Freund von mir, Ein

Deutschland, 84min
R:Sebastian Schipper
B:Sebastian Schipper
D:Daniel Brühl,
Jürgen Vogel,
Sabine Timoteo,
Jan Ole Gerster,
Peter Kurth
L:IMDb
„Geile Luft!”
Inhalt
„So lange ich denken kann, habe ich alles richtig gemacht.“ Das sagt Karl (Daniel Brühl), ein junger Mathematiker, der als Nachwuchs-Führungskraft in einer großen Versicherung arbeitet. Dass etwas fehlt in seinem Leben, entdeckt er erst durch die Begegnung mit Hans (Jürgen Vogel), der ihn in existenzielle Dinge einweiht: In die Magie des Nacktporschefahrens zum Beispiel, oder in die Kunst, wahre Königinnen wie Stelle (Sabine Timoteo) unter Tausenden zu erkennen.
Kurzkommentar
Ein wenig alten Wein in neuen Schläuchen serviert Sebastian Schipper nach seinem legendären Debüt mit „Absolute Giganten“. Auch „Ein Freund von mir“ beschwört zentral die Kraft spätpubertärer Freundschaft, die Metapher des Unterwegsseins und den Appeal dicker Kutschen. Getragen von einer exzellenten Besetzung und dichter Stimmung weiß „Ein Freund von mir“ zu gefallen. Die Gradwanderung zwischen nachdenklichen Tönen, rauschhaften, platten Albernheiten und zäher Romanze wirkt allerdings gegen Ende hin zerfahren.
Kritik
Es ist wie mit dem ersten, hoch gelobten Buch. Bis das Zweite folgt, vergehen Jahre. Der Erwartungsdruck setzt dem Autor zu, nur schwer kann er sich neu erfinden. Auch in „Ein Freund von mir“, dem erst zweiten Film von Sebastian Schipper, tauchen die zentralen Motive aus seinem Erstlingswerk wieder auf. Mit welcher Direktheit das der Fall ist, erstaunt allerdings: Erneut geht es um Jungs, um die Bedeutung wahrer Freundschaft, um brachiale Autosounds, um Sackgassen und Wendepunkte im Leben. Die Typen sind größer geworden, hormonelle Belange sind aber weiter bestimmend. Ganze sieben Jahre hat Schipper für seinen zweiten Film gebraucht, von seinem Debüt „Absolute Giganten“ wollte er sich wohl nicht allzu weit entfernen. Mit Grund natürlich. Die melancholisch-soghafte Mischung aus Milieustudie, Roadmovie und Hamburg-Huldigung gehört zum Sehnsüchtigsten und Besten, was der junge deutsche Film gegen Ende in den letzten Jahren auf die Leinwand brachte. Und dann war da ja noch die berauschende Kicker-Szene. Als Ersatz gibt es jetzt Nacktporschefahren.

Dass sich auch „Ein Freund von mir“ eine ähnlich große Fangemeinde erspielt, dürfte unwahrscheinlich sein. Zweierlei Maßstäbe sind anzusetzen, um Schipper kein Unrecht zu tun: Gemessen an dem, was man in Erinnerung der kraftvollen Großstadtballade erhofft hätte, fällt „Ein Freund von mir“ doch merklich ab. Viel versprechend schwermütig schwelgt zwar die Eröffnungsmelodie, insgesamt bleibt der Soundtrack aber weit blasser als die perfekte Abstimmung von Augenblick und seiner Vertonung in „Absolute Giganten“. Wesentlich für die Stimmungsdichte des Streifens war das Fingerspitzengefühl bei der Musikauswahl. Dann, auch wenn der direkte Vergleich immer hinkt: die Ausgangssituation in „Absolute Giganten“ ist origineller und dramaturgisch dankbarer, weil emotional dichter. Die Kraft des Abschieds, unmittelbar eröffnet, gab der Ode an die Freundschaft ihren Drive und ihren Erinnerungswert. „Ein Freund von mir“, das kann zwar gleichermaßen banal informativ wie poetisch melodiös klingen, verlässt sich hingegen auf ein schon in zahllosen Varianten erprobtes Muster von Freunden und ihren Lebensentwürfen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten.

Misst man Schipper jedoch nicht an sich selbst, ist „Ein Freund von mir“ eine über gute Strecken begeisternde Mischung aus den Schipper-typischen Topoi von Roadmovie, Pubertierendenparabel und Liebesgeschichte, nur die Mileustudie und die städtische Hommage fehlt diesmal. Statt Hamburg ist Düsseldorf diesmal Kulisse, erzählerisch ist das aber egal. Leider. Gerade die Verbindung von Ort und Mensch über den Kitt der Musik machte „Absolute Giganten“ so groß. Auch in „Ein Freund von mir“ hätte die atmosphärische Inszenierung diverser Plätze sicher für magische Kinomomente sorgen können, Schipper hat ein Händchen dafür. Kein Zufall nach dem Kult um sein Debüt ist, dass der Regisseur mit Daniel Brühl und Jürgen Vogel zwei der am meisten Gefragten engagieren konnte. Von Glücksgriff kann kaum die Rede sein, aber gerade das kontrastive Spiel der beiden sorgt dafür, dass der Film sein Publikum sofort für sich einnimmt. Wirklich grandios auf den Leib geschneidert ist Vogel die Figur des lebensbejahenden Versagers Hans, dessen ganz dickes Kumpeltum den von Brühl gespielten Karl aus der apathischen Totenlähmung des Versicherungsmathematikers reißt und zum Saurauslassen einlädt. Das macht Spaß und ist ungeheuer locker.

Brühl macht seine Sache gut, ein bisschen weniger Introvertierheit Karls wäre zweifellos aber mehr gewesen. Die Psychologie der Figuren ist simpel, trotzdem oder gerade deswegen reagieren sie aber glaubwürdig, die ménage à trois hätte Schipper sich allerdings schenken können. Sie ist nicht nur für ein wenig überzeugendes Ende verantwortlich, sondern auch dafür, dass der Film sein Kumpel-Motiv verwässert. Ein wenig in der Luft hängt die viel gelobte Sabine Timoteo ohnehin, nennenswerte Dialogzeilen hat sie nicht. Auch darf man sich ernsthaft fragen, was denn so erstrebenswert am wahren Leben ist, dass Karl durch Hans entdeckt. Sicher, da ist das schweigsame Rätsel der Männerfreundschaft. Viel zu sagen hat man sich nicht. Stattdessen steigt man, ein wenig plakativ, nackt in den Porsche und lässt es hier und dort krachen. Das Leben als dauernde Testosteronspirale, geht nur im Kino. So wirklich will die Balance zwischen Adoleszenzkick und Lebensdrama nicht immer aufgehen, dafür bricht zu viel Schwerfälligkeit ein in die riesen Sause. „Ein Freund von mir“ ist nach „Absolute Giganten“ weder ästhetisch noch erzählerisch ein zweites Kleinod. Aber er ist immer noch eine gut gespielte und mit einigen bizarren Einfällen angereicherte Hommage an Lebenskraft und Freundschaft.

Sympathische Freundschafts-Hommage mit Nachfolger-Syndrom: gut, aber nicht klassisch


Flemming Schock