Solaris

USA, 99min
R:Steven Soderbergh
B:Stanislaw Lem,Steven Soderbergh
D:George Clooney,
Natascha McElhone,
Jeremy Davis,
Viola Davis
L:IMDb
„I can tell you what's happening, but I don't know if that'll tell you what's happening.”
Inhalt
Nachdem auf einer Raumstation seltsame Phänomene auftreten, wird der Psychologe Chris Kelvin (George Clooney) zu Rate gezogen. Er reist auf die Station und trifft dort auf seine längst verstorbene Frau Rheya (Natasha McElhone). Doch statt dieses logische Rätsel zu lösen verwickelt er sich in ein gefährliches Netz aus Realität und Fiktion.
Kurzkommentar
»Solaris« ist Soderberghs endültige Kapitulation vor dem Inhalt. Wie gewohnt formal makellos hat Soderbergh in diesem Film exakt nichts zu bieten, was er dem Zuschauer mitteilen will oder was diesen interessieren könnte - was wohl daher kommt, dass er Lems Vorlage nicht verstanden hat (oder sie nur der Berühmtheit wegen missbraucht).
Kritik
StarTrek-Folgen lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen, und eine davon ist »Mutation der Woche«. Die Story geht so: Irgendeine mysteriöse Strahlung (ersetzbar auch durch Transporterfehlfunktion, Virus oder Neelix' Essen) befällt ein armes Crew-Mitglied, das daraufhin mutiert (wahlweise auch halluziniert, desintegriert oder sich temporär eliminiert). Dann geht die große Suche nach den Ursachen los und am Ende wird irgendein fantastisches Gerät gebastelt, dass negativ polarisierte Tachyonen in die Subraum-Quanten-Matrix injiziert, und alles wird gut. Der Grund für das alles: Eine kostengünstige Episode, schließlich muss man ja die Staffel vollkriegen.

»Solaris« kommt dem erschreckend nahe. Der Planet Solaris erzeugt auf der ihn umkreisenden Raumstation seltsame Effekte: Er erschafft perfekte Duplikate der für die Besatzung wichtigen Menschen, etwa den Sohn des Kommandanten oder die frühere Geliebte von Chris Kelvin (George Clooney). Warum dies geschieht, bleibt in Soderberghs Film vollkommen unbeantwortet - dabei hat Lem hier seinen großen Punkt. Ihm geht es um die (Un-)Möglichkeit der Kommunikation zwischen zwei Zivilisationen. Der Verleih bewirbt »Solaris« dagegen als Liebesgeschichte zwischen Clooney und McElhone (respektive deren Charakteren), was auf fatale Weise richtig und falsch zugleich ist. Soderbergh konzentriert sich tatsächlich nur auf diesen Teilstrang der Geschichte und ignoriert die größere Botschaft Lems. Das ganze Setting im Weltraum wird degradiert zum Experimentierfeld für Soderberghs formalen Spieltrieb. Wer allerdings mit Clooney Begriffe wie »sexy«, »gutaussehend« und »charmant« verbindet - worauf Fox zweifellos spekuliert - wird auf eine völlig falsche Fährte gelockt. Die Beziehung zwischen Kelvin und Rheya (Natascha McElhone) bleibt sehr kalt und distanziert, geradezu abstrakt, und enttäuscht somit die künstlich geschürten Erwartungen an einen romantischen Film.

Asimov hat oft betont, dass Science Fiction eigentlich nur dann vorliegt, wenn die Geschichte sich auf Probleme, die von den Umständen in der Zukunft geschaffen wurden, bezieht. Ein simpler Transfer der Probleme von heute in ein futuristisches Setting ist demnach keine Science Fiction - eine streitbare Definition, aber eine durchaus hilfreiche. »Solaris« ist folglich kein Science Fiction-Film, was allerdings auch gar nicht das Ziel Soderberghs gewesen sein dürfte. Er handelt - sofern er überhaupt von etwas handelt - von Liebe und Tod und der Frage, wie weit man gehen würde, um einen Geliebten Menschen wieder zum Leben zu erwecken - in mancherlei Hinsicht ähnelt »Solaris« hier Hitchcocks »Vertigo«. Die Frage, was Realität ausmacht, stellt dabei einen interessanten Nebenaspekt dar. Soderbergh hätten sich zwei Möglichkeiten geboten, dieses Thema zu behandeln: Eine mehr emotionale Aufarbeitung, die sich auf Kelvin und Rheya konzentriert, oder ein mehr philosophischer Ansatz, der die Frage eher abstrakt begreift. Den Film, der den letztgenannten Ansatz verfolgt, gibt es tatsächlich, nur nicht von Soderbergh: 1972 verfilmte einer der großen russischen Regisseure, Andrei Tarkovsky, Lems Geschichte zum ersten Mal. Allerdings stellt Tarkovskys Werk wohl eine sehr subjektive Interpretation dar, die auch seine künstlerische Unterdrückung und die gesellschaftliche Situation in der Sowjetunion der damaligen Zeit thematisierte. Lem hat diese Version angeblich gehasst und sich lange mit Tarkovsky darüber gestritten. Es erscheint also wenig sinnvoll, Soderberghs Film als ein Remake von »Solyaris« aufzufassen, wie manchmal zu lesen ist. Stattdessen versucht er vielmehr, die emotionalen Aspekte von Lems Geschichte zu analysieren und darzustellen. Nur: Er scheitert. All die Langsamkeit und Schwere der Dialoge gaukelen Tiefe und Emotion vor, doch sie sind nur Oberfläche. Man kann jeder Szene förmlich anmerken, dass Soderbergh beispielsweise die Wahl der Kameraposition und die Platzierung der Personen perfekt beherrscht, um ein Bild ästhetisch markant zu komponieren, nur wozu? Ohne zu viel verraten zu wollen: Die Handlung, soweit sie die emotionale Konstellation betrifft, ist sehr banal, und auch wenn Soderbergh versucht, dem Ganzen durch eine ausgedehnte Hintergrundgeschichte mehr Bedeutung zu geben, so kommt die Brisanz des Grundkonflikts nicht über Vorabendserien-Niveau hinaus. Von der Lösung ganz zu schweigen: Die ist so nahe an den eingangs erwähnten negativ polarisierten Tachyonen, dass man laut aufheulen möchte. Wobei angemerkt sei, dass just jene Stellen deutlich mehr Sinn machen würden, hätte sich Soderbergh an Lems Thema gehalten. So vermischt er Elemente, die in eine andere Problemkonstellation gehören, mit seiner eigenen, subjektiven Interpretation, und das mit katastrophalem Ergebnis.

Soderbergh beherrscht formale Techniken wie wenige andere zeitgenössische Regisseure, doch woran er in »Solaris« scheitert, ist ihr Einsatz als inhaltliches Instrument. Form an sich ist langweilig, interessant wird sie erst, wenn sie den Inhalt kommentiert, so wie dies alle großen Regisseure umgesetzt haben, seien es Sergei Eisenstein, Orson Welles oder Stanley Kubrick. Es ist erschreckend zu sehen, dass Soderbergh irgendwie immer mehr Form und immer weniger Inhalt zu bieten hat: Von »Erin Brockovich« über »Traffic« und »Ocean's Eleven« bis zu »Solaris« zeigt sich eine zunehmende Formalisierung, die bei Soderbergh allerdings mit einer inhaltlichen Sterilisierung einhergeht. Dabei fällt auf, dass Soderbergh stets dann erfolgreich (zumindest was den Publikumszuspruch angeht) war, wenn er möglichst simple moralische Botschaften vermittelt hat, wie in »Erin Brockovich« und »Traffic« - an komplexeren Themen ist er stets gescheitert (»The Limey«, »Solaris«).

So mag es auch kaum verwundern, dass die amerikanischen Talkshows, in denen Soderbergh und Clooney den Film promoteten nur ein Thema hatten: Clooneys Nacktszenen. Tatsächlich sind die in den eineinhalb überwiegend todlangweiligen Stunden auch mit das Sehenswerteste, und zweifellos der Höhepunkt des Films (allerdings nur mangels anderer). Davon abgesehen ist Clooney jedoch eine Enttäuschung auf der ganzen Linie. Seine schauspielerischen Qualitäten beschränken sich bekanntermaßen auf »gut aussehen« und »cool sein« - perfekt für »Ocean's Eleven«, doch deutlich zu wenig für »Solaris«. Emotionale Tiefe und Clooney scheinen sich jedenfalls zu widersprechen. Ähnliches gilt leider für McElhone, deren größter Beitrag zum Film ihre markanten Gesichtszüge sind. Der Soundtrack von Soderbergh-Hauskomponist Martinez ist zwar dem Setting angemessen, das bedeutet jedoch leider auch, dass er extrem nervtötend ist.
Die Photographie hat Soderbergh übrigens wie so oft unter dem Pseudonym Peter Andrews selbst übernommen - angesichts seiner formalen Fixierung auch kein Wunder.

»Solaris« ist letzlich eine inhaltsleere, aseptische Adaption von Lem, die sich um dessen Hauptthema drückt und leider Form vor Inhalt stellt. Für Kameramänner und Setdesigner mag der Film noch interessant sein, für die meisten anderen Bevölkerungsgruppen ist er jedoch hauptsächlich belanglos, und für Lem-Fans wahrscheinlich zudem noch ein großes Ärgernis.

Bedeutungslose, inhaltsleere Adaption ohne jeden Reiz


Wolfgang Huang