Slither - Voll auf den Schleim gegangen
(Slither)

USA, 95min
R:James Gunn
B:James Gunn
D:Nathan Fillion,
Elizabeth Banks,
Michael Rooker,
Gregg Henry,
Tania Saulnier
L:IMDb
„If I wasn't shittin' my pants right now, I'd be fuckin' fascinated.”
Inhalt
Verschlafene Örtchen wie Wheelsy gibt es tausendmal in den USA. Seine Bewohner sind höflich, freundlich und ziemlich normal. Unter der Oberfläche allerdings gedeiht etwas teuflisch Böses. Langsam, verflucht langsam, beginnen sich die Dinge zu verändern. Haustiere verschwinden, und der einflussreiche Grant Grant (Michael Rooker) verhält sich plötzlich äußerst merkwürdig. Als dann noch das Vieh eines Farmers erschreckend mutiert und eine junge Frau wie vom Erdboden verschluckt wird, stellen Sheriff Pardy (Nathan Fillion) und sein Team Nachforschungen an ... und das hätten sie lieber bleiben lassen sollen.
Kurzkommentar
Mit „Slither“ gelingt James Gunn eine liebevolle Hommage an große Genretitel wie etwa „The Thing“ oder „Videodrome“. Die Effekte sind deftig, die Situationen haarsträubend und die Figuren wunderbar einfach gezeichnet. Unterhaltsamer Splatter-Eintopf, der einstweilen den Magen hervorragend zu schließen weiß.
Kritik
Wenn Marketingmenetekel müde Menschen mordend stimmen: „Slither – Voll auf den Schleim gegangen“ ist deutschtiteltechnisch bisher klar der Höhepunkt des neuen Jahrtausends. Die provokante Trailerkampagne – wir erinnern uns – andere Horrorfilme hätten im Vergleich zu „Slither“ nur eines gemein: „They are all for pussies“ regte die Erwartungshaltung zugegebenermaßen enorm an. Letzten Endes verrieten aber die vielen kleinen Filmausschnitte, dass es sich um eine Parodie handeln werden würde. Ursprünglich sollte das Werk von James Gunn, auf dessen Konto das Drehbuch des 2004er-Remakes von „Dawn of the Dead“ geht, schon auf den Münchner Fantasy Film Fest Nights laufen, doch dort tauchten die kleinen, sich windenden Schleimparasiten nicht auf, was ex post betrachtet schade ist, denn mit ziemlicher Sicherheit hätte das komplett in Kanada gedrehte Gore-Spektakel die geneigte Zuseherschaft in seinen Bann gezogen – spontaner Szenenapplaus wäre dem 15 Millionen Dollar teueren „Slither“ sicher gewesen.

Was sagt nun „Slither“ über amerikanische Befindlichkeiten, denn das ist eine klassische Frage, die man Horror, auch Horrorparodie immer wieder gerne stellt. Betrachtet man zunächst einmal das Setting, im dem „Slither“ spielt, ist eine typische Kleinstadt zu erkennen. Es ist umso erschreckender für die Bewohner, erkennen zu müssen, dass der erste Filmmord aus dem Mittelpunkt der kleinen Gemeinde heraus entspringt. Entsprechend geschockt und ungläubig fragt Elizabeth Banks als blonde Verführung, die ihre Reize unter der braven Hausfrau und Lehrerin leidig schamhaft zu verdecken sucht: „In our town?“ Dass nur wenig später ihr Haus von Untoten zu einer Festung voller Stacheldraht und Holzverschlägen ausgebaut wird, kann guten Gewissens als kritischer Seitenhieb auf Homeland Security Tendenzen im Häuserbauhabitus der amerikanischen Gesellschaft gedeutet werden.

Genrekonventionen treu bleibend nimmt das ganze Unglück natürlich seinen Lauf, als das Lustprinzip obsiegt, und der lüsterne Ehemann aus seinem (tristen) Ehealltag ausbrechen will. Der passionierte Ausflug in den Wald wird dem glatzköpfigen Lüstling alsbald zum bitteren Verhängnis. Ebenso „lüstern“ bedient sich James Gunn eines nicht nur latent vorhandenen Waffenfetischismus, weiß zur rechten Zeit diesen wiederum ironisch zu brechen, indem er Filmcharakter Bill ungeschickt die Wunderwaffe verlieren lässt. Am interessantesten ist zweifelsohne der Charakter der außerirdischen Invasoren: Hier vereinen sich „The Blob“, „The Shivers“ und „Tremors“ zu einer soziopathischen Gefahr im Sinne von „The Body Snatchers“. Die Wesen reisen wie Heuschrecken von Planet zu Planet („Independence Day“ trifft Müntefering) und leiten dort zunächst eine Zwangskollektivierung der Individuen ein, die schlussendlich in totaler Absorbierung und Vernichtung endet.

Wofür stehen diese Ängste, mag man fragen. Vom dem asiatischen Arbeiterheer auf dem Sprung? Vor dem Gefahr aus dem Inneren? Und wie sieht es mit den Parasiten selbst aus? Die rebellisch angehauchte Jugendliche, die in der Badewanne ungehemmt ihre Lolitareize ausspielen darf, widersetzt sich erfolgreich der Penetration und verweigert sich der Familiendisziplin – was sagt das über die amerikanische Familie aus? Fragen, die im Blutsirup ersaufen. „Slither“ spielt am Startwochenende in den USA lediglich drei Millionen Dollar ein, kommt jedoch dennoch nicht umhin, nach den Credits ein Sequel-Set Up zu installieren: „Bitch is hardcore!“

Referenzreiches Genrekino der Klasse B1, welches den geneigten Zuseher definitiv unterhalten wird; der Rest schüttelt verständnislos das Köpfchen.


Rudolf Inderst