Departed - Unter Feinden
(Departed, The)

USA, 146min
R:Martin Scorsese
B:William Monahan, Siu Fai Mak, Felix Chong
D:Leonardo DiCaprio,
Matt Damon,
Jack Nicholson,
Mark Wahlberg,
Martin Sheen
L:IMDb
„I don't wanna be a product of my environment. I want my environment to be a product of me.”
Inhalt
South Boston. Der junge Undercover-Cop Billy Costigan (Leonardo DiCaprio) ist in diesem Viertel aufgewachsen. Er bekommt den Auftrag, sich in das Syndikat des Unterweltbosses Costello (Jack Nicholson) einzuschleusen. Während Billy schnell Costellos Vertrauen gewinnt, hat sich der hartgesottene junge Kriminelle Colin Sullivan (Matt Damon), der ebenfalls aus South Boston stammt, seinerseits bei der Polizei eingeschleust, um für Costello zu spionieren. Er erarbeitet sich in der Ermittlungsspezialeinheit eine Machtposition und gehört zu der Handvoll Elite-Cops, die Costello dingfest machen sollen. Natürlich wissen Colins Vorgesetzte nicht, dass er für Costello arbeitet – der Unterweltboss ist der Polizei immer einen Schritt voraus. Beiden Männern steigt dieses Doppelleben zu Kopf: Sie sammeln Informationen über die Pläne und strategischen Reaktionen der Systeme, in die sie eingedrungen sind. Doch sowohl die Gangster als auch die Cops merken, dass in ihren Reihen ein Maulwurf tätig ist, und plötzlich laufen Billy und Colin Gefahr, entdeckt und gefasst zu werden – hektisch versuchen beide, den anderen zu enttarnen, um selbst unerkannt zu bleiben.
Kurzkommentar
„The Departed“ bedeutet für Martin Scorsese eine Rückkehr in das Genre, auf dem sein Ruf gründet. Weg ist der epochale Aufwand einer Jahrzehnte umspannenden Chronik, geblieben sind die großen Namen der Beteiligten. Scorsese konzentriert sich auf das Wesentliche und liefert weder Neuerfindung noch Abklatsch, sondern eine gewohnt harte, gewohnt überzeugende Gangstergeschichte. Wenn nur jemand Jack Nicholson angeleint hätte…
Kritik
Zu Beginn spaziert Frank Costello (überschwenglich – Jack Nicholson) zu den Bedeutungsschwangerschaften seines eigenen Off-Kommentars durch die Straßen von Boston und atmet ein wenig von der Macht, die er in der Nachbarschaft besitzt. Während dieses Eröffnungsmonologes bewegt er sich stets im Dunkeln, seine Silhouette wabert wie ein allgegenwärtiger Schatten durch seine Umwelt. In einer späteren Sequenz feiert er eine wilde Orgie mit zwei Damen des horizontalen Gewerbes, die Szenerie ist in suggestives Rot getaucht, hypnotische Überblendungen untermalen den verführerisch-diabolischen Eindruck. Dies sind die einzigen Gelegenheiten, bei denen Scorsese den Bildern die Charakterisierung der Figur überlässt, vielsagenderweise sind es auch die wirksamsten.

Beiläufigkeit kennzeichnet darüber hinaus Costellos Beschäftigungen, egal ob er in jüngeren Jahren ein wenig Schutzgeld in Rechnung stellt, dabei sein "Interesse" an der Tochter des Ladeninhabers äußert, besagte Koksparty mit zwei Professionellen feiert oder am Frühstückstisch mit der abgetrennten Hand eines Mißgünstlings wedelt. Alles „business as usual“, kaum der Rede wert. Wie sich Costello mit allmächtiger Selbstverständlichkeit durch sein Viertel bewegt, wirkt seine Arroganz aber weniger bedrohlich, als vielmehr penetrant, wie die eines selbstgefälligen Sextouristen, der sich in der Gewissheit wähnt, mit Geld alles erreichen zu können. Die Kontrolle über seine Umwelt, von der er eingangs spricht, scheint ihm über sich selbst vollends abhanden gekommen zu sein: Costello entwickelt keinerlei Respekt einflößende Autorität, sondern ist ein kapriziöser Hedonist, der seinen Trieben nachjagt, statt sie zu lenken oder gar zu zügeln.

Er ist zweifellos eine unterhaltsame Figur, aber nicht annähernd so finster, wie die Rede von der oscarreifen Darstellung Nicholsons glauben machen will. Für "The Shining" musste sich Nicholson ausgiebig den Vorwurf des "overacting" anhören; es ist erstaunlich, dass nun nichts dergleichen zu hören ist, angesichts der Karikatur, die er hier zeichnet. Da schlägt er mit seinem eigenen Schuh um sich und hantiert scherzhaft mit einem stattlichen Dildo. Klar, er ist unberechenbar, aber eher dahingehend, dass man nicht sicher ist, welche absurde Neurose er als nächstes offenbart. Dass er im Verlauf des Films immer wieder beknackte Hüte trägt, verstärkt den leicht lächerlichen Eindruck. Costellos rechte Hand Mr. French (gefährlich – Ray Winstone) ist als vor sich hinschwelender, cholerischer Soziopath psychologisch vielleicht simpel gehalten, aber weitaus erschreckender.

Da müssen sich Damon und DiCaprio arg ranhalten, um nicht untergebuttert zu werden. Die beiden mögen die Hauptrollen besetzen, angesichts der Figurenkonstellation besteht jedoch kein Zweifel, dass Nicholsons Charakter Dreh- und Angelpunkt des Films ist. Ähnlich laufen die Fäden bei der Polizeipsychologin Madolyn (hin- und hergerissen – Vera Farmiga) zusammen, doch selbst sie bleibt über sämtliche Zusammenhänge bis zuletzt im Unklaren. Diese Karte hätte Scorsese vielleicht effektiver spielen können.

Billy Costigan (verbissen – Leonardo DiCaprio) mehr oder minder in seine Undercovertätigkeit hineingemobbt: Sgt. Dignam (nicht auf den Mund gefallen – Mark Wahlberg) macht ihm unmissverständlich klar, wie wenig er von ihm hält. So wird das Einstellungsgespräch zum sofortigen Charaktertest, die psychische Instabilität mehr Voraussetzung als Ergebnis des Drahtseilakts der verdeckten Ermittlung. Costigans Zerrissenheit äußert sich vor allem durch seine soziale Isolation.

Colin Sullivan (blenderisch – Matt Damon) schwankt zwischen unauffälligem Mitläufer und aalglattem Karrieristen, der seine Fassade auch gegenüber seinen Nächsten noch aufrecht erhält. Er scheint meilenweit entrückt von den Belastungen seines Doppellebens. Dementsprechend gering ist die emotionale Bindung an sein Schicksal, Weil man aus ihm ebenso wenig schlau wird wie alle anderen Figuren.

Schnitt und Musikauswahl tragen erheblich zur Dynamik bei, die es ermöglicht, eine derart verzweigte Story über zweieinhalb Stunden auszudehnen und sie dennoch kurzweillig zu erzählen. Die Gewichtung von Dramaturgie und Opulenz hat sich im Vergleich zu den Vorgängern "The Aviator" und "Gangs of New York" ins Gegenteil verkehrt. Das steht Scorsese deutlich besser zu Gesicht.

Die dramaturgische Abrechnung vollzieht er so schmerzlos und beiläufig, wie es Frank Costello tun würde, von Tragik keine Spur. Der existentiellen Schwere seiner bis dato als Meisterwerke geltenden Filme hat er sich damit erst einmal entledigt. Loyalität und Verrat sind die Leitmotive seines Films, ohne ihm epische Dramatik zu verleihen. Scorsese zieht sein Publikum nicht in Mitleidenschaft, eher animiert er mit diebischer Freude zum voyeuristischen Genuss am Niedergang seiner Protagonisten. Und ein Vergnügen ist es allemal.


Altersweise Gangstermär mit doppeltem Boden und prächtigem Ensemble.


Reinhard Prosch