Memento

USA, 116min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Christopher Nolan
B:Jonathan Nolan,Christopher Nolan
D:Guy Pearce,
Joe Pantoliano,
Carrie-Anne Moss,
Stephen Tobolowsky
L:IMDb
„The world doesn't disappear when you close your eyes, does it?”
Inhalt
Leonard Shelby (Guy Pearce, "L.A. Confidential"), ein ehemaliger Ermittler für Versicherungen, wird beim Versuch seiner vergewaltigten und ermordeten Frau zu Hilfe zu eilen, niedergeschlagen und besitzt fortan kein Kurzzeitgedächtnis mehr. Er erinnert sich an seinen Namen und alle Details vor dem Angriff, kann aber keine neuen Erinnerungen "speichern". Auf der Suche nach dem Mörder seiner Frau hat er nun nicht nur mit der Undurchsichtigkeit seiner vermeintlichen Freunde Teddy (Joe Pontaliano, "Matrix") und Natalie (Carrie-Anne Moss, "Matrix") zu kämpfen, sondern vor allem auch mit seinem Zustand. Bei einem längeren Gespräch weiß er bereits nach wenigen Minuten nicht mehr, wie es angefangen hat.
Kurzkommentar
Ich sehe schon heisse Diskussionen unter "Memento"-Zuschauern auf die Filmwelt zukommen: ist Christopher Nolans ("Following") zweiter Thriller ein äußerst klug konstruierter Film und das originellste Werk seit langem oder ist er nur ein einziger, riesen Gag, dessen Story bei der kleinsten Hinterfragung zusammenfällt? Auf jeden Fall ist er den (zweimaligen) Kinobesuch wert. Nicht nur, weil die Kinolandschaft mehr derart ambitionierte Filme braucht, sondern weil sich selbst seine Gegner kaum der Diskussion um die Story entziehen können dürften.
Kritik
Als Jonathan Nolan in einem Seminar über den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses saß, hätte er sich wohl nicht träumen lassen, daß dieser Besuch letztlich zu einem der ungewöhnlichsten und originellsten Filme der letzten Jahre führen würde. Er erzählte seinem Bruder Christopher von dieser seltsamen, äußerst seltenen Krankheit, bei dem man ab dem Punkt, an dem das im Gehirn zuständige Segment für Kurzzeiterinnerungen verletzt wurde, keine frischen Erinnerungen mehr ablegen kann. "Everything just fades" wie Protagonist Leonard Shelby im Film desöfteren erklärt und so vergisst die betroffene Person alles, was schon einige Minuten alt ist und auf das er sich nicht mehr konzentriert - eine gleichzeitig erschreckende und faszinierende Vorstellung.

Jonathan Nolan nahm diese Krankheit zum Anlass, die Kurzgeschichte "Memento Mori" über ein Opfer dieses Effekts zu verfassen und Bruder Christopher fing gleichzeitig an, diese Idee in einem Drehbuch umzusetzen. Über ein Jahr schrieb Christopher Nolan am Drehbuch zu "Memento" und wenn man es mal gelesen hat (es ist im Internet "for educational purposes" verfügbar) weiß man auch, wieso er so lange gebraucht hat. Nolan nahm die Fragmentierung der Erinnerungen seiner Hauptfigur Leonard Shelby zum Anlaß, den kompletten Film rückwärts zu erzählen - und zwar in fünf- bis acht Minuten-Häppchen, die chronologisch entgegen der Zeit laufen; Fragmente eben.
Dazu ein Beispiel: eine Szene beginnt damit, wie Teddy (Joe Pontaliano) eine Glastür öffnet, "Lenny!" ruft und nach einem kurzen Gespräch mit Leonard zum Wagen geht und sie zusammen losfahren. Das Teilstück danach beginnt an einem ganz anderen Ort und endet genau damit, wie Teddy die Glastür öffnet und Leonard "Lenny!" entgegenruft. Klingt kompliziert? Ist es auch, aber es kommt ja noch besser: zwischen die fünf- bis acht Minutenfragmente werden noch wesentlich kürzere Szenen eingeschoben, die (in sich) in chronologischer Reihenfolge ablaufen und (glücklicherweise) in Schwarz-Weiß gehalten sind. Selbstverständlich wußte Nolan um die Umständlichkeit seiner Geschichte, weshalb das Drehbuch zur Verdeutlichung der Zusammengehörigkeit diverser Szenen sogar auf farbigem Papier gedruckt wurde.

Das klingt jetzt alles ziemlich wirr und es ist in der Tat Skepsis angebracht, ob das ganze überhaupt funktionieren kann und sowas wie eine Spannungskurve bei dieser Erzählweise überhaupt denkbar ist. Und es stellt sich natürlich die viel wichtigere Frage, ob das überhaupt nötig gewesen ist und inwiefern es der Story hilft bzw. dem Zuschauer schadet. Den eines dürfte dem Leser hier schon auffallen (ohne den Film überhaupt gesehen zu haben): nach dem ersten Ansehen versteht man maximal die Hälfte. Zweimal ansehen ist also Pflicht.

Der skeptische Zuschauer vermutet jetzt wahrscheinlich, daß der ganze Film nur ein einziges Gimmick ist, während dem pessimistischen Hollywood-Gegner schon Gedanken wie "das machen die nur, damit man, wie bei 'The Sixth Sense', gleich zweimal an der Kasse abkassieren kann" kommen dürften. Aber "Memento" ist kein solcher Film. Sowohl vom Budget (5 Mio. $) als auch von der Produktion (die Firma "Newmarket" hat noch nicht mal eine eigene Website) ist "Memento" im Kern ein reinrassiger Independent-Film, entstanden aus der seltenen Mischung aus Kreativität und Originalität, wie sie so viele Filme heute vermissen lassen. In nur 25 Tagen drehte der Halb-Engländer/Halb-Amerikaner Christopher Nolan mit einer exzellenten Besetzung, einem exzellenten Drehbuch (1. Preis beim Sundance-Filmfestival) einen exzellenten Film.

Der allererste Aspekt, an dem viele Zuschauer den Film messen werden, wird seine Story sein. Und daran, inwieweit diese funktioniert. Ich muß zugeben nach dem ersten Ansehen doch recht unbefriedigt gewesen zu sein. Zuviel ist an einem vorbeigerauscht, zu wenig hat man verstanden - sowohl von der Story als auch vom Sinn der Erzählstruktur. Viele dürften hier bereits resignieren und von "Memento" überaus enttäuscht sein. Dies ist kein Film für den Videoabend zwischendurch und schon gar nichts für Leute, die lieber geradeaus denken. Vielmehr handelt es sich bei "Memento" um den -auf reiner Thriller-Ebene- cleversten Film-Noir seit "L.A. Confidential". Nach dem ersten Ansehen weiß man das wenig zu schätzen, aber beim zweiten Mal greift der Film vollkommen. Mit höchst beeindruckender Akribie formuliert Nolan die an sich gar nicht so komplizierte Story um den einsamen Cowboy Leonard Shelby, der die Vergewaltigung und den Mord an seiner Frau rächen will. Komplex wird der Film durch die Absichten der Nebencharaktere: Teddy, Dodd, Sammy, Natalie und ihr Freund. Clever wird der Film durch die makellose Verflechtung der Einzelszenen und die vielen, kleinen Details, die erst beim zweiten Mal ansehen ihren Sinn offenbaren und mich aufgrund ihrer Logik absolut begeistern konnten (Warum Natalie so und so reagiert, als er Lenny im beige-farbenen Anzug sieht, warum Leonard überhaupt bei ihr auftaucht, welche Rolle Dodd und Sammy spielen und etliches mehr). "Memento" ist ein Puzzle und wartet darauf, gelöst zu werden. Wer dafür keine Nerven hat, sollte einen großen Bogen um "Memento" machen und sich dabei vor Augen halten, den innovativsten Thriller seit langem zu verpassen. Selbst die offizielle Webseite (stilecht: www.otnemem.com) trägt zur Puzzle-Lösung bei und liefert versteckte Hinweise.

Stilistisch unterstützt Nolan seine Mischung aus Film-Noir und modernem Thriller nicht nur durch die Schwarz-Weiß Szenen, sondern auch durch eine Reihe sogenannter "subliminal images", also Bilder, die, ähnlich dem männlichen Glied in "Fight Club" und dem Kopf von Gwyneth Paltrow in "Sieben", nur für bruchteile von Sekunden auftauchen und teilweise gar nicht mal unwichtig sind (man beachte das Überlagern von Sammy durch Leonard). Schauspielerisch sticht natürlich der oft unterschätzte Guy Pearce in der Hauptrolle des Leonard Shelby hervor. In "L.A. Confidential" war er auf einer Stufe mit Russell Crowe, in "Rules of Engagement" mußte er sich unter Wert verkaufen. Man kann nur hoffen, daß er bei der nächsten Oskar-Verleihung mit einer Nominierung gewürdigt wird, mit soviel Energie füllt er den zwiespältigen Protagonisten. Ebenfalls gut besetzt sind die Nebenrollen: Joe Pontaliano mimt den Kumpel-Charakter Teddy mindestens so gut wie Carrie-Anne Moss die Rolle der Femme fatale. Nicht zu verachten ist auch Stephen Tobolowskys eindringliche Darstellung des mysteriösen Sammy Jankis.

Abgesehen von der Grundkonstruktion der Story dürfte "Memento" die Zuschauer durch seine originelle Struktur auf jeden Fall in zwei Lager spalten: die einen, die (wohl eher nach dem zweiten Mal) allein der Gedanke an die Raffiniertheit des Drehbuchs fasziniert, die anderen, die die Raffiniertheit gnadenlos auseinandernehmen und den (naturgemäß) schwer wasserdicht zu haltenden Plot bis in seine Einzelheiten zerlegen. Das muß sich Nolan bei derartiger Betonung auf seine Story freilich gefallenlassen, aber ähnlich wie bei Filmen über Zeitreisen gelangt man früher oder später auch hier zu einem Paradoxon. (Warum kann er sich trotz Verlust des Kurzzeitgedächtnisses überhaupt an den Verlust seines Kurzzeitgedächtnisses erinnern?). Ehrlich gesagt hasse ich Zuschauer, die die Magie eines Films wie "Memento" zerstören, indem sie ihn mit hübscher Sorgfalt auseinanderrupfen. So wie er ist, ist er auf jeden Fall clever und gleichzeitig logisch genug, um ihn unbeschwert geniessen zu können.

Die Frage nach dem Sinn der fragmentierten Erzählweise blieb bislang unbeantwort. Der eigentliche Grund für die künstlich-verstärkte Komplexität seiner Story scheint mir vielmehr die Frage nach der Sicherheit eigener Erinnerungen zu sein. Inwieweit kann man sie als Fakt betrachten, inwieweit als Interpretation? "Memory can change the color of a car, memory can change the words you said. It's all interpretation, which is nothing compared to the facts" meint Leonard in einer Szene. Jeder kennt das von sich: wie oft war man sich einer Sache zu 100% sicher und wie oft zweifelt man anschließend, wenn man nochmal genauer drüber nachdenkt. Zeugen im Gerichtssaal dürften das besonders gut nachvollziehen können. Gerade am Ende des ersten Ansehens weiß man überhaupt nicht, was man glauben soll. Erzählt Teddy am Ende die Wahrheit? Ist Leonard wirklich so unschuldig, wie man bislang glaubte? Existiert Sammy Jankis wirklich?
So frustrierend es beim ersten Mal sein mag, genau diese Verwirrtheit wollte Nolan auf erster Stufe erreichen. Er zeigt uns die Unsicherheit unserer Erinnerungen, wie wichtig es ist, mit seiner eigenen Interpretation die Dinge anzugehen und vor allem regt er uns dazu an, sein Puzzle zu lösen. Wir sehen den ganzen Film aus der Perspektive Leonards und das sollte mehr denn je unser kritisches Bewußtsein fordern, nicht allzuleicht diese Perspektive zu akzeptieren und sie als die wahre und einzig-richtige herauszustellen.

Darüberhinaus stellt er interessante Fragen nach dem Verantwortungsbewußtsein und dem Sinn eigenener Handlungen, wenn man sich doch schon wenige Minuten später nicht mehr daran erinnern kann. Denn wenn Leonard den Mörder seiner Frau findet, sie rächt und ihn tötet, macht die Rache überhaupt Sinn, wenn er sich selber Minuten später nicht mehr daran erinnern kann("I have to believe my actions still have meaning")? Aufgrund seines zyklischen Aufbaus (der Ende des Films ist der Anfang) gibt "Memento" darauf auch die Antwort. Wir sind am Anfang des Zyklus', wissen nicht genau, was wir glauben sollen und wo wir uns befinden und jetzt, wo alles von vorne beginnt, erkennt man die Nutzlosigkeit von Rache. Sie führt zu keinem Ergebnis, zu keinem Ende. Das ist natürlich insofern ein Problem des Films, als daß man mehr und mehr die Sympathie für die Hauptfigur verliert, der man aufgrund des erschreckenden Zustandes bislang eher Mitleid zugedacht hatte. Aber wie bereits gesagt ist dieser Schritt, den man als Zuschauer machen muß, um sich seine eigene Meinung zu bilden, eine der großen Stärken des Films. Hier erinnert er von seiner Radikalität etwas an "Fight Club".

Schon Nolans Regiedebüt "Following" war nicht-linear aufgebaut und wurde von Kritikern hochgelobt (und von mir bislang nicht gesehen); Nolan scheint diese Art der Erzählung irgendwie zu mögen. Nolans nächster Film wird das Remake des Thrillers "Insomnia" mit Al Pacino, Robin Williams und Hilary Swank ("Boys don't cry"). Man darf auf jeden Fall gespannt sein.

Vielleicht der beste Film des Jahres


Thomas Schlömer