World Trade Center

USA, 125min
R:Oliver Stone
B:Andrea Berloff, John McLoughlin, Donna McLoughlin
D:Nicholas Cage,
Michael Pena,
Jay Hernandez,
Armanda Riesco,
Maria Bello
L:IMDb
„I am not coming in today. They will need some good men out there to revenge this.”
Inhalt
Nachdem ein Flugzeug in einen der Türme des World Trade Centers eingeschlagen ist, wird eine Einheit von New Yorker Cops in die U-Bahn-Ebene unter den Türmen geschickt, um eine Evakuierung durchzuführen. Sofort machen sie sich an die Arbeit, spenden den Menschen Trost, beruhigen sie und geleiten sie ins Freie - als es plötzlich passiert: Der Turm, unter dem sie sich befinden, fällt zusammen und begräbt das Rettungsteam unter Tonnen von Stahl, Glas und Beton. Von einer Sekunde auf die andere werden die Retter zu Opfern. Und während sich die Familienangehörigen draußen an den letzten Strohhalm der Fernsehbilder klammern, läuft drinnen eine beispiellose Rettungsaktion auf Hochtouren.
Kurzkommentar
Nur scheinbar unpolitisch setzt Oliver Stone mit seinem „World Trade Center“ der Stadt New York und deren Rettungs- und Einsatzkräften ein filmisches Denkmal. Der zweite Kinofilm über den 11.September 2001 nach „United 93“ ist ungleich pathosreicher als der Erstgenannte inszeniert und schwimmt in einer etwas zu rührseligen Emo-Suppe aus Heldenmut und Opfermythologie.
Kritik
Die Einsicht, die „World Trade Center“ nach zwei Stunden human interest bietet, lässt sich vielleicht durch den lakonischen Kommentar der Serienfigur Jack Malone, FBI-Agent bei „Without a Trace“ am besten zusammen fassen: „No one should have been there.“ Bisher war der zutiefst erschütternde und bewegende Dokumentarfilm „11.September“ der beiden französischen Filmemacher Gédéon und Jules Naudet der einzige filmische Ausflug in das Innere der WTC-Türme, als diese in sich zusammen stürzten. Verstört nehmen Filmemacher, Rettungskräfte und später Publikum zur Kenntnis, dass jeder der dumpfen Einschläge, die immer wieder im Laufe der Aufnahmen zu hören sind, einen Menschen darstellen, der in höchster Panik aus den oberen Stockwerken des Türme gesprungen war. Diese Vorstellung ist für den immer visueller denkenden Menschen des frühen 21. Jahrhunderts schlichtweg ein zu viel an Eindruck, ein zu viel an Erinnerung: Zwischen cyberlibertären Flamewars, Sloganomics, Napsterisierung und hacktiven Screenagers gilt dann nur noch, über was der Leser in „Pattern Recognition“ von William Gibson stolpert: […] and though she will know she must have seen people jumping, falling, there will be no memory of it […]. An experience outside of culture.“ Frech kommentiert im Gegenzug jedoch bereits Filmkritiker Rüdiger Suchsland: „Und weil die Kino-Maschine funktioniert, folgt auf den Mainstream dann gewiss auch die Satire, wie auf "Independence Day" einst "Mars Attacks!". Nach alldem möchte man zum Schluss doch mal kurz zynisch werden, und fragen, wann dann wohl die erste 9/11-Komödie gedreht wird? Sehr lang kann es jetzt nicht mehr dauern.“

Nachdem Stone mit „JFK“ und „Nixon“ durchaus den Finger in die Wunden der US-Gesellschaft legte, manch einer aber befürchtete, dass er etwas abseits mit seiner arg braven und fahrlässig unkritischen Fidel Castro-Doku geraten war, möchte er nach eigenem Bekunden „World Trade Center“ nicht als politischen Film verstanden wissen. Vielmehr gehe es ihm um eine „intensely human story […]. Politics does not enter into it – it`s about courage and survival. “ Ein Blick in den Nahen Osten genügt, um diese Worte wie eine Seifenblase zerbersten zu lassen, denn dort ist gerade der Begriff des “Existenzrechts” zum zentralen Politikum geworden. Überhaupt hat internationale Politik sehr viel mit Rezeption von Situationen, auch Gefahrensituationen zu tun, wenn man nicht gerade der Schule eines strukturellen Realismus angehört. Ganz abnehmen möchte man Stone also diese Worte nicht, und Stone wäre auch nicht Stone, wenn er in „World Trade Center“ nicht die ersten filmischen Pflastersteine gelegt hätte, die schließlich nur wenige Zeit später in die finsteren (politischen und menschlichen) Abgründe von Abu Graieb und Quantanamo Bay führen. Der Wille zur Rache und hasserfüllter Zorn des patriotischen US-Bürgers werden deutlich aufgezeigt.

An der formalen Seite von „World Trade Center“ lässt sich nichts aussetzen, die Schauspieler agieren glaubwürdig und - soweit möglich - agil, Kostüme und Effekte sitzen, die Setbauten erstaunen. Lange hat man seitens der Produktion überlegt, wen man als zentrale Figur des verschütteten Polizisten JohnMcLoughlin besetzen sollte; im Gespräch waren Harrison Ford, John Travolta oder auch George Clooney. Schließlich entschied man sich für Nicolas Cage, der in „Leaving Las Vegas“ und „Adaption“ famos gespielt hatte. Man wird sehen, wie sich die weiteren 9/11-Produktionen schlagen werden. Einige befinden sich noch in der Pipeline und in deren Gefolge werden wohl auch wieder einige Kriegsfilme (für 2008 angekündigt: „No True Glory: The Battle for Falluja“) den Weg in die Kinos finden.

„World Trade Center“ liefert nur wenig kritische Auseinandersetzung mit den Ereignissen des 11.September 2001, sondern in erster Linie sympathisch-an/eingepasste Einzelschicksale vor einem austauschbaren (Katastrophen-)hintergrund.


Rudolf Inderst