Black Dahlia
(Black Dahlia, The)

USA, 115min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Brian De Palma
B:Josh Friedman, James Ellroy
D:Josh Hartnett,
Scarlett Johansson,
Aaron Eckhart,
Hilary Swank,
Mia Kirshner
L:IMDb
„I slept with her just to find out what it would be like with someone who looked like me”
Inhalt
Zwei Cops, die Ex-Boxer Lee Blanchard (Aaron Eckhart) und Bucky Bleichert (Josh Hartnett), untersuchen den Mord an der ehrgeizigen B-Film-Aktrice Betty Ann Short (Mia Kirshner) alias „Schwarze Dahlie“ – das Verbrechen wurde derart grausig ausgeführt, dass die Fotos vom Tatort unter Verschluss bleiben. Während Blanchard sich so intensiv in den Sensationsfall verbeißt, dass seine Beziehung zu Kay (Scarlett Johansson) darunter leidet, fühlt sich sein Partner Bleichert von der rätselhaften Madeleine Linscott (die zweifache Oscar-Preisträgerin Hilary Swank) angezogen: Sie stammt aus einer sehr prominenten Familie und hatte zufällig ein anstößiges Verhältnis mit der Ermordeten.
Kurzkommentar
„The Black Dahlia“ ist ein De Palma wie er im Buche steht, Konstruktion und Dekonstruktion zugleich. Wie immer begnügt sich De Palma nicht damit, „nur“ einen Genrefilm zu kreieren, Reflexion über das Medium und über dessen Wirkung sind in „Black Dahlia“ gleich enthalten. Auch wenn er seinem filmischen Kosmos wenig hinzuzufügen vermag, ist sein Film doch wie immer spannend und von virtuoser Dichte.
Kritik
„Miss Short, are you capable of playing sadness?“ – Gleich im ersten Drittel der ganze Film in einem Satz. Eine angehende Schauspielerin bei einer Casting-Szene. Sie ist jung, hübsch, mädchenhaft. Ein naives Kind, verträumt und zerbrechlich. Schon hier ist sie Sklavin eines Systems – des Systems Hollywood –, soll auf Befehl Situationen nachstellen und Emotionen spielen. Aber von der ersten Sekunde an ist klar: sie muss die Emotionen nicht spielen, sie sind ohnehin da. Und spielen kann sie sowieso nicht, dazu ist sie zu ängstlich und auch zu untalentiert. Elizabeth Short ist der Paradefall eines leichtgläubigen Dummerchens, das sich von der Filmwelt verzaubern lässt ohne auf seine harten Regeln vorbereitet zu sein. Sie ist ganz und ganz Opfer eines Systems. Und dieses System ist unerbittlich.

„Are you capable of playing sadness?“ – Was diese Frage impliziert, ist zum einen, dass Traurigkeit in Hollywood gespielt werden muss. Denn in Wahrheit sind wir alle glücklich und sei es nur nach außen hin. Enttäuschung und Hinterlist werden ausgeblendet und verdrängt, sie sind nicht Realität, sondern lediglich der Stoff „aus dem die Träume sind“, nämlich des Drehbuchs. Und das kann noch so unecht sein, die Echtheit der Gefühle darf das nicht tangieren. Zumindest vor den Augen der Zuschauer.

„Miss Short, this is a sad scene.“ Dwight Bleichert und seine Kollegen schauen sich die Testaufnahmen der Short immer wieder an, in der Hoffnung, einen Hinweis auf ihren Mörder zu finden. Dass es darum aber nicht wirklich geht, ist allen Beteiligten klar. Nach einer lesbischen Sexszene, die manche im Raum der Kriminalpolizei in Erregung versetzt, andere wütend macht, gibt der Direktor zu Bedenken, er wisse nun wirklich nicht, wie das Studium der Aufnahmen sie in dem „Fall“ weiterbringen könne. Natürlich erliegt aber auch er der Nekrophilie: es geht um das sexualisierte Faszinosum einer Ermordeten. In den Filmaufnahmen, die sich vor den Polizisten entfalten, ist der Geist einer Toten konserviert, das Leben und Schicksal eines unschuldigen und brutal ausgenutzten Menschen. Dieser Film im Film muss deswegen auch schwarz-weiß sein, während De Palmas Film nur in Farbe gehalten sein kann: die Stärke des Mediums selbst liegt nicht nur im Erfassen – und Verschachteln – verschiedener Zeitebenen, sondern auch in seiner Analogie zum menschlichen Bewusstsein: des Verschwimmens, des Erinnerns, der unterschiedlichen Schärfe.

„Miss Short, this is a sad scene. Are you capable of playing sadness?“ – Derjenige, der hier spricht, mag irgendein Casting-Director für ein Studio sein, vielleicht ist es aber auch der Regisseur eines konkreten Films für den sich Short bewirbt. Dass Brian De Palma ihn selbst aus dem Off spricht, ist kein einfacher Gag, kein Cameo, sondern Teil seines filmischen Kosmos´. Er überbrückt damit Zeiten und Räume, erfasst also das Medium selbst. Bleichert und seine Kollegen sehen Shorts Testszenen vom Beginn der 40er Jahre als Film im Film, wir sehen Bleichert als eine Figur aus der Mitte der 40er Jahre in einem Film des neuen Jahrtausends. Daneben die erzählerische Reflexion: der unsichtbare Regisseur aus dem Film im Film ist der Regisseur des aktuellen Films, den wir sehen. Eine Doppelbödigkeit ganz nach De Palmas Geschmack.

Nebenbei ist „The Black Dahlia“ natürlich noch ein wunderbarer Genrefilm, vielleicht etwas zu konventionell und by-the-book. Zusammen mit Vilmos Zsigmond gelingen De Palma satte Bilder, schön und elegant. Dass sich De Palma hier zu Hause fühlt, spricht aus jeder Einstellung, insbesondere aus jener Kamerafahrt, die ein ganzes Häuserviertel abtastet, vom „kleinen“ Verbrechen der Prostitution auf den „großen“ Mord lenkt und sich anschließend bei den Protagonisten niederlässt. Unaufmerksam, wer nicht schon hier die Wende im Schicksal der beiden Hauptfiguren spürt und ahnt, dass ihr Leben von nun an einen anderen Verlauf nehmen wird. Wie immer bei De Palma, gibt es auch viele Zitate, vom klassischen Noir bis hin zum „Paten“. Und De Palma wäre nicht De Palma, ließe er bei aller Erklärungswut am Ende nicht doch die Möglichkeit offen, dass es im Leben der Figuren nicht doch noch ungelüftete Geheimnisse gibt, solche, die uns nicht explizit nahegelegt wurden. Glauben wir wirklich an ein Happy End mit Scarlett Johanssons Kay Lake?

Hübscher Genrefilm und doppelbödige Studie über Film, Zeit, Raum und Hollywood


Thomas Schlömer