jene zusammen, die den Sprung von der ausgezerrten Moderne zurück zum einfachen, natürlichen Ursprung zwar erst unfreiwillig machten, dann aber die vielleicht reinste Konzeption des Glücks finden. Ein ungewöhnlicher Film, der die Spannweite der menschlichen Realitäten und die Variabilität des Glücks berührend aufzeigt.

Einfühlsame, humorvolle Charakterstudie mit bemerkenswerten Darstellern. Technisch stilisiert.


Flemming Schock