Forrester - Gefunden!
(Finding Forrester)

USA 2000, 136min
R:Gus van Sant
B:Mike Rich
D:Sean Connery,
Robert Brown,
Anna Paquin,
F. Murray Abraham
L:IMDb
„Jetzt hau in die Tasten, Herrgott nochmal!”
Inhalt
Jamal (Robert Brown) ist jung und auf dem besten Weg, ein echter Basketballstar zu werden. Doch damit nicht genug: Er ist außerdem ein begabter Schreiber mit ausreichendem Talent, ein großer Schriftsteller zu werden. William Forrester (Sean Connery), sein Mentor, ist ein exzentrischer Romanautor und schließlich eine große Hilfe bei der Entscheidung zwischen Ball und Schreibmaschine.
Kurzkommentar
Nach einem Genrefehltritt legt Gus van Sant nach "Good Will Hunting" eine zweite, bemerkenswert zurückhaltend gespielte Geniefabel über zwei realitätszaudernde Literaten nach. Besonders gravierend bei der konstruierten, auf kalkulierten Erfolg schielenden Philantrophielektion ist das platte, vermittlungsarme Drehbuch. Durch treffliche Darstellerchemie und ruhige, letztlich zu ruhige Handlungsentwicklung bleibt der ansehnlich fotografierte Streifen sehenswert, aber nicht schätzenswert.
Kritik
Außenseiter sind hochbegabt, tief im Innersten die besten Philantrophen und es bedarf nur des aufrüttelnden Anstoßes, damit das Genie aus der Verklemmung tritt und sich von der staunenden Menge feiern lässt. Narzißmus spielt natürlich keine Rolle, wo der Begabte etwas zu sagen, poetisch Wahres zu schreiben oder zu berechnen hat. Letzteres tat Matt Damon im oscarprämierten "Good Will Hunting", Gus van Sants emotionales Mathematikermärchen, das dem Regisseur überwiegend gute Noten und Matt Damon als Verfasser des Drehbuchs einen Oscar sowie einen große Karriere brachte. Der Stoff, aus dem die Träume, zumal die idealistischen, die herzergreifend menschenfreundlichen sind. Von der Rührseligkeitsschiene verschlug es van Sant dann mit der schablonenhaften Hitchcock-Kopie "Psycho" in gesichtslose Gefilde, so dass beim Regisseur, wohl gerade an Einfallslosigkeit leidend, schnell der Wunsch aufkam, am besten sich selbst, den eigenen Erfolg zu kopieren.

Das Konzept des mit der eigenen Identität, seiner Umwelt und Höherem hadernden Genies konnte noch ausgeschlachtet und die Zahlenbegabung eben gegen die der flotten Feder ausgetauscht werden. Aber naja, gelesen wird heute eh wenig, kaum jemand kann Dante von Dürrenmatt trennen und wen würde es da jucken, dass ein begnadeter Basketballer sich auch noch anmaßen könnte, die arrogante Dichterelite vom Sockel zu stoßen? Dass die Zugkraft des Stoffs nicht ein zweites Mal aus sich heraus wirken konnte, ahnte auch van Sant und konnte den greisen, aber in den letzten Rollen auch glaubhaft weisen Sir Sean Connery für die aphorisierende Mentorrolle einspannen. Und damit war nicht nur die Finanzierung, sondern auch das Interesse des Publikums sicher. Die Leinwandpräsenz des wie ein Denkmal durch das stimmig mit Büchern ausstaffierten Schreiblaboratorium schreitenden Connerys ist an sich schon ein Ereignis, aber beileibe auch das einzige. Dem Altenteil zog "Mr. Bond" das Experiment vor, sich mal als introvertierter Pulitzer-Kauz und weltvergrämter und doch inniger Literat zu verkaufen, was natürlich gelingt. Nur mit der Message, mit jenem, das van Sants Selbsterlösung zweier unterschiedlicher Romanciers dem Zuschauer außer einer Herzensregung vermitteln will, gibt es ernsthafte Probleme.

Intellektuelle Befriedigung in einem Film über geknickte Intellektuelle darf man gleich abhaken und wer Angst vor einer weiteren "Good Will"-Katharsis hat, der sei genug gewarnt. So wird die Suche nach dem verschollenen Forrester, die Suche Jamals nach sich selbst zu einem pädagogisch gemeinten Klischeprogramm mit Herz und herzlich wenig Tiefgang. Denn natürlich sind Jamals Freunde, gestählt durch den Überlebenskampf in der Bronx, unsensibel gegenüber seinen literarischen Ambitionen, natürlich glaubt der weiße Professor nicht an die Schöpferkraft des ungebildeten Schwarzen, natürlich ist Jamal nicht bereit, für sein Ziel zu kämpfen und natürlich hat Forrester mit dem Schreiben aufgehört, weil er nur darauf wartet, dass ihn ein möglicher Nachfolger aus der geistigen Lähmung erweckt. Das aber genügte dem Drehbuchautoren nicht und er pflocht kurzerhand noch den Konflikt mit einem Basketballkonkurrenten ein.

Viele Plots und Möglichkeiten verfolgt "Forrester - Gefunden!", nutzen kann er davon keine und verliert sich stattdessen in ereignisloser Handlungsführung. Das alles wäre nicht geschehen, hätte Jamal zu Beginn, als er durch eine Wette motiviert in Forresters Wohnung einsteigt, nicht zufällig seinen Rucksack mit den zufällig darin enthaltenen Notizbüchern vergessen. Kaum vergessen wird der konstruierte Charakter der Märchenstunde, die ihren müßigen, handwerklich sicheren Rhythmus bei einem klug entwickelten Generationentreffen der schreibenden Weltverbesserer hätte inhaltich verwerten können. Zugestanden, über den andächtigen Romantheoretiker Connery ("Der erst Schritt zum Schreiben ist zu schreiben, nicht zu denken") hinaus kann sich Rob Brown als Jungdarsteller durchaus empfehlen, wenn aber seine emotionale Teilnahme mit der Qualität seiner schriftstellerischen Manifestationen analog läuft, können wir danken, dass es nur ein Film ist. Die Szenen der Beiden beschränken sich kläglichweise auf den Austausch von Formalphrasen, sie lassen die Annäherung der beiden wenig aufschlussreich und arm an Erkenntnis erscheinen. Wer hier wen wirklich erlöst und den großen Intitialimpuls im anderen auslöst, der zur mehr als nur bibliophiler Freundschaft führt, versackt im Staub der großen Klassiker.

Sentenzen gibt es keine (oder vielleicht nur, wieso man Socken auf Links zu tragen hat), ein groschenromanhaftes Ende dafür im großen Stil. Dass Gus van Sants Eigenkopie gleichwohl zu ertragen ist, liegt an der unpräteniösen Vermittlung, an wirkungsvoller Bild- und Tonkomposition sowie nicht zuletzt an Connerys Austrahlung, die aber das bedeutungslose Drehbuch in einem Film über Bücher, die alles bedeuten, auch nicht vergessen macht.

Beschaulich idealistisches Schriftstellermärchen ohne würdige Zeilen


Flemming Schock