Sunshine

England / USA, 107min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Danny Boyle
B:Alex Garland
D:Rose Byrne,
Cliff Curtis,
Chris Evans,
Cillian Murphy
L:IMDb
„Acht Astronauten, festgeschnallt auf dem Rücken einer Bombe.”
Inhalt
In fünfzig Jahren stirbt die Sonne – und mit ihr stirbt auch die Menschheit. Unsere letzte Hoffnung: ein Raumschiff, die Icarus II, mit einer internationalen Crew von acht Frauen und Männern. Unter Führung von Kapitän Kaneda soll das Team eine Sprengladung zur Sonne bringen, mit der sie den lebenswichtigen Stern wieder entzünden. Es ist die letzte Chance der Menschheit zu überleben. Im Verlauf der Mission, der Funkkontakt zur Erde ist bereits abgebrochen, wird die Mannschaft auf eine harte Probe gestellt: das Team empfängt ein Notsignal der Icarus I, des Raumschiffs, das vor sieben Jahren spurlos verschwand, und alle geraten durch einen folgenschweren Fehler in tödliche Gefahr. Über Nacht kämpft die Mannschaft plötzlich um Leben und Verstand, wohl wissend, dass die Zukunft des blauen Planeten in ihren Händen
liegt …
Kurzkommentar
Dass jedes neue Projekt von Danny Boyle ein ästhetisches Ereignis ist, zeigt sein erster Sci-Fi-Film. „Sunshine“ zehrt zum einen von seiner reizvoll apokalyptischen Ausgangsidee, zum anderen davon, dass er zur reinen Symphonie aus Farbe und Licht wird. Bei solchen Rauschqualitäten zeigt sich der Plot gerade zum Ende hin als eine ratlose Montage. Dennoch: „Sunshine“ ist zu verführerisch, zu überwältigend, vielleicht zu blendend, um zu verärgern. Eine klare Schönheit des Genres.
Kritik
Alex Garland, Jahrgang 1970, ist immer für eine zündende Idee gut. Zum dritten Mal nach den verstörenden Streifen „The Beach“ und „28 Days Later“ verlässt sich Regisseur Danny Boyle in „Sunshine“ auf Garland. Dessen Einfall dürfte jede Debatte über die philantropischen Qualitäten der Kernspaltung verstummen lassen, vielleicht auch deswegen, weil danach kein neuer Bombenbau mehr möglich wäre: In Garlands Zukunft geht der Sonne ein paar Milliarden Jahre früher als gedacht die Puste aus. Die Lösung: Man packt alles spaltbare Uran in eine Bombe von der Größe einer Stadt, schnallt diese auf den Rücken eines Raumschiffes und lässt die Besatzung den Ritt wagen, um die Sonne mittels einer atomaren Detonation wie eine Kerze erneut zu entflammen. Das ist so grandios, dass es fast schon egal ist, was daran Science-Fiction und was Münchhausen ist.

Danny Boyle geht mit dieser phantastischen Ausgangssituation von Beginn an ohne Umschweife minimalistisch und direkt zur Sache: Aus dem Off referiert der Physiker des Schiffes, gespielt von Boyles neuem Liebling Cilian Murphy („28 Days Later“), bündig die irdische Misere und was die fixen Parameter der Weltrettungsmission sind. Dann tut Boyle in den nächsten einhundert Minuten alles dafür, dass Garlands dramatische Verwicklungen immer wieder an den Rand rücken um die Bühne frei geben, für eine sonnensturmartige Bild- und Klangflut. Der Titel von „Sunshine“ ist im Hinblick auf den eigentlichen Hauptdarsteller wörtlich zu nehmen. Wenn der ohnehin zugedröhnte Psychologe an Bord mit Ausblick auf den nahen Feuerball (immerhin ist man ja neunhunderachtundirgendwasmillionen Kilometer von der Erde entfernt) in einer Chill-Out-artigen Lounge überwältigende Lichtblicke genießt, setzen Boyles Bilder eine ätherisch-euphorische Schönheit frei, wie sie in einem Sci-Fi-Streifen lange nicht zu sehen waren.

Die Macht der Bilder ist in Boyles ästhetischer Handschrift nicht alles: Wie schon in seinen vorigen Streifen beweist sich sein inszenatorisches Geschick vor allem im perfekten Timing von Bild und Ton. In „Sunshine“ ist das auch deswegen gegeben, weil er nach „Trainspotting“ die zweite Zusammenarbeit Boyles mit dem legendären Elektro-Duo Underworld markiert. Dessen metaphysische Synthesizer-Flächen runden die kosmische Poesieerklärung erst ab. Wenn „Sunshine“ auf diese Weise auf der Reise zum Mittelpunkt des Planetensystems Zeit und Raum anzuhalten scheint, ist die sinnliche Magie des Kinos wieder ganz nah. Während man sich als Zuschauer somit in „Space Night“-Stimmung glückselig dahinwabern sieht, wird durch die zeitlich gefährdete Schönheit der Sonne auch der Unbedingtheitsgrad der Mission deutlich. Von Beginn an ist kammerspielartige Stimmung gegeben, die Boyle allerdings psychologisch nicht ausreizt. Schon bald, mit dem ersten Unfall am Sonnenschild, ist klar, dass übliche externe Motoren herhalten müssen, um den erzählerischen Gehalt irgendwie voranzubringen. Als dann – Achtung, Spoiler – noch ein Notsignal des verloren geglaubten Vorgängerschiffes aufgefangen wird, kippt „Sunshine“ in konventionelle Spannungsdramaturgie.

Bedauerlich ist das, weil Boyle und Garland diese Wendung konsequent ausbuchstabieren, sprich: es kommt noch zu Horror-Elementen, die wie eine etwas ratlose Mischung aus „Event Horizon“ und „Nightmare on Elmstreet“ anmuten. Dieses Kippen in die Allüren eines Horror-Slashers wirkt nicht nur unnötig und unmotiviert, sondern auch stilbrüchig – ganz abgesehen von diversen Logikbrüchen im Plot. Es wirkt, als hätte sich Boyle in „Sunshine“ schon sehr auf die Fortsetzung seiner Zombie-Vision „28 Weeks Later“ gefreut. Statt subtil-innerer Spannung also drastische Spektakel. Ein nachhaltiges Ärgernis ist das trotzdem nicht. Dank exzellenter Besetzung, wundervollen Sonnenansichten und berauschenden Klängen ist „Sunshine“ eine stilsichere Hommage an Klassiker des Genres geworden.

Kosmischer Sinnesrausch mit Plotentgleisungen


Flemming Schock