Anatomie

Deutschland, 103min
R:Stefan Ruzowitzky
B:Stefan Ruzowitzky
D:Franka Potente,
Benno Führmann,
Traugott Buhre,
Anna Loos,
Sebastian Blomberg
L:IMDb
„Hör auf mit dem Scheiss, du Psycho!”
Inhalt
Paula Henning erhält die Chance, an einem Elite-Anatomie-Kurs während der Semesterferien in Heidlberg teilzunehmen. Doch schon bald jedoch kommt sie dahinter, dass der Anatomiesaal Schauplatz geheimer und verbotener Experimente einer Geheimloge ist - und sie wird immer tiefer in das Geheimnis hineingezogen.
Kurzkommentar
Für einen deutschen Horrorfilm ist "Anatomie" ziemlich erwachsen - wäre der Schauplatz nicht Heidelberg, der Film könnte auch aus Amerika stammen. Story, Photographie, Inszenierung und Darstellung fallen allesamt professionell aus, jedoch ist der Film nichts für schwache Gemüter, besonders die Vivisektions-Szenen sind doch ziemlich starker Tobak.
Kritik
Nach der Exklusiv-Aufführung am Drehort Heidelberg erläuterte der Produzent die Motivation zu diesem Film etwa so: "Wir wollten einen Film mit einem Thema drehen, wie man es normalerweise nur in Amerika verfilmt. Es sollte ein unterhaltender Film sein, aber kein billiges Plagiat."

Gemessen an diesem Anspruch muss man sagen: Das ist dem Film gelungen. Er hat ein Thema, wie es in der jüngeren deutschen Filmgeschichte noch nicht bearbeitet wurde, die Herangehensweise ist erfreulicherweise mal nicht offensichtlich deutsch, die Darsteller sind zwar nicht übermässig gefordert, machen ihre Sache aber dennoch gut, und letztlich ist der Film, sofern man mit den teils doch recht grausamen Sequenzen klarkommt, auch unterhaltend.
Was mich besonders erfreut hat: Geschickte Inszenierung und ein schlaues Drehbuch ermöglichen eine durchaus intelligente Story, die tatsächlich ein paar Überraschungen zu bieten hat. Und zwar nicht nur, hinter welcher Ecke der Bösewicht nun steht, sondern durchaus sich logisch aus der Handlung ergebende Überraschungen - wirklich sehr positiv. Ansonsten ist die Funktionslogik wie bei allen Filmen dieser Art: Ein aufrechter Mensch kommt hinter die Geheimnisse, im Verlauf der Handlung sterben diverse Akteure einen Tod mit hohem Schauwert, und am Ende siegt das Gute. Anders könnte es nicht sein, anders erwartet es niemand. Auch Anatomie folgt diesen regeln, aber ohne sich völlig starr an eine Schablone zu halten. Natürlich sind die Verschwörer böse, und der Mörder irre, natürlich ist die Geheimloge unethisch und die Protagonistin irgendwie persönlich involviert, aber Anatomie versteht es, diese Offensichtlichkeiten hinter einer flotten und dennoch glaubwürdigen Inszenierung zu verbergen. Das ist meiner Meinung nach die eigentliche Leistung, die ihn in wirklich vom Vorwurf des Plagiats entbindet.

Drei kleine Mängel gibt es dennoch: Die allzustarke Fixierung auf "Verbalsex", eine gewisse Länge in der Mitte des Films, und seine Endschwäche: Natürlich ist der Bösewicht nicht beim ersten Mal tot, natürlich auch nicht beim zweiten Mal - und was danach kommt, schwankt leider zu stark zwischen originell und aufgesetzt.
Schauspielerisch ist nichts Aufregendes geboten, aber man merkt, dass Franka Potente entsprechende Erfahrung hat. Benno Führmann gibt den Psychopathen allerdings etwas zu blass, die sadistischen Züge hätten besser ausgespielt sein können, die restlichen Darstellerleistungen fallen zumindest nicht negativ auf. Was aber positiv auffällt, sind die Charaktere - sie sind allesamt nützlich, keine Quotencharaktere (wie etwa in "The Faculty"), und gut ausgedacht.
Ein Wort zu den derben Szenen: Auch wenn der Splatter-Faktor gemessen an anderen Filmen nicht besonders hoch ist, so ist doch neben den offensichtlichen Szenen eine ziemlich herbe, fast kranke Brutalität nicht zu übersehen. Besonders die Operationen an lebenden Menschen sind nichts für zarte Gemüter, und auch wer (Film-)Blut gewohnt ist, dem könnte übel werden.

Insgesamt bleibt ein Film, der gut ausgedacht ist, wenn auch nicht vor Originalität sprüht. Als Beispiel kann die Geheimloge der Antihippokraten gelten: Die Idee ist gut, aber keineswegs neu. Gleiches gilt für die Ausführung: Sie ist über Durchschnitt, kann gefallen, aber nicht vom Hocker reissen.

Letzlich kann gelten, was der Kinomanager vor Beginn sagte:
"Ich bin sicher, dass Euch der Film gefallen wird. Es ist ein toller, toller Film.....für einen deutschen Film."

Erwachsener deutscher Horrorfilm


Wolfgang Huang