Flug 93
(United 93)

USA, 111min
R:Paul Greengrass
B:Paul Greengrass
D:Lewis Alsamari,
JJ Johnson,
Gary Commock,
Trish Gates,
Polly Adams
L:IMDb
„This is real-world. This is real-world.”
Inhalt
Am 11. September 2001 wurde die Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Zwei von vier entführten Flugzeuge schlugen ins World Trade Center, eines zerstörte Teile des Pentagons, während das letzte sein Ziel nicht erreichte. „Flug 93" schildert in Echtzeit die Ereignisse an Bord dieses Flugzeuges.
Kurzkommentar
„Flug 93“ ist ein billiger, ein schamloser Film. Ihn ausbeuterisch zu nennen, ist ein Euphemismus erster Güte. Filmisch ist er höchst uninteressant; wie so häufig sind die Reaktionen auf ihn das einzige, was ihm Aufmerksamkeit sichert. In seinem Bewusstsein hingegen, den Zuschauer über die schärfste emotionale Ausbeutung zur Auseinandersetzung zu zwingen, liegt ein kleiner Skandal. Das macht ihn ehrlicher als die meisten Hollywoodfilme, künstlerisch aber keineswegs reizvoller.
Kritik
Das Tanken ist ein zentrales Motiv des Films und eine der wenigen Stellen, an denen er sich an einer künstlerischen Durchdringung des Stoffes versucht. Wir sehen die Boeing 757, dieses elegante Boot der Lüfte, und wie sein Durst nach Kerosin gestillt wird, wie es sich ein letztes Mal stärken darf, gewissermaßen an der Brust der Mutter Flughafen. Und wie es dann die mütterliche Nestwärme verlassen muss, um in den Krieg zu ziehen und eben nicht mehr wiederzukehren. Greengrass lässt keinen Zweifel daran, dass „wir alle“ dieses unschuldige Baby sind, das spätestens am 11.09.2001 von der mütterlichen Brust lassen musste, um mit der harschen Realität konfrontiert zu werden. Und uns zu entscheiden: „Do we hope this all turns out okay, or do we fight back?“ Auch daher das Motiv des Tankens: welcher Art ist unser Treibstoff?

Ein pathetisches Motiv, das Greengrass wählt, aber doch eines, das Interesse weckt. Und Erwartungen. Die Antworten, mit denen er aufwartet, – oder vielmehr: das Angebot an Fragen – erweist sich hingegen als äußerst dürftig. „Flug 93“ ist einer jener Filme, die die Aufregung, die sie provozierten („Ist es zu früh für diesen Film?“), kaum wert sind. Er fühlt sich im Grunde an wie Mel Gibsons „Passion Christi“: nackte Bebilderung hinlänglich bekannter Information, ideell und künstlerisch schwachbrüstig bis fragwürdig. Ein Film für experimentiermüde Masochisten: man geht hin, um das zu sehen, was man erwartet – mit der pikanten Note, dass das alles ziemlich grausam ist. Oder auch wie „Der Untergang“: emotionale Ausbeutung eines historischen Moments, der im Grunde für sich spricht, künstlerischer Nährwert gegen Null tendierend.

„Flug 93“ scheitert, weil seine Ausgangsidee allein die Rekonstruktion ist. Weil er glaubt, schon das Zusammensetzen von Fakten bedeute ein reizvolles Sujet. Weil er Faktentreue und „penible Recherche“ zur Legitimation verwendet und schnellstens als Schild gegen vermeintliche Angreifer zur Hand hat. Das heißt nicht, dass er verlogen wäre, im Gegenteil: er ist ehrlicher als die meisten Filme. Ein geradliniger, handwerklich kompetenter Strom aus verwirrten Gesichtern, überlagerten Tonspuren, unruhiger Handkamera und einem omnipräsenten Gefühl der Konfusion. Darin ist Greengrass wirklich gut; diese handwerkliche Seite der Inszenierung ist tadellos. Aber man schüttelt doch ein wenig mit dem Kopf, wenn er verteidigend zu Protokoll gibt: „If the film I make has power and truthfulness it will justify itself to its audiences“. Schon das Wort „rechtfertigen“ ist ja verdächtig und dass er sich auf die emotionale Überwältigung stützt geradezu programmatisch.

Man könnte sagen, dass das die eigentliche Qualität von „Flug 93“ ist, sein kleiner Skandal: indem er auf die übertriebene Gestik und das übliche Pathos des rekonstruierenden Hollywoodfilms verzichtet, aber ja dennoch dessen emotionale Wucht aufweist, entlarvt er unmittelbar deren verlogene Stilistik. Ganz ohne Kranfahrten, James Horner-Musik, witzelnde Nebencharaktere oder prophetische Dialoge, die davon künden, was der Zuschauer bereits weiß, gelingt „Flug 93“ das konstante, flaumige Gefühl in der Magengegend, dieses überwältigend-fatalistische Gefühl der Unabänderbarkeit des Schicksals. Eine „Titanic“ der Lüfte. Aber auch die asketische, bildungsbürgerkompatible Variante eines Bruckheimer-Films.

Fantastisch jedenfalls, wie er bislang reihenweise die Bigotterie der amerikanischen Filmkritik entlarvte. Das Lesen etlicher US-Rezensionen zu „Flug 93“ gibt sich wie eine Reise durch den Klischeewald amerikanischen Journalismus. Roger Ebert schreibt etwa: „This is a masterful and heartbreaking film, and it does honor to the memory of the victims”. Entschuldigung, aber so ein Satz ist purer Zynismus. So ein Satz kann nur von einem Kritiker stammen, der ansonsten nur noch viel verlogenere, falschere Filme über vermeintliche Ehrerweisungen zu Gesicht bekommt und bereits in eine Eloge verfällt, nur weil die ganz grundlegenden Fehler nun einmal nicht gemacht wurden. So ein Satz zeigt das traurige Maß, das sich in der (nicht nur amerikanischen) Filmkritik etabliert hat, wenn es um die Sezierung des moralischen Kerns moderner Filme geht.

Und Ebert weiter: „When the controllers in the LaGuardia tower see the second airplane crash into the World Trade Center, they recoil with shock and horror, and that moment in the film seems as real as it seemed to me on Sept. 11, 2001“. Auch das ist aber im Grunde ein Negativargument: all das Lob, das der Film für seinen unerbittlichen „Realismus“, für seinen Verzicht auf die übliche Hollywoodgrammatik, einfährt, entlarvt nur die etablierten Mechanismen des (amerikanischen) Kinos, in denen immer alles breitgetreten und erklärt, nie etwas offen gelassen wird. Und man muss klar festhalten: die Erinnerung an die Wucht der Angriffe vom 11. September ist bereits so erschütternd, Greengrass hätte sich schon ziemlich dumm anstellen müssen, ihre emotionale Tragweite nicht annähernd zu erfassen. Mir scheint, hier wird zwischen Realität und Film einfach keine Trennung vollzogen: der profunde Eindruck, den die Angriffe bei jedem hinterließen, wird als Qualität des Films ausgelegt.

Auch Mick LaSalle vom San Francisco Chronicle lässt etwas an seinem Verstand zweifeln: „Not only do the terrorists not deserve the dignity of being humanized in art, but any speculation, limited by the demand that art should make sense, is bound to be inaccurate. Do we really need to see one terrorist who might be a little nicer than the three others?” Abgesehen davon, dass ich die Beobachtung für falsch halte, ein Terrorist sei „netter“ als die anderen – es ist viel mehr so, dass die Inszenierung lediglich verschiedene Grade der Entschlossenheit (und damit des Zweifels) zwischen ihnen offenbart – wundert man sich doch sehr über LaSalle’s Kunstverständnis, wenn er Film als Gerichtssaal auffasst, in dem Terroristen die Menschenwürde aberkannt werden sollte. Hier offenbart sich allenfalls LaSalle’s reaktionärer Kern.

Betrachtet man „Flug 93“, ist man kurz geneigt, an die Filme Bressons oder der Dardennes zu denken: über die Befreiung des Films von seinem formalistischen Ballast; die Konstruktion der Katharsis mit den Mitteln des Realismus. Und doch könnten sich die Ergebnisse kaum deutlicher unterscheiden. Während Bresson oder die Dardennes der Realität gerade ihre Vielfältigkeit wiedergeben möchten, bewirkt Greengrass’ Ästhetik das Gegenteil: sein Film schreibt sich in das Gedächtnis der Zuschauer ein als definitiver Ablauf des Geschehens. „So ist es gewesen“, legitimiert durch die gebetsmühlenartige Wiederholung der Marketingabteilung, wie präzise sich der Film an die gesicherten Fakten hält. Gewiss, Greengrass’ Realismus ist nicht formalistisch, nicht prätentiös, wirkt nicht eitel. Er führt das amerikanische Heldenkino gar auf eine Bodenständigkeit zurück, die eben vielen Zuschauern und Kritikern die Augen öffnete. Dass dieser Ansatz hingegen nicht als Selbstverständlichkeit aufgefasst wird, ist die eigentliche Traurigkeit, die die Rezeptionsgeschichte von „Flug 93“ offenbart. Insofern hat der Film ein wenig über unsere Zeit und noch ein wenig mehr über das westliche (Film-)Kunstverständnis zu sagen.

Kurzsichtige Auseinandersetzung mit den Anschlägen auf Amerika


Thomas Schlömer