Black Book
(Zwartboek)

Holland / Deutschland, 157min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Paul Verhoeven
B:Gerard Soeteman
D:Carice van Houten,
Sebastian Koch,
Waldemar Kobus,
Derek de Lint
„Jetzt streiten sich sogar schon die Deutschen. Das Ende ist wohl wirklich nahe.”
Inhalt
Als das Versteck der attraktiven jüdischen Sängerin Rachel Stein (Carice van Houten) durch eine Streubombe zerstört wird, versucht sie per Boot in den bereits befreiten Süden der Niederlande zu gelangen. Ihr Schiff wird von einer deutschen Patrouille abgefangen. Alle Flüchtlinge werden erschossen und ausgeraubt. Nur Rachel überlebt. Die Sängerin hat nichts mehr zu verlieren und schließt sich dem niederländischen Widerstand an. Unter dem Namen Ellis de Vries bändelt sie mit dem deutschen Offizier des Sicherheitsdienstes Müntze (Sebastian Koch) an. Er ist von der attraktiven Frau sehr angetan und bietet ihr eine Stelle als Schreibkraft an. Mit Ellis Hilfe will die Widerstandsgruppe ihre Gefangenen befreien. Das Vorhaben fliegt jedoch auf und scheitert fatal. Sowohl die Widerstandsgruppe, als auch die Deutschen geben dafür der jungen Frau die Schuld. Ellis taucht abermals unter. Gemeinsam mit Müntze wartet sie das Ende des Krieges ab. Die Befreiung bringt Ellis allerdings keine Freiheit. Selbst als es ihr gelingt, endlich die wahren Verräter ausfindig zu machen, stellt sie fest: „Jeder Überlebende ist irgendwie schuldig.”
Kurzkommentar
In Hollywood wohl mehr oder weniger geschasst, kehrt Paul Verhoeven nach Holland zurück. Seine erste europäische Produktion seit langem wird zum Lehrstück eines mit altmeisterlicher Hand komponierten Thrillers vor dem Hintergrund des holländischen Widerstands während der Nazi-Besetzung. Klug verzichtet Verhoeven auf patriotische Legendenbildung und konzentriert sich stattdessen auf die tragenden Elemente des Genres. „Black Book“ profitiert von seiner hervorragenden Besetzung und dem spannend ausgereizten Verstrickspiel inmitten menschlicher Abgründe.
Kritik
Holland, Hollywood und zurück. Wie „Black Book“, der zu guten Teilen aus deutschen Filmgeldern finanziert wurde, wird auch der nächste Film des Amsterdamer Regisseurs Paul Verhoevens teilweise wieder in Berlin gedreht. Und das ist gut so. Noch vor sieben Jahren wäre diese Entwicklung undenkbar gewesen, als Verhoeven seinen bislang letzten groß budgetierten Streifen in die Kinos brachte: „Hollow Man“ floppte jedoch auf ganzer Linie und bildete eine finale, unfreiwillige Metapher für Verhoevens unglücklichen Weg in der Filmmetropole: Es ging immer hohler zu, was sicher nicht zuletzt den Zwängen der Geldgeber geschuldet gewesen sein dürfte. 1997 konnte Verhoeven noch mit seiner makabren Sci-Fi-Groteske „Starship Troopers“ ein letztes Mal punkten. Zehn Jahre zuvor hatte er sich mit der trashigen Büchsenaction „Robocop“ in Hollywood empfohlen, mit „Total Recall“ und „Basic Instinct“ war er dann Anfang der 90er in Hollywood ganz obenauf – bevor er, wie er selbst sagt, aus Naivität einen unverzeihlichen Fehler beging und die schwülstige Stripshow „Showgirls“ (1993) abfilmte, aber immerhin die beachtliche selbstironische Größe bewies und höchstpersönlich die Auszeichnung für den schlechtesten Film des Jahres entgegennahm.

Zwischen großspuriger Action und fleischlichen Thrillern ist es also irgendwie zur Läuterung des heute 69-Jährigen gekommen, der aus Hollywood für seine erste holländisch-deutsche Koproduktion dennoch nicht mit leeren Händen zurückkam. „Blackbook“ wirkt wie die Tugend des europäischen Films in amerikanischer Verpackung, heißt, dass sich zunächst die Produktions- und Schauwerte auf hohem Niveau bewegen. Der Weltkriegsthriller verfügt über vollkommene Ausstattung und ein großartiges Setdesign. Aber auch das Innenleben stimmt. Denn Verhoeven hat es zusammen mit seinem Drehbuchautor Gerard Soeteman tatsächlich geschafft hat, sein vertrautes Genre des Thrillers absolut packend in ein Weltkriegs-Szenario zu transferieren, drei Stunden lang, von denen kaum eine Minute zu viel wirkt. Am beachtlichsten: „Black Book“ spart sich, obgleich er vom holländischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung handelt, auf souveräne Weise Moralismus und Legendenbildung des Widerstands. Kollaborateure gibt es in „Black Book“ allenthalben, ganz anders noch als im 30 Jahren alten „Soldaat van Oranje“, eine patriotische Erbauungshymne auf den holländischen Widerstand gegen die Nazi-Besetzung.

Insofern mag „Black Book“ ein kritischer Korrekturentwurf der Geschichte des Widerstands auf der Grundlage der geschichtswissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte sein. Im Verwirrspiel sozialdarwinistischer Ausnahmeszenariien unterliegen klare moralische Grenzziehungen der Leidenschaft des Einzelnen, geraden die klaren Pole von Gut und Böse teilweise in den Sog situativer Überlebensstrategien. Dabei geht es Verhoeven insgesamt doch weniger um die radikale Demontage eines nationalen Mythos en Gros. Trotz seiner fast epischen Länge will „Black Book“ kein Epochengemälde sein. Der Film konzentriert sich allein auf die letzten Tage des Jahres 1944 und allein auf eine Gruppe vermeintlicher und tatsächlicher Widerständler und die Ereignisse rund um eine beliebige Kommandozentrale der deutschen Besatzer. Diese Konzentration des Blicks erweist sich auch als dramaturgisch äußerst klug, weil Verhoeven das mögliche Spannungspotential in Verbindung mit emotional glaubwürdig herausgearbeiteten Figuren gekonnt ausreizt – obwohl diese zunächst wie ein müde motiviertes Stereotypen-Ensemble wirken.

Clarice van Houten mimt die schöne, untergetauchte Jüdin, die sich dem Widerstand anschließt, nachdem der notwendig feiste Teufel in Person, sachgemäß dargestellt von Waldemar Kobus, ihre gesamte Familie samt vielen anderen niedermähen lässt und die erbeuteten Reichtümer nicht dem Führer, sondern sich selbst angedeihen lässt. Seit längerem darf im Nazi-Genre aber selbst der Schweinehund sein menschliches Gesicht zeigen, personifiziert in einem schöngeistig-defätistischen Obersturmführer, der Briefmarken Exekutionsbefehlen tatsächlich vorzieht. Sebastian Koch zeigt sich hier in Höchstform. Auch wenn sich diese Reihung von holzschnittartigen Figuren fortsetzen lässt, spricht zweierlei für Verhoeven: Zum einen ist die Besetzung durchweg brillant. Mit einem deutsch-holländischen Ensemble schafft Verhoeven es, jede Rolle für den einzelnen Darsteller wie maßgeschneidert wirken zu lassen. Für den Zuschauer heißt das Leiden mit den Protagonisten und Verachtung für die Antagonisten. So wühlt der Film auf - der Weg von Rachel scheint schlimmer als der Tod und in den Wirren der Befreiuung der letzten Tage finden auch die Schurken noch letzte Genugtuung. Zum anderen platziert Verhoeven die Charaktere in einem raffiniert gestrickten, bis zum Schluss wendungsreichen Verwirrspiel, dessen Plotlogik zudem kaum zu wünschen übrig lässt.

„Black Book“ ist weniger ein Kriegsfilm denn ein souveräner Thriller vor historischer Kulisse. Verhoeven setzt alle Mittel, erzählerische wie ausstattungstechnische, wohl überlegt ein. Das Ergebnis ist dramatisch-fesselnd, natürlich mit Verhoeven-typischen Elementen: Gewalt wird nicht gerade zimperlich eingesetzt, auch die Fleischeslust kommt nicht zu kurz. Alles ist aber kein Selbstzweck und nimmt die richtigen Anteile in einem konsequent entwickelten Spannungsbogen ein. So zeigt sich die elegante Klasse des Films ein wenig als Lehrstück gegenüber dem dumpfen Pathos großer Hollywood-Produktionen. Vielleicht sollten auch die zukünftig lieber in Amsterdam, Berlin oder Delft gedreht werden.

Aufwühlender Kriegs-Thriller mit raffinierten Wendungen


Flemming Schock