Mein großer Freund Joe
(Mighty Joe Young)

USA, 114min
R:Ron Underwood
D:Bill Paxton,
Charlize Theron,
Rade Serbedzija,
Regina King
L:IMDb
„King Kong für Arme - nur 4 Meter groß”
Inhalt
Jill Young (Charlize Theron) hat in jungen Kindertagen ihre Mutter, die Zoologin Dr. Ruth Young (Linda Purl), sterben sehen müssen, als Wilderer die Jagd auf die von ihr studierten Gorillas eröffneten. Nicht nur Jill, sondern auch Junggorilla 'Joe' verliert durch das Morden seine Mutter. Jill beobachtet den Anführer der Meute, Strasser (Rade Serbedzija), und verspricht der sterbenden Mutter, sich nach Kräften um den Primatenzögling zu sorgen. Dieser gedeiht durch ein selten vorkommendes Gen zu exorbitanter Größe und hat sich zwölf Jahre später zur gefürchteten Dschungellegende Südafrikas gemausert, noch immer von der erwachsenen Jill behütet und geheimgehalten. So schmeckt es ihr zuerst gar nicht, als der amerikanische Reservatsmitarbeiter Gregg O´Hara (Bill Paxton) die Legende auf Realitätsgehalt prüfen und wissenschaftlichen Analysen unterziehen möchte. Bald erkennt sie jedoch seine ehrernden Forschungsinteressen und akzeptiert seinen Vorschlag, den mächtigen Joe nach Amerika ins Reservat zu bringen, um ihn vor Wilderern in Sicherheit zu wiegen. Das Streben nach relativer Sicherheit. Bei Ankunft in Los Angeles haben Joe und Jill nicht nur mit Akklimatationsschwierigkeiten und sturen Autoritätsköpfen in der Reservatsleitung zu kämpfen, da zu allem Überfluß Oberwilderer Strasser noch immer auf das Erlegen des jungen King-Kong aus ist, der mithin phasenweise dezent außer Kontrolle gerät.
Kritik
Disneys ideologische Maxime ist das rituell wiederholte Durchkauen des siegenden Werte- und Moralkodex mit der Rekonstituierung einer harmonisierenden Welt, praktisch also eine Transformation des grimmschen Märchenkonzeptes für die Erfordernisse der postmodernen Gesellschaft. Die Rezipientengruppe in der Altersspanne zwischen 6 und maximal 10 Jahre anpeilend, soll das Stützwerk der erzählten Geschichte möglichst simpel und selbst für die jüngsten einfach zu verstehen sein. Gegensätzliche Moralvorstellungen polarisieren sich, die klischeehaften Vertreter von 'Gut' und 'Böse' sind klar definiert. Um den stereotypischen Ausgang des Filmes, um den Triumph der philantrophischen Gesinnung, wissen selbst die jüngsten Zuschauer und auch die ethischen Postulate sind immer gleich. Die Erzählstruktur verläuft durchschaubar in eindimensionalen Bahnen, ihre 'didaktischen Implikationen' sind bewährt - mithin übernimmt Disney also die sozialpädagogische Aufgabe des auktorialen Märchenerzählers.

So geht es Regisseur Ron Underwood in 'Mein großer Freund Joe' auch nur um die Verfestigung des habituellen Ritus, allegorisch um die 'Nachäffung' der herzerweichend tragischen King Kong Thematik. Er reduziert diese um störende Horrorelemente, adaptiert das der Quasifabel Nützliche und bereichert das Gegensatzpaar 'Guter Gorilla - böse Menschen' um die Antipoden 'Gute Menschen - böse Menschen'. Jene sind Bill Paxton als liebenswürdiger 'Zivilisationsmensch' (die storynotwendige Brücke zwischen Los Angeles und Afrika) und die attraktive Charlize Theron als Ersatzmutter für den existenzbedrohnten Riesengorilla; diese sind der notorische Klischeebösewicht Strasser, in dessen Rolle Rade Serbedzija das Notwendige besorgt, und sein Handlanger Garth (Peter Firth). Diese denkbar ausgeleiherte Figurenkonstellation lockt natürlich noch kein Kind von der Videokonsole weg, so daß sie nur schmückendes Beiwerk zur tricktechnischen Hauptattraktion des hyperintelligenten Gorillas darstellt. Fast wundert man sich, daß 'Joe', der stets die menschlichen Absichten zu verstehen scheint, nicht auch noch zu reden anfängt, was die Parabel zur Fabel gemacht hätte. Aber man will die Kinder ja nicht annehmen lassen, daß Gorillas wirklich sprechen können, sondern individualisiert und personifiziert den Gorilla soweit, bis er weder ganz Mensch noch nur Gorilla ist, vielmehr ethisch-biologisches Bindeglied zwischen Mensch und Tier. Darwin hätte vor Freude Tränen vergossen. Underwoods und Disneys Intentionen geben sich jedoch mit der Provokation von Kindertränen zufrieden - es gelingt, der Gorilla wirkt zum Heulen unschuldig und voll menschlicher Leidenskraft, primär tricktechnisch-animatorisch perfekt umgesetzt.

Wo der 'dramaturgische' Hintergrund einen denkbar geduldsstrapazierenden Ablauf aufweist, kann somit die Affenshow Boden gutmachen. Es ist erstaunlich, mit welcher Sorgfalt und Qualität der 4 Meter hohe Primat regelrecht authentisch umgesetzt wird. Die Größe imposant, die Bewegungen und der 'Gorillahabitus' naturalistisch eingefangen. Besonders perfekt arbeitet die affige Illusion, wenn der Zuschauer nicht nur meint, einen wirklichen Gigantoaffen agieren zu sehen, sondern schon allein nicht mehr zwischen Computeranimation und Modell differenzieren kann. Beides wird ausgiebig genutzt und stets ist der Miniatur-King Kong perfekt plastisch ins Bild kopiert - eine affig überzeugende Illusion. Speziell die Sequenz, in der -eine Reminiszenz an Jurassic Park 2 - O' Hara und andere mit Jeeps hinter dem flüchtenden Affen hinterherjagen, ist bravourös realisiert. Story pfui, Technik hui? 'Mein großer Freund Joe', im Original 'Der mächtige Joe Young' ist durch den deutschen Filmtitel noch explizit kinderkompatibeler gemacht und darf letztlich nicht aus der kritischen Perspektive eines Erwachsenen gewertet werden. Für Kinder ist er passabel spannend, noch nicht ganz als dämlich konstruiert empfunden und sicherlich mitreißend genug. Die Affenspezies ist geradzu zum Sympathieträger prädestiniert, die ihr ans Leder wollenden Wilderer so vorbildlich hassenswert.

Kann man Disney also die kalkulierte Emotionalität nicht zur Last legen, so ist jedoch die Plagiatur der Inspiratoren 'King Kong' und 'Gorillas im Nebel' schon eine Frechheit. Der Affe ist zwar kein Opfer der hollywoodschen Gigantomatietendenz im Godzillaformat (denn irgendwo niedlich bleiben muß er ja), aber Zentrum eines ausladenden Klauens, das Disney verstärkt dem Verdacht der schnellen Geldmache mit möglichst wenig erfinderischem Bemühen aussetzt. Denn nicht nur King Kong wird miniaturisiert, sondern beinahe die gesamten Faktoren der 'Legende' werden frei kopiert: Export des Gorillas nach Amerika, der Konflikt von ökonomischen Interessen und 'Humanität' - am Hemmungslosesten wird jedoch in der Figur der Jill Young geklaut, die wie ein Versandhausmodell für Bademode aussehend im afrikanischen Busch köstlich deplaziert wirkt, und nicht von ungefähr gewählt ist. Seit 'King Kong' und der legendären Diane Fossey gehören vornehmlich hübsche Frauen zum Filmaffen wie die Banane, wobei hier Charlize Theron exemplarisch hübsch und - eminent wichtig - blond ist. Es reicht nun nicht, daß sie in ihrer unantastbaren naturgebundenen Schönheit dem Affen zugeschrieben wird; nein, der ganze Streifen ist zudem noch von einer latenten (Freud läßt grüßen) erotischen Konkurrenzkonstellation und Potenzphantasien durchzogen. Die weiße, irgendwie jungfräuliche Frau hat ihre Zuneigung allein dem mächtig maskulinem Affen verschrieben, während Bill Paxton als Gregg O'Hara vor Neid erblaßt, bis er dem skeptisch eifersüchtigen Menschenaffen doch noch die Braut entlocken kann. Vielleicht überspitzt interpretiert, dem Film aber durchaus auf zweiter Ebene implizit. Auf der Ebene der Unterhaltung reicht es für die Kleinen, die Eltern sollten gerade wegen des unerträglich theatralisch stereotypischen Endes die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Insgesamt ein inhaltlich kleptomanisches, fürs Kinderkino ausreichend routiniertes Märchenkino mit tollen Effekten.

Klappe zu, Affe tot: witzlose Disneymoral und filmische Nachäffung mit bemerkenswerter Tricktechnik


Flemming Schock