Pulse - Du bist tot bevor du stirbst
(Pulse)

USA, 90min
R:Jim Sonzero
B:Ray Wright, Kiyoshi Kurosawa, Wes Craven
D:Kristen Bell,
Tate Hanyok,
Ian Somerhalder,
Christina Milian,
Rick Gonzalez
L:IMDb
„The world we know is gone, but the will to live never dies. Not for us... and not for them.”
Inhalt
Mattie (Kristen Bell) ist schockiert: Ihr Freund Josh hat sich umgebracht. Doch als sie Emails mit seinem Absender erhält, wird aus dem Schock schnell nackte Angst. Sie und ihre College-Freunde versuchen, Joshs Computer zu finden und stoßen auf den Bastler Dexter (Ian Somerhalder), der von ungewöhnlichen Ereignissen berichtet. Schattenhafte Gestalten kommen und gehen, Geister, die nicht in unsere Welt gehören. Im ganzen Land gibt es immer mehr Selbstmorde, immer mehr Menschen verschwinden oder verhalten sich seltsam. Mattie und Dexter kommen schließlich einem Experiment auf die Spur, das auf schreckliche Weise fehlgeschlagen ist.
Kurzkommentar
Remake? Schwierig! Remake und Kulturtransfer? Schwierigst. Werbefilmer Jim Sonzero liefert mit „Pulse“ eine eher harmlose und uninspirierte Version des japanischen Films „Kairo“ (2001) ab und scheitert somit an der schwierigen Aufgabe, japanisches, atmosphärisches Gruseltum art- und sachgerecht umzusetzen.
Kritik
Es fällt dem Autor schwer, an dieser Stelle nicht zumindest ein wenig emotional zu werden. „Kairo“ gehört zu meinen persönlich J-Favs, und als ich zum ersten Mal den Trailer für das US-Remake sah, begann das erregte Zittern. Das schwitzende Hoffen. Die Furcht. Die Vorahnung. Genug Stoff für einen eigenen Psychothriller! Nicht alle US-Adaptionen waren schließlich in den Sand gesetzt worden: Gore Verbinskis „The Ring“ war ein gelungener Auftakt (Garderobe des Schweigens über Teil 2, einverstanden), der interessante Kniff im US-„Grudge“, Amerikaner nach Japan zu holen (Teil 2 kommt noch dieses Jahr in die deutschen Kinos) oder die eigenständige Adaption von „Dark Water“ mit einer immens starken Jennifer Connelly.

Um es kurz vorweg zu nehmen – die an Schauplätzen in Los Angeles und Bukarest entstandene Neuauflage von „Pulse“ bietet 90 Minuten formelhafte Genrekonvention. Relativ einstimmig fällt daher auch das US-Kritikerecho über die 20 Millionen Dollar Produktion aus: „Pulse isn't nearly as scary as watching your hard drive crash” urteilt in etwa der Hollywood Reporter; als “hideously ugly to look at and not even worth following” bezeichnen die New York Daily News das Remake und schließlich bilanziert der Austin Chronicle: “It's a curiously dull Americanization of one of the finest examples of subtle, moody J-horror out there.“ Das hatte sich Regisseur Sonzero vermutlich anders vorgestellt. Er verlagert sich eher auf die soziologischen Aspekte seines zweiten Films nach „War of the Angels“ (1999): „Pulse behandelt den Widerspruch unserer heutigen Kommunikationstechnologie: Eigentlich soll sie uns zusammenbringen, und doch sorgt sie bei den Menschen oft für Entfremdung. Wir sitzen Stunden vor dem Computer, schreiben E-Mails, surfen im Internet, geben uns der Illusion hin, mit den anderen in Verbindung zu treten, aber dabei nehmen wir zwischenmenschlich ja gar nicht mehr mit den anderen Kontakt auf.“ Dann wird es geradezu biblisch: „Virtuelle Interaktion ist für mich der Sündenfall, das verlorene Paradies. Je mehr uns die Technologie verführt, desto stärker hängen wir von ihr ab. Sie verändert uns. Wir verlieren unsere Menschlichkeit und isolieren uns voneinander.“

War das Original von einem langsam voran schreitenden Minimalismus geprägt, heizt das Remake mit Blaustich und Clip-Ästhetik der (Achtung! Polemik!) Rezeptionsdauerfähigkeit von Google-Hausarbeits-Suchern mächtig ein. Es stimmt angesichts dieses Ergebnisses auch ein wenig mulmig, wenn man sieht, dass derselbe Ray Wright, der am Skript zum US-„Pulse“ arbeitete, sich auch am Skript zum Remake von Romeros „The Crazies“ zu schaffen machen wird. Wäre „Pulse“ in den Zeiten des Kalten Krieges entstanden, hätte jeder sofort verstanden, wen die emotionslosen Geister, die gut gelaunten und lebensfrohen US-Amerikanern das Leben aus den Knochen saugen, darstellen sollen: das Sowjetgespenst. Vor dem Hintergrund der Technikphobie dieses Filmes hätte in den 1980ern man ein weiteres Mal einen klaren „gelben Teufel“ ausmachen können, Schlagwort: Toyota - Automobilkonkurrenz aus Japan. Doch nun? Wer ist nun der „daemon ex machina“?

Vielleicht das aufstrebende China? Shanghai, die Hochtechnologie-Metropole? Dass zudem die Filmfiguren klischeehafte Abziehbilder sind, ist ebenfalls nicht hilfreich; der total ausgeflippte Afroamerikaner, der illegales Material (gebrannte Medien statt Drogen) vertickt ist das nur ein (unangenehmes) Beispiel. Die aus TV-Serien bekannten Protagonisten bleiben leere Hüllen, bei denen man sich das ein oder andere Mal tatsächlich fragt, ob die bösen Geister den Stars nicht doch schon, praktisch in einer Sekunde, in der man nicht aufpasste, das Leben aus dem Körper saugten.

„Doktor, ich kann den Puls nicht finden.“ Relativ liebloser Schnellschuss, der der großartigen Vorlage nicht gerecht wird.


Rudolf Inderst