300

USA, 116min
R:Zack Snyder
B:Zack Snyder, Frank Miller
D:Gerard Butler,
Lena Headey,
David Wenham,
Vincent Regan,
Dominic West
L:IMDb
„We've been sharing our culture with Persia all morning.”
Inhalt
„300“ beruft sich auf den gleichnamigen Comic-Roman von „Sin City“-Autor Frank Miller. Im antiken Griechenland starb König Leonidas (Gerard Butler) mit 300 Spartanern im Kampf gegen Xerxes und sein gigantisches persisches Heer in der Schlacht bei den Thermopylen.
Kurzkommentar
Eines hat Regisseur Zack Snyder ohne Zweifel geschafft: Die Aufmerksamkeit für "300" ist gesichert. Treffsicher testet der Film die paranoiden Antifaschismusreflexe des deutschen Feuilletonjournalismus und wälzt sich gleichzeitig lustvoll in seiner digitalen Melange aus Optikorgasmen und Männlichkeitsdiskursen.
Kritik
"Spartans! We have reached Thermopylae. The orders are: From this wall, we do not retreat!" So pathetisch klangen schon die Worte des Spartanerkönigs Leonidas im Jahre 1962, als "The 300 Spartans" in die deutschen Kinos kam. Dieser Film war es auch, der Frank Miller inspirierte, den Comic "300" in Angriff zu nehmen. Auch der neue 300er kümmert sich nur lose um historische Begebenheiten, sondern vereinnahmt die Schlacht von 480 AD als digitale Green- und Bluescreen-Bühne für ein 60 Millionen Dollar teueres Werk, welches sich über fast zwei Stunden erstreckt. Gedreht wurde "300" fast komplett in riesigen Lagerhallen in Montreal.

Der Film sorgt bereits seit seinem ersten Trailer-Release für Aufregung. Als jener auf der Comic-Con 2006 einem großen Publikum präsentiert wurde, standen die Münder offen, und nach minutenlangem Dauerapplaus sah man sich seitens der Macher genötigt, den Trailer zwei Mal zu wiederholen. Auch die Seite www.quicktime.com registrierte für den Trailer von "300" ungeahnte Serverabfragen.

Um sich eine Vorstellung vom Grad der digitalen Postproduction machen zu können, muss man sich lediglich vor Augen halten, dass der Film zwar in knapp 60 Tagen abgedreht war, man jedoch ein volles Jahr für die Nachbearbeitung benötigte. 1500 Schnitte später ward es vollbracht.

Anders als man momentan gerne in der deutschen Medienlandschaft andeutet, ist auch die amerikanische Presse recht gespalten, was die Qualitäten des Filmes betrifft. So schreibt etwa die Washington Post: "It's kind of a ghastly hoot, and while I suppose it does no harm, it also contributes nothing. It's a guilty unpleasantness." In dieselbe Richtung argumentiert das Wall Street Journal: "300 presents a dual clash of civilizations. An action adventure that pits thousands of Persians against 300 brave Spartans at the Battle of Thermopylae, it also pits millions of fans of brainless violence against a gallant band, or so I choose to think of us, who still expect movies to contain detectable traces of humanity." Und die Los Angeles Times gibt zu bedenken: "300 is something to see, but unless you love violence as much as a Spartan, Quentin Tarantino or a video-game-playing teenage boy, you will not be endlessly fascinated." Jedoch gibt es auf der anderen Seite auch durchaus positive und begeisterte Stimmen. Im Austin Chronicle ist zu lesen: "Not since Mario Bava's "Hercules in the Haunted World" has Greco-Roman movie-house mythmaking been so thoroughly well-conceived and executed." Die Baltimore Sun ergänzt: "Cinema has once again proven its ability to incorporate every other mass-media art form. Director Zack Snyder and his computer wizards have made the best example yet of the movie-as-comic-book." Und schließlich bilanziert der Seattle Post-Intelligencer: "Director Zack Snyder uses his computers to create ferocious and painterly images, with as much attention to each frame as a hand-drawn panel."

Ganz anders hingegen nimmt die deutschsprachige Presse "300" wahr. Man muss tatsächlich ganz genau suchen, um ein kleines Licht am Ende der Verunglimpfungen zu finden. Es dominiert eindeutig eine andere Sorte von Kommentar. Jener jongliert mit Begriffen wie "faschistoid, faschistisch, totalitär, autoritär, reaktionär, ideologisch, militaristisch, homophob, rassistisch etc., etc." Da ist man tatsächlich dankbar, wenn man an anderer Stelle liest: "Kurzum: man möchte diesen Film schon deshalb verteidigen, weil er die Bilder und Szenen, die man sich von diesem Genre erwartet, eben nicht nur nicht inszeniert, sondern sein Publikum, mit der ganzen Wucht seiner Inszenierung, dazu zwingt, sich endlich bewusstzumachen, wie viel Fiktion in jenen Erzählungen steckt, welche wir für Geschichtsschreibung halten." (FAZ). Die phantasievolle Welt von "300", in welcher sich ausschließlich Figuren bewegen, die völlig überzeichnet wurden und fortlaufend Karikaturen darstellen, nicht als einzig große Ironie zu deuten, fällt schwer. Es ist unverständlich, weshalb die Kritik so vehement auf die angeblich nicht vorhandene kritische Distanz von Werk und Künstler pocht, wenn sie doch so offensichtlich ins Auge springt. Spätestens, als König Leonidas die militärische Taktik des Pfeilbeschusses durch die Perser als feig bezeichnet, obgleich die Effizienz offensichtlich ist, fallen die Masken. Oder eigentlich schon viel früher: des Spartaners Hardcore-Gesicht (...damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können...) – welch schalkhafte Wonne. Die Anzahl der Persiflagen auf youtube oder anderen Plattformen ist geradezu Indiz dafür, dass die Mehrzahl der Zuseher auch die Intention Synders nachvollzieht, statt sich in einer vordergründigen und halbgaren Ideologiekritik zu verfangen.

Kulturkritiker provozierender Optikschinder, dessen Form und Inhalt zum Tagesgespräch einlädt.


Rudolf Inderst