Borat

USA, 82min
R:Larry Charles
B:Sacha Baron Cohen, Anthony Hines, Peter Baynham
D:Sacha Baron Cohen,
Peter Baynham,
Anthony Hines,
Dan Mazer
L:IMDb
„We support your war of terror.”
Inhalt
In dem ausgelassen anstößigen Film macht Borat sich von seinem primitiven, kasachischen Heimatdorf aus auf in das große Amerika, um das Leben der Amerikaner genau zu studieren und einen lehrreichen Film für sein Land zu drehen. Das Ziel der Reise: "Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen." In New York angekommen muss nicht Borat sich schnell an die neue Umgebung und die Kultur anpassen, sondern die New Yorker an Borat. Durch seine naive, tollpatschige, sehr direkte und ebenso kontroverse Art hinterlässt er deutliche Spuren und eckt überall mal an. Auf seiner Reise quer durchs Land trifft Borat auf echte Personen in echten Situationen mit urkomischen Konsequenzen, was zu höchst kontroversen Szenen führt, bei denen nicht wenige Amerikaner ungewollt skurrile Aussagen und Bekenntnisse von sich geben.
Kurzkommentar
„Borat“ dürfte zunächst jeden vor den Kopf stoßen, der sich unter dem Begriff „politisch korrekt“ auch nur im Entferntesten etwas vorstellen kann. Weil die Geschmacklosigkeit aber Mittel zum Zweck des intelligenten Untertons ist, darf sich „Ali G“- und „Borat“-Erfinder Sacha Baron Cohen für sein roadtrippiges „Gesellschaftsporträt“ auf die Schulter klopfen lassen.
Kritik
Jegliche Art von Humor sei eine Form der Aggression, meinte der jüdische Schriftsteller Leon Feinberg einmal. Was einem in der Schwemme deutschen Comedybreis gähnend in Vergessenheit gerät, ruft Borat Sagdiyev schlagartig wieder ins Bewusstsein. Dessen professionalisierten Affront gegen den Anstand erklärt sich durch eine fiktionale Biographie, die im Kern eine journalistische Karriere beim kasachischen Fernsehen umfasst. Hinter Schnauzer und Lockenkopf steckt der Brite Sacha Baron Cohen, der Ende der 90er mit seiner Produktion „Da Ali G-Show“ für Channel 4 und HBO bekannt wurde. So wie der Pseudopimp aus dem Londoner Vorort Staines geht auch Borat ohne jegliche Rücksicht auf ihre jeweiligen Sensibilitäten mit seinen Mitmenschen um, wenngleich sein herzlicher Überschwang etwas sympathischer daherkommt.

Baron Cohen entwickelte das Vehikel für seine zweite Kunstfigur in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen „Seinfeld“-Autoren Larry Charles und „Austin Powers“- und „Meine Braut, ihr Vater und ich“-Regisseur Jay Roach. Zusammen entwarf man einen filmischen Ansatz, der dem bisherigen Konzept aus der „Ali G“-Show treu bleibt. Seit die sogenannte „mockumentary“ mit „The Rutles“ aus der Taufe gehoben wurde, brachte das Genre einige komödiantische Perlen hervor: „This is Spinal Tap“ erzählte ebenfalls die Geschichte einer Band, die erst für den Film entstand, „Bob Roberts“ war Tim Robbins’ Politsatire über die Oberflächlichkeit des amerikanischen Wahlkampfes und erst im vergangenen Jahr entstand mit „Behind the Mask: The Rise of Leslie Vernon“ eine geistreiche Parodie der gängigsten Horrorkonventionen. Thematische Vielfalt ist also durchaus vorhanden.

„Borat“ bringt nun eine interessante Neuerung ins Spiel: Waren die bisherigen Produktionen in einem komplett fiktionalen Setting entstanden, also inklusive Kulissen und Schauspieler, agiert mit Borat ein fiktionaler Charakter in einem realen Umfeld, mit „echten“, will sagen nicht eingeweihten Personen. Diesen rückt er mit der versteckten Kamera zu Leibe, wenn er zum Beispiel New Yorker Passanten mit der öffentlichen Verrichtung der Notdurft verblüfft. Dann gibt es Sequenzen, in denen sich das Team um Baron Cohen zu erkennen geben musste: Hier war es an Cohen, so überzeugend in der Rolle des kasachischen Dokumentarfilmers aufzugehen, dass seine jeweiligen Interviewpartner sich in ihrer Reaktion, wenn überhaupt, nur von der Anwesenheit einer Kamera beeinflussen lassen. Und da ist es in der Tat bemerkenswert, mit welcher Konsequenz Baron Cohen auch die haarsträubendsten Situationen meistert, ohne seine Tarnung auffliegen zu lassen. (Eine Leistung, die man sich wirklich, wirklich nur im Originalton ansehen sollte!)

Wenn Borat im Gottesdienst einer radikalen protestantischen Gemeinde sein Erweckungserlebnis inszeniert und „in fremden Zungen“ spricht, fragt man sich bisweilen, wer hier wen instrumentalisiert. Borats Begegnung mit Pamela Anderson - bei der er von dem Umstand profitiert, dass Frau Anderson mittlerweile Autogrammstunden in Elektrofachmärkten mit vergleichsweise geringem Sicherheitsaufwand abhält – sorgt dann für ernsthafte Zweifel am Ausmaß der Inszenierung: Gerade in hysterischen Zeiten wie diesen ist schwer vorstellbar, wie Baron Cohen mit dieser Nummer ohne ernsthafte juristische Konsequenzen durchgekommen ist. Der schmerzhaften Situationskomik dieses denkwürdigen Augenblicks tut das natürlich keinen Abbruch. Sei es wie es sei – seitens der Produktion schwört man jedenfalls Stein und Bein: Alles, was zu sehen ist, sei völlig echt und unverfälscht.

Satirisch entlarvendes Potential entwickelt „Borat“ nach einem festen Schema. Wenn der Reporter mit den nicht zeitgemäßen Ansichten ganz unverblümt auf den Plan tritt, ist moralische Empörung angebracht. Stattdessen erntet er vielerorts breite Zustimmung in Sachen Chauvinismus, Antisemitismus und Schwulenfeindlichkeit. Allerdings läuft er dabei auf die Dauer Gefahr, im gleichen Maße Vorurteile zu schüren, wie er sie entlarvt. In der Rezeption rennt „Borat“ derzeit immer noch offene Türen ein, wenn er die Amis als begriffsstutzige, nationalistische Hinterwäldler mit latentem Hang zur Fremdenfeindlichkeit entlarvt, die unter dem Deckmantel des freiheitsliebenden Patriotismus ihr ganz eigenes Süppchen aus Ignoranz und Intoleranz kochen. Dass man nach diesem Menschenschlag auch in den USA erstmal suchen muss, sollte nicht vergessen werden. Dass es ihn aber hierzulande ebenfalls gibt, genauso wenig.

Dies jedoch nur als vorsichtig kritische Anmerkung, denn letztlich ist es genau diese „investigative“ Qualität, die Borats Unternehmung auszeichnet. Natürlich kann sich der Zuseher in der Gewissheit aufgehoben fühlen, dass der gute Borat ja nichts von dem wirklich so meint, wie er es sagt. Vielsagend ist da auch der allerorts beschwichtigend erwähnte Hinweis auf Sascha Baron Cohens jüdische Abstammung, die ihm in Sachen Antisemitismus einen satirischen Persilschein ausstellt. Aber wer ihn als billig-brachialen Provokateur abstempelt, vergisst die Momente, in denen einem das Lachen gefriert: Dafür sorgen an seiner Stelle die Interviewpartner, die teilweise einen humanistischen Offenbarungseid leisten.

Sch(m)erzhaft witzig: Unappetitlich derbe Farce, clownesker Slapstick und realsatirischer Denkzettel auf einmal.


Reinhard Prosch