Gutes Jahr, Ein
(Good Year, A)

USA, 118min
R:Ridley Scott
B:Marc Klein, Peter Mayle
D:Russell Crowe,
Albert Finney,
Marion Cotillard,
Abbie Cornish,
Tom Hollander
L:IMDb
„Sag niemandem, dass ich in Urlaub bin. Das ist wie tot sein.”
Inhalt
Der Londoner Investment-Banker Max Skinner (Russell Crowe) reist in die Provence, um ein kleines Weingut zu verkaufen, das er von seinem Onkel geerbt hat. Max lässt sich zunächst nur widerstrebend auf die provenzalische Lebensart ein und reagiert auf die schrulligen Eigenarten der Einheimischen mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus. Doch nachdem er die Caféhausbesitzerin Fanny (Marion Cotillard) kennen lernt, genießt er nicht nur die Leichtigkeit des Lebens - er lernt auch die wahre Liebe kennen.
Kurzkommentar
Nach seinen zwei schweißgetränkten Kostümepen „Gladiator“ und „Königreich der Himmel“ lässt es Sir Ridley Scott ein wenig gediegener angehen. „Ein gutes Jahr“ ist sicherlich kein sonderlich guter Film. Über die Standards gängiger romantischer Komödien kommt das Provence-Prospektchen nicht hinaus. Jedenfalls gibt es einen banalen, aber funktionierenden Plott, dazu platte Wein-Philosophie und sonnengetränkte Bilder aus Frankreichs Süden. Fertig ist der leichtgängige, recht sympathische Edelkitsch. Er macht nichts wirklich falsch, aber auch nichts mit Begeisterung richtig. Ein Streifen mit rundem Bukett.
Kritik
Die merkwürdigen Metamorphosen des Monsieur Scott. Vom „Königreich der Himmel“ ins Königreich der Weinberge. Wie Max, der ausgebrannte Schweinebroker und die Hauptfigur seines aktuellen Films, scheint Sir Ridley Scott eine Auszeit gebraucht zu haben, und zwar von den episch schweren Allüren seiner letzten Filme, beides Historienschinken. „Gladiator“ hatte seinerzeit kolossalen Erfolg, aber im letzten Jahr wollte das Kreuzzugs-Märchen „Königreich der Himmel“ nicht überzeugen – ein milchgesichtiger Held und leidenschaftslose Dramaturgie ließen das Projekt ein wenig verstaubt wie unglaubwürdig wirken. Doch immerhin, Scott bewies auch hier wieder, dass er es weiterhin ist, der die schmuckvollsten Bilder auf die Leinwand zaubert, so perfekt fotografiert war das Wüstentreiben. Möglich, dass aber der relativ geringe Umsatz von „Königreich der Himmel“ die Entscheidung Scotts beförderte, mal wieder das Genre zu wechseln und seinem beeindruckend großen Oeuvre ein letztes Mosaiksteinchen hinzuzufügen.

Also drehte Scott nach den beiden Helden-Revuen eine romantische Komödie, ein kleines, genügsames Filmchen. Der Entstehungshintergrund muss dabei natürlich Teil des Films selbst sein, weil Scott hier auch, vielleicht als erstes Altersignal, etwas über sich selbst, seine musische Residenz zum Besten geben will: Dass er in der Provence, dem Sehnsuchtsziel aller Wein-Sachverständigen, über ein Anwesen verfügt. Das ist schön, wenn nicht gar beneidenswert. Und es heißt auch, dass hier, sicher über einigen Flaschen erlesener Tropfen, die Idee zu „Ein gutes Jahr“ kam. Also stiftete er seinen Freund Peter Mayle an, die Buchvorlage über die Erweckung eines Finanzhais zum Leben in der Seelenlandschaft Frankreichs zu schreiben. Das Ergebnis ist nun zwar, wie erwartet, ein kantenloses Werbeprospektchen für das savoir vivre im Weinberg, aber glücklicherweise ist es nicht ganz so schlimm wie die Holzhammer-Schmalz-Lektion „Liebe das Leben und lebe die Liebe“ auf dem Poster erwarten lässt. Stattdessen ist der Titel des Films gefälliges Programm.

Wie aus dem Handbuch für Weinkenner und solche, die es werden wollen, konstruiert Scott seine erste Romanze brav nach bewährten Mustern. Das geht so: Zwei völlig unterschiedliche Lebenswelten, konzentriert am besten noch in unterschiedlichen Geschlechtsrollen, prallen aufeinander. Damit ist das Ende klar. Die Provence ist nur Dekor, wird aber auch zur Hauptdarstellerin. Scotts Gespür für große Bilder gelingt es, die tödlich monochrome Finanzwelt Londons, in der Max Skinner eingangs so blasiert regiert, mit dem samtig warmen Sommerlicht, in das die Chateau-Szenerie Frankreichs getaucht wird, ansehnlich zu kontrastieren. Insofern reicht schon seine handwerkliche Befähigung, um eine der ersten Anforderung an eine romantische Komödie zu erfüllen: „Ein gutes Jahr“ entführt den Zuschauer in eine stilvoll verkitschte Provence-Fiktion, mit Baguettes, Weinpoesie in rohen Mengen und anmutigen Madames, die mit Citroens Ente langsam durch die Hügelszenerien gurken. Das alles ist mit leichter Ironie ins Bild gesetzt, kommt leicht und unaufdringlich daher.

Dass Russell Crowe in der nach „Gladiator“ zweiten Zusammenarbeit mit Ridley Scott die Hauptrolle übernimmt, überrascht ein wenig. Etwas in die Richtung „Gladiator 2“ hätte man am ehesten erwartet. Crowe hat seine Verwandlungsfähigkeit aber schon genügendlich unter Beweis gestellt und enttäuscht auch hier nicht. Sicher, kritisch gesagt, könnte man einwenden, dass sein Spiel genauso blass bleibt wie die Komödie selbst. Lorbeeren für erzählerische Höhepunkte heimst Scott mit „Ein gutes Jahr“ nun wirklich nicht ein. Die Geschichte eines emotional abgestorbenen Mannes, der seit seinem Erfolg an der Londoner Börse zum Bilderbucharschloch mutiert ist und dann im ewig sonnigen Süden Frankreichs ein paar grundlegende Sachen über das Leben wie das Leben selbst lernst, könnte banaler und kitschiger kaum sein. Crowe wird als Skinner nur mit dem notdürftigsten Figurenhintergrund versehen.

So wirkt die psychologische Wandlung bei Ankunft in Frankreich einerseits zu rasant und zu konstruiert. Andererseits ist für den Zuschauer sofort klar, dass jeder, egal wer, aus diesem Paradies nicht mehr entkommen will und besonders Skinner nicht, verbrachte er hier doch die glücklichsten Tage seiner Kindheit. Ästhetisch geschickt bindet Scott Erinnerungsschnipsel an das stilvoll heruntergekommene Chateau. Sehr amüsant ist die Szene des Dilemmas im Pool, die Skinner von einer rechzeitigen Rückankunft in London abbringt und damit der eigentlich unfreiwillige Auslöser für die Wiederauffrischung der emotionalen Bindung an die Sommer-Residenz seines Onkels ist. Das folgende Techtelmechtel mit der Dorfschönheit trägt nur gegen Ende zu dick auf; da steht in etwa die Erkenntnis von Wein, Weib und Gesang. Nur das sei das bescheidene, wahre Leben. Auf einem Millionen-Dollar-Anwesen versteht sich. „Ein gutes Jahr“ ist belangloses Wohlfühlkino, hervorragend fotografiert und ordentlich besetzt. Vielleicht das Richtige Mittel im tristen November.

Nette Romanze mit Wein- und Edelkitschbonus


Flemming Schock