Mädchen aus dem Wasser, Das
(Lady in the Water)

USA, 109min
R:M. Night Shyamalan
B:M. Night Shyamalan
D:Paul Giamatti,
Bryce Dallas Howard,
Jeffrey Wright,
Bob Balaban,
Freddy Rodriguez
L:IMDb
„He's hearing the voice of God through a crossword puzzle!”
Inhalt
Cleveland Heep (Paul Giamatti) versucht, zwischen den durchgebrannten Glühbirnen und defekten Wasserhähnen im Cove-Wohnblock möglichst nicht aufzufallen. Doch eines Nachts wird sein Leben völlig auf den Kopf gestellt: Er entdeckt eine geheimnisvolle junge Frau namens Story (Bryce Dallas Howard), die in den Gängen unter dem Swimmingpool haust und genau wie er in der Anonymität und banalen Tagesroutine untertaucht. Cleveland findet heraus, dass sie eigentlich ein Fabelwesen, eine "Narf" ist. Sie wird von bösartigen Monstern verfolgt, die unbedingt verhindern wollen, dass ihr die gefährliche Reise aus unserer Welt zurück in ihr Reich gelingt. Mit ihren übernatürlichen Fähigkeiten kann Story das Schicksal von Clevelands Mitbewohnern voraussehen - und Storys Schicksal ist direkt von ihnen abhängig. Nur gemeinsam können sie eine Serie von Codes entschlüsseln, die ihr den Weg zurück in die Freiheit ermöglichen.
Kurzkommentar
Entgegen aller Erwartungen inszeniert M. Night Shyamalan „Lady in the Water“ als lineare und ruhige Gute-Nacht-Geschichte. Zweifelsohne wird der erst 35-jährige Regisseur, der zeitweise bereits als neuer Spielberg abgefeiert wurde, damit Publikum und Kritik spalten und so manchem Live Action Role Playing Game Veteranen die (Freuden-)tränen in die Augen treiben.
Kritik
Das ist also wieder einmal ein Beispiel für das typische Hollywood-Spielchen. Bist Du oben, wirst Du gefeiert, bist Du (vermeintlich) unten, tritt man nach, oder noch schlimmer – so weit ist es allerdings im Fall von Shyamalan noch nicht – man wird einfach ignoriert. Was ist da im Moment nicht alles Gemeines über „Lady in the Water” zu lesen: Das Wall Street Journal beschreibt Shyamalans Film als „cloying piece of claptrap“, die New York Post setzt nach mit „charmless, unscary, fatuous and largely incoherent“ und schließlich bilanziert der Charlotte Observer: „Every bit of the tale is as full of holes as a wool sweater at a moth convention”. Einzig die Washington Post lässt sich zu einem versteckten Lob hinreißen: In a movie laden with enough symbolism, shamanism and mythic lore to make Joseph Campbell dance a tribal jig, Shyamalan never forgets to have fun.” Doch genug des Filmspiegels an dieser Stelle. Zeit für eine provokante These, deren Falsifizierung erst die nächsten Filme möglich machen werden. Sie lautet: Je mehr Shyamalan VOR der Kamera, desto weniger seiner Handschrift HINTER der Kamera.

Wie eingangs bereits erwähnt, bricht der gebürtige Inder mit seiner Erfolgsformel des great plot twists, die nicht wenige Kritiker bereits ab „Signs“ und spätestens ab „The Village“ als arg konstruiert abgetan hatten. Der Film basiert auf einer Gute-Nacht-Geschichte, welche sich der Regisseur für seine Kinder einfallen hatte lassen. Sie ist allerdings derartig geradlinig, dass man sich fragt, wo denn im Rahmen der immerhin 110 Minuten eine Art Mittelteil des Films zu finden ist. All zu schnell steuert alles auf das Finale zu und zusätzlich erschwert Shyamalan den Zusehern den Sehgenuss, indem er, wie der Amerikaner so formuliert „just not delivers“.

Allerdings geht es nicht – wie im Falle von „The Village“ um einen Trailer, der viel mehr Angst und Schrecken suggeriert hatte – sondern um den Filmbeginn von „Lady in the Water“ selbst. In einer wunderbar einfach animierten Sequenz erklärt ein Erzähler die Welt, wie sie früher einmal war – Menschen und mystische Gestalten lebten in friedlicher Eintracht, doch der Drang nach Besitz dividierte Mensch und Natur. Aber die geheimnisvollen Wesen geben den Menschen nicht auf und wollen Frieden und Harmonie auf Erden restaurieren. Zwar werden die Pläne für dieses ungeheuerliche Vorhaben skizziert, aber dann kneift Shyamalan, der sich schauspielend, gewagt, gewagt, als schriftstellerischer, globaler Heilsbringer selbst inszeniert. Andererseits: Wieso sollte er die Weltenformel kennen? Vielleicht dachte er einfach an seinen idyllischen Wohnsitz in Pennsylvania.

Des Inders Filme werden von einer besonderen Art der Religiosität und Spiritualität durchzogen, die so leicht durch die Szenen zu schweben scheint, dass man zwar nach ihr greifen kann, man aber sie nie zu fassen bekommt: Dabei geht es eigentlich um ein dominantes Thema: die Kraft zu handeln ist in jedem Menschen angelegt, nur muss dieser sie, oft sehr schmerzhaft, entdecken, und an sie glauben, damit er sie frei setzen kann. Auch die fantastische „Blaue Welt“ aus der das Wasserwesen stammt, wird dem Publikum vorenthalten – gerade in diesen Momenten spürt man förmlich, welche Lücke das Ende der „Herr der Ringe“ - Filme hinterlassen hat. Um wieder große Tolkienbilder im Kino bestaunen zu dürfen, wird man wohl oder übel auf „Eragon“ warten müssen.

Der in den deutschen Kinos ab 12 Jahren frei gegebene Film bietet einen interessanten Mikrokosmos der amerikanischen Gesellschaft. In der kleinen Wohnanlage finden sich die verschieden Menschentypen wieder, die im Großen das Land mitbewohnen: verschiedene Einwandererfamilien, der Kriegsveteran, eine Mischung aus Dauerkiffer und Garagenrocker und viele andere Charaktere. Wie ein guter Comiczeichner fängt Shyamalan jene mit ein paar gekonnten Strichen ein und verleiht ihnen so genau die richtige Menge an Gewicht und Spiel. Diese feine Ausbalancierung gelingt dem Regisseur auch beim Spannungsaufbau – dabei sind es noch nicht einmal die solide konstruierten CGI-Bestien (Raubtiere aus Gras – originelle Idee!), sondern die gewohnt einfachen Dinge wie Spiegelungen oder Sprinkleranlagen, die für angenehmes Gruseln sorgen.

Da verzeiht man es auch, dass eine Filmfigur, Filmkritiker von Beruf, plötzlich augenzwinkernd im Angesicht der Bedrohung dem Zuseher Horrorfilmkonventionen auflistet, um sich selbst Mut zu machen. Kein Geringerer als Christopher Doyle sorgte für die Bilder, die vor allem bei Nachtaufnahmen fantastisch funktionieren, und den famosen Schnitt hat der 75 Millionen Dollar teuere „Lady in the Water“ Barbara Tulliver zu verdanken, die es grandios versteht, mit Zuschauererwartungen zu spielen. So zahm und brav wie der ganze in zwei Monaten abgedrehte Film ist übrigens auch die Score, bei dem sich der Inder auf seinen Haus- und Hofkomponisten James Newton Howard verließ. In dieses gediegene Bild passt sich auch die eher unauffällige offizielle Filminternetseite ein.

Liebevoll arrangierte Märchenstunde mit flacher, aber atmosphärischer Spannungskurve und ohne erzwungenen shyamalan’schem Plot Twist


Rudolf Inderst