X-Men

USA, 104min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Bryan Singer
B:Tom DeSanto, Bryan Singer, David Hayter
D:Patrick Stewart,
Ian McKellen,
Hugh Jackman,
Halle Berry
L:IMDb
„Wollt ihr denn gar nicht sterben?”
Inhalt
Obwohl sie von der Gesellschaft geächtet werden, bildet Professor Charles Xavier (Patrick "Jean-Luc Picard" Stewart) willige Mutanten aus, ihre Superkräfte in den Dienst der Menschheit zu stellen. So gelangen auch der skeptische Wolverine (Hugh Jackman) und die ängstliche Rogue (Anna Paquin, "Eine wie Keine") an die Seite von Jean Grey (Famke Janssen, "Goldeneye"), Storm (Halle Berry), Cyclops (James Marsden) und Prof. Xavier. Doch die Feinde sind nicht weit: Der machtgierige Senator Kelly (Bruce Davison) macht Front gegen die X-Men, und Xaviers einstiger Weggefährte Magneto (Ian McKellen, zuletzt in "Gods and Monsters"), der mächtigste Mutant der Welt, will mit seiner Brotherhood of Mutants, bestehend aus Sabretooth (Wrestler Tyler Mane), Mystique (Supermodel Rebecca Romijn-Stamos) und Toad (Ray "Darth Maul" Park), das Ende der Zivilisation herbeiführen.
Kurzkommentar
Was uns Bryan Singer mit seiner Verfilmung der Marvel-Comics "X-Men" auftischt, ist nicht viel mehr als spaßiges, aber äußerst gelungenes, Popkorn- Actionkino. Zwar wird teils erfolgreich versucht, den Charakteren mehr Tiefe zu verleihen, als sie in 37 Jahren Comic-Geschichte je hatten, letztendlich bleibt die Verfilmung aber "nur" von hochsimpler Comic-Erzählweise - allerdings eine der Sorte, die man sich immer wieder gerne anschaut.
Kritik
Als Stan Lee und Jack Kirby, die Gründungsväter der Marvel Comics, 1963 mit ihrer Arbeit zu einem neuen Superhelden-Comic begannen, keimte die Idee von genmanipulierten Mutanten auf und sie wollten ihre neue Serie "The Mutants" nennen. "Mutant" war damals allerdings niemandem ein Begriff und so entschloß man sich, Verwirrungen aus dem Weg zu gehen und die "X-Men - the strangest super-heroes of all" waren geboren. Leider stellte sich die "X- Men"-Comic Serie als wenig erfolgreich heraus und so wurde sie mit Heft 66 eingestellt bis schließlich 1975 Autor Len Wein und Zeichner Dave Cockrum einen Relaunch starteten. Mittlerweile bestanden die "X-Men" auch aus der heute bekannten Truppe und der Beliebtheitsgrad stieg stetig. Schließlich übernahmen Autor Chris Claremont und Zeichner John Byrne die "X-Men", aus der 1992 auch eine Zeichentrickserie wurde. Basierend auf den Geschichten Claremonts/Byrnes war es nur eine Frage der Zeit bis auch diese Superhelden auf der großen Leinwand zu sehen sein sollten.

Niemand anderes als Bryan Singer wurde für die "kongeniale" Verfilmung der beliebten X-Men verpflichtet. Und das, obwohl er selber nie Comics gelesen hatte, geschweige denn Fan der "X-Men" war. Drehbuchautor Tom DeSanto hingegen umso mehr. Und wahrscheinlich ist es genau diese Kombination aus Unwissenheit und Skepsis auf Singer's Seite und fanatischer Erwartungshaltung auf DeSanto's Seite, die die Verfilmung einerseits ernsthaft und glaubwürdig, andererseits Fan-befriedigend erscheinen läßt. So verhilft die Distanz Singer's, das Geschehen nicht lächerlich erscheinen zu lassen, das Erscheinen der Charaktere der modernen Welt anzupassen und auch für Nichtkenner interessant zu gestalten. Ein kleiner Gag am Rande ("Und in den Anzügen kommt Ihr Euch nicht lächerlich vor ?" - " Wäre Dir gelbes Latex lieber?") zeigt die Unterschiede zwischen Realverfilmung und Comic - die Produzenten waren sich wohl bewußt, daß Wolverine in seinem üblichen blau- gelben Gummianzug einfach hirnrissig ausgesehen hätte.

Was den "X-Men"-Film aber vor allem kurzweilig und teils herrlich spaßig wirken läßt, sind einerseits die witzigen Einfälle diverser Mutantenfähigkeiten (mein Favorit: der Basketballspieler) und die ungewöhnliche "Mutant High", andererseits die passenden Science-Fiction Elemente gepaart mit der spektakulären Action. Die makellosen und stilsicheren Räumlichkeiten, die Rolle des weisen Lehrers (perfekte Rolle für Patrick Stewart), sein ehemaliger Freund und Gegenspieler Magneto, die ideenreich in Szene gesetzen Fähigkeiten der einzelnen Mutanten (besonders cool: die schwebenden Waffen oder der sich vor den Füßen Magnetos materialisierende Boden) - das sind noch kurzweilige Momente, die das Herz des Popkorn-Zuschauers höher schlagen lassen. Wenn dann mitunter noch die Kampfszenen so dynamisch und wohl-choreographiert daherkommen wie der Kampf zwischen Wolverine und Mystique oder die Windattacke von Storm gegen Toad, ist man gerne gewillt, über etwaige Unschlüssigkeiten hinwegzusehen (Warum kann Magneto beispielsweise am Ende fliegen ?). Unverzeihlich hingegen die Musik: ein Film über Superhelden braucht ein wummerndes Superhelden-Thema und kein dahingeschludertes Allerweltsgedudel, wie es Michael Kamen hier "komponiert" hat.

Mein Fazitsatz klingt deshalb bewußt etwas entschuldigend. "X-Men" ist nur die Realverfilmung eines Comics und auch Bryan Singer kann den erzählerischen Anspruch der simpelsten aller Literaturvarianten nicht ohne weiteres überdecken. Er bemüht sich sichtlich, seinen Superhelden etwas Tiefe zu verleihen. Rogue, Cyclops, Wolverine - sie alle haben teils mehr, teils weniger mit ihren Kräften zu kämpfen. Rogue bleibt ein trauriges, verlassenes Mädchen, das niemals Berührungen erfahren darf, Wolverine wird auf ewig die Schmerzen seiner Klingen ertragen müssen und Cyclops wird nie ohne Augenschutz leben können. Bryan Singer nimmt seine Charaktere ernst und läßt ihre Kräfte auch mal eskalieren (Wolverine's Traum und das Verletzen Rogue's), um die Einzelschicksale etwas herauszustellen. Das ist mehr, als man von einer Comic-Verfilmung erwarten konnte, aber unter genereller cineastischer Perspektive sicherlich nicht mehr als solide.

Desöfteren erinnerte mich der ganze Filmaufbau außerdem an den ersten "Star Wars"-Film. Ein einfacher Kampf Gut gegen Böse, simpel gestrickte, aber gekonnt und liebevoll inszenierte Charaktere, ein großes Finale und jede Menge Special Effects. Wolverine (beeindruckend charismatisch verkörpert vom Australier Hugh Jackman) übernimmt in seiner draufgängerischen und furchtlosen Art die Rolle des Sympathieträgers Han Solo und Neckigkeiten mit einer sich sträubenden, alliierten Frau, in diesem Fall Jean Grey, passen ebenso ins Gefüge. Betrachtet man außerdem die potentiellen Sequels, die sich am Filmhorizont andeuten, so könnten die Parallelen zur bekannten Star Wars-Trilogie noch deutlicher werden. Ein in sich geschlossener, erster Teil, der genügend Fragen offen läßt und eben bei Erfolg des Originals mit Fortsetzungen gekrönt werden kann. Hoffen wir nur, daß Bryan Singer seine kritische Distanz zur Comic-Welt wahren kann und nicht von der kommerziellen Last erschlagen wird.

So gut wie eine Comic-Adaption maximal sein kann.


Thomas Schlömer