Crank

USA, 88min
R:Mark Neveldine, Brian Taylor
B:Mark Neveldine, Brian Taylor
D:Jason Statham,
Amy Smart,
Efren Ramirez,
Jose Cantillo,
Jay Xcala
L:IMDb
„Alles okay, alles okay, der weiße Nigger ist cool.”
Inhalt
Chev Chelios entschließt sich seinen Job als Auftragskiller an den Nagel zu hängen, um mit seiner Freundin Eve ein neues Leben zu beginnen. Doch er hat die Rechnung ohne seinen alten Arbeitgeber gemacht, und so erwacht er eines Morgens mit einer Dosis Gift in seinem Körper, das unweigerlich innerhalb von einer Stunde zum Tode führen wird. Die einzige Möglichkeit seine Frist zu verlängern, ist einen Adrenalinkick nach dem nächsten zu erleben und somit das Gift daran zu hindern, bis zu seinem Herz zu gelangen. Um sein Leben und das von Eve zu retten, macht er sich auf die Suche nach dem Gegenmittel und verursacht ein unglaubliches Chaos auf den Straßen von Los Angeles.
Kurzkommentar
Regie- und Drehbuch Duo Mark Neveldine & Brian Taylor inszenieren mit „Crank“ einen surrealen Drogentrip auf der Überholspur. Aber wie es so ist mit temporeichen Fahrten – viel bekommt man von der Landschaft nicht mit, alles wirkt entweder grün-braun oder grün-grau (ja nach Landschaftsgrad). Und so ist es auch mit diesen 87 Minuten: Die Wirkung verpufft so schnell wie bei einem Taurin-Getränk aus Österreich.
Kritik
Zunächst ist „Crank“ eine Überraschung. Der temporeiche, aber konservativ verpackte Trailer ließ vermuten, es handle sich um einen ungestümen Actionfilm mit Jason Statham in der Hauptrolle, dem man als ähnliche Filmfigur schon in der „Transporter“-Reihe beim Hauen und Stechen hatte zusehen dürfen. Fast drängt sich mit „Crank“ übrigens endgültig der Verdacht auf, Statham will in seinen Rollen den Frust durch Handkante und Kleinkaliber abbauen, nicht der neue Bond-Darsteller geworden zu sein. Die Handlung ist des Film ist eine fleischgewordene 35mm-Kopie, die immer zu läuft, immer nach vorne, und niemals aufhören darf, weil sonst der Film zu Ende ist. Statham, der frühere britische Turmspringer, muss sich in seiner Rolle als vergifteter Auftragskiller immer neue Adrenalinschocks besorgen, um am Leben zu bleiben und sei es auf noch so skurrile und abartige Wege. Dabei ist der Filmtitel doppelbödig, denn „crank“ kann der wunderliche Kauz oder Spinner sein, oder aber es bedeutet schlichtweg: krümmen. In diesem Fall krümmt der Spinner anderen Typen die Knochen gewaltig, dass es dem geneigten Genrefan eine Freude ist. Man stelle sich dabei „Speed“ ohne Bus vor!

Dabei ist noch nicht einmal die eher durchschnittlich choreographierte Action, die den 15 Millionen Dollar Film auszeichnet, sondern die vielen kleinen optischen HD-Feinheiten und intertextuellen Bezüge, die „cranktastic“ (Wortneuschöpfung aus dem imdb.com Forum) in Szene gesetzt werden. So verwendete das „Crank“-Team um Kameramann Adam Biddle Google Earth-Material, um anzuzeigen, wo sich die Protagonisten gerade in der Stadt aufhalten. Immer wieder erscheinen auch Textzeilen an den unmöglichsten Orten im Bilde. In Kombination mit den schnellen und manchmal reichlich wirren Schnitten entsteht so tatsächlich ein surrealer Filmdrogencocktail, den man nur mit unmittelbarer physischer Härte wieder abschütteln kann. Gar nicht so leicht, wenn man zusätzlich unter Dauerbeschuss der lauten Filmscore steht.

Wie zu erwarten, rufen solche optischen Exzesse oftmals ein gespaltenes Kritikerecho hervor. Bezeichnet das Ostküstenfilmkartell bestehend aus der New York Times (1), der New York Post (2) und den New York Daily News (3) „Crank“ schlichtweg als überfrachtet (1), lächerlich und absurd (2) und schließlich als „worst film of the year“ (3), geben sich andere Kritiker und Magazine gelassener: „Edgy and outrageosus“ (Empire), „buzz of an over-caffeinated all-nighter“ (LA Weekly) und „a jacked-up, unapologetically mindless bit of ADD-prescribed escapism that more or less delivers on a nifty premise” (The Hollywood Reporter).

Was “Crank” tatsächlich ein wenig schwierig macht, ist die Hauptfigur und ihr Verhältnis zu ihren Mitmenschen und Umwelt. Der Charakter des Chev Chelios ist ein rücksichtsloses Arschloch, dem es sehr schwer fällt zu begreifen, dass nicht alles mit purer Gewalt zu erreichen ist und manchmal sogar dem Videospielhelden Grenzen innerhalb der Spielwelt gesetzt sind. Der Zuseher kann nicht eingreifen und den erlösenden Godmode aktivieren. Am deutlichsten werden die Schwierigkeiten, betrachtet man eine Szene aus „Crank“ genauer. Es handelt sich dabei um diverse Einstellungen auf einem chinesischen Markt: Chev Chelios stellt in Gegenwart seiner Freundin fest, dass auch Sex das so sehr benötigte Adrenalin frei setzen kann. Anfänglich gegen ihren Willen zwingt er sie zum Geschlechtsverkehr, welches insofern problematisch ist, als dass mithilfe eines anderen Schnittes oder anderer Musik, Farben, Blenden etc. leicht die simple Lesart einer Vergewaltigung entstehen könnte. Dann bliebe dem Zuseher das vergnügliche Lachen im Halsen stecken, der empörte Schock wäre schnell zur Hand. Das zum Leben erwachte „Grand Theft Auto“ FSK 18 Spektakel ist also in mancher Hinsicht problematischer als ein optisch wirklich gelungener Scherz dummer Jungen.

Sich allen Vorstellungen von politischer Filmcorrectness widersetzender Actioner, der visuell einfallsreich, aber dramaturgisch wie die Axt im Walde giftig wütet.


Rudolf Inderst