American Dreamz - Alles nur Show
(American Dreamz)

USA, 107min
R:Paul Weitz
B:Paul Weitz
D:Hugh Grant,
Dennis Quaid,
Mandy Moore,
Marcia Gay Harden,
Chris Klein
L:IMDb
„So to what degree is this country culpable for its actions? Are Americans to blame for America?”
Inhalt
Am Morgen seiner Wiederwahl beschließt Präsident Staton (Dennis Quaid) etwas richtig Außergewöhnliches zu tun: Er liest die Zeitung. Schließlich ist er in der letzten Legislaturperiode einfach nicht dazu gekommen. Ungefiltert prasseln die Informationen auf ihn ein und zertrümmern sein Schwarz/Weiß-Western-Weltbild. Um der Sinnkrise seines Chefs Herr zu werden, sieht Stabschef Wally Brown (Willem Dafoe) nur eine Lösung: Er muss zurück ins Rampenlicht, und so wird er Mitglied der „American-Dreamz“-Jury, der berühmtesten Pop-Star-Show des Landes. Dort trifft er auf jede Menge Wanna-Be-Sternchen und einen mutmaßlichen Attentäter. Die Show kann beginnen.
Kurzkommentar
Mit „American Dreamz“ beweist Paul Weitz ein weiteres Mal sicheres inszenatorisches Geschick auf komödiantischem Terrain, das auch seine bisherigen Publikumserfolge („American Pie“, der oscarnominierte „About a Boy“) auszeichnete. Satirische Ansätze, die durch einige brisante Verknüpfungen interessante Fragen aufwerfen, erstickt er dagegen hastig.
Kritik
Gleich zu Beginn wird der ganz große Bogen geschlagen: Vom luxuriösen Heim des selbstverliebten Erfolgsmoderators Martin Tweed (Hugh Grant) über das Weiße Haus, wo der frisch wiedergewählte Präsident (Dennis Quaid) sich eine wohlverdiente Auszeit im Pyjama nimmt, ins nahöstliche Rekrutierungscamp, wo terroristische Azubis, unter ihnen der sanftmütige Musicalfan Omer (Sam Golzari), kamerawirksam für das Propagandavideo trainieren. Der gemeinsame Nenner, auf den sich Showgeschäft, Politik und Terrorismus bringen lassen, ist das Image, das kreiert, benutzt beziehungsweise zerstört werden soll. Die Moral: Das Volk wählt – mit großem Enthusiasmus beziehungsweise nachlassendem Interesse – die kulturellen Showgrößen seines Landes mittlerweile ebenso wie die politischen, und hat die Resultate demnach selbst zu verantworten, auch wenn sie unerfreulich sind. Wer sich hinterher wehleidig beklagt, war ohnehin meistens selbst Schuld. Der Haken: Bekommt das Land folglich auch den Terrorismus, den es verdient?

Nun könnte man meinen, dass es sich bei den Unwägbarkeiten der amerikanischen Politik und den abstrusen Auswüchsen zeitgenössischer Fernsehunterhaltung bereits in ausreichendem Maße um Realsatire handelt, welche den Bedarf an Spott bereits deckt. In der Tat handelt es sich bei den Egomanen der beiden Branchen um mehr als dankbare Ziele. Hugh Grant gibt das zynische Ekel, einen Erfolgsmenschen, der allerdings nur scheinbar selbstzufrieden ist, in Anlehnung an Simon Cowell, der als einer von drei Juroren der eigentliche „Star“ des amerikanischen Castingwahnursprungs „American Idol“ ist. Der Grad an Selbstreflexion, den Grants Charakter offenbart, ist Cowell – und wo wir schon dabei sind, seinem deutschen Pendant Bohlen – wohl eher zu wünschen, als zuzutrauen. Dennis Quaid erwacht als Präsident Staton aus einem tumben Dämmerzustand und begibt sich auf literarische Entdeckungsreise. Dabei steht ihm ein besorgt umtriebiger Willem Dafoe zur Seite, dessen Stabschef des Weißen Hauses augenscheinlich an den derzeitigen Vizepräsidenten Dick Cheney angelehnt ist. Dafoe anzusehen ist schon ein Vergnügen, umso besser, dass das Zusammenspiel mit Dennis Quaid so launig ist. In der ständigen Sorge um die kontrollierbare Performanz seines Schützlings klingt das Verhältnis zwischen Manager-Mutter und Casting-Kandidatin durch: Mandy Moore, selbst eine Vertreterin der fragwürdig universalbegabten Sänger-Schauspieler-Riege, spielt das angehende Popsternchen Sally allerdings in überzeugender Manier, glaubhaft ausgewogen zwischen schönem Schein und hässlichem Sein.

Bei diesen Charakteren handelt es sich um derart offensichtliche Karikaturen, dass sich niemand ernstlich auf den Schlips getreten fühlen dürfte. Auch wenn man anmerken muss, dass Weitz’ Drehbuch durchaus Sinn für Boshaftigkeiten hat, sorgt es vor allem für heitere Konsenslacher. Darüber verliert es die eingangs angeschnittene Problematik aus dem Blickfeld und die interessanteren, weil heikleren Figuren kommen zu kurz: Der ideologisch ungefestigte Omer, der alsbald den Verheißungen des klassischen „American Dream“ – vom Tellerwäscher zum Millionär – erliegt, sowie Sallys Vorzeigefreund William (Chris Klein), der, mit umgekehrten Vorzeichen, vor dem Scherbenhaufen seines Traums stehend, eine ideologische Kehrtwende vollzieht. Besitzt dieser Rollentausch bereits wirkliches satirisches Potential, kommt noch hinzu, dass William, in einer gelungenen Parallele zur Schnellkarriere seiner Angebeteten, eingezogen, „an der Front“ verwundet und als Kriegsheld gefeiert wird – fertig ist die „Instant-Karriere“, Geschmacksrichtung Armee.

Leider geht Weitz vorwiegend auf Nummer Sicher und konzentriert sich auf die Reißbrettkarikaturen Martin, Sally und Staton. Letztere verkörpert gewissermaßen Weitz’ Vorgehensweise: Von Zeit zu Zeit driftet die glasklare Parodie des derzeitigen Amtsinhabers – inklusive Seitenhieben auf Alkoholismus, Vaterkomplex und den „ferngesteuerten“ Präsidenten – in irritierenden Klamauk ab. Quaid weckt hier Erinnerungen an Leslie Nielsen, trägt die Rolle aber insgesamt mit Hilfe einer sonderbaren Liebenswürdigkeit. Weitz überzieht seine Pointen mit charmantem Zuckerguss und das bekommt dem Zuseher nicht gut. Es erweckt eher den Eindruck, ihm fehlte der Mut, das Risiko einzugehen, jemanden wirklich vor den Kopf zu stoßen. Ebenso vielsagend ist Mandy Moores herziger Soundtrackbeitrag, der, über eine hübsch beiläufige Montage mit Werbespotqualität gelegt, tatsächlich vollständig ausgespielt wird. Ob das nun auf Weitz’ kreatives Bemühen um Stimmungsvielfalt oder auf Vertragspoker in Hollywoods Studiopolitik zurückzuführen ist, sei dahingestellt. Eins steht jedoch fest: Einen solchen Bruch der ätzenden Stimmung würde sich keine aufrechte Satire erlauben.

Die verquere Gewichtung von Oberfläche und Inhalt, von Profanität und Substanz, die Korrumpierung des „American Dream“, die manipulative Realitätsferne des paradox betitelten „Reality-TV“, die Karrieregeilheit einer egozentrischen „Celebrity“-Kultur, die Übertragung des „Image“-Schaulaufens á la „American Idol“ auf das politische Tagesgeschäft – das sind aussagekräftige Motive, die allerdings vor allem verdeutlichen, dass sich Weitz freiwillig den Zahn zieht. Wenn am Schluss doch noch jeder auf seine Art und Weise Erfüllung erfährt, ist klar, dass er den „American Dream“ zu sehr liebt, um mit ihm abzurechnen. „The show must go on.“

So endet Weitz’ Komödie im satirischen Spitzenhemd auf einer Wohlfühlnote, die dem Publikum letztlich das Nachdenken erspart. Wer es zotiger mag, sollte sich „Team America“ zu Gemüte führen, der mit einem aufrechten Bekenntnis zur „political incorrectness“ alle Register der Geschmacksfreiheit zieht, ohne Niveaufragen zu stellen. Wer es subversiv-suggestiv mag, dem sei „Wag the Dog“ empfohlen. Satire funktioniert, wenn sie das Unvorstellbare plausibel macht. Weitz macht das Offensichtliche unterhaltsam. Lediglich, nur, schade könnte man sagen, man kann aber auch anerkennen, dass „American Dreamz“ absolut kurzweilige Unterhaltung bietet.

Unterhaltsame Popkomödie, die mit satirischen Zwischentönen lästert, ohne weh zu tun.


Reinhard Prosch