Soweit die Füße tragen

Deutschland, 158min
R:Hardy Martins
B:Martin Josef Bauer,Bastian Clevé, Hardy Martins, Bernd Schwamm
D:Bernhard Bettermann,
Michael Mendl,
Irina Pantaeva,
Iris Böhm
L:IMDb
„Es gibt keinen unabänderlichen Schmerz - nur andauernde Hoffnung.”
Inhalt
Im Herbst 1945 wird der deutsche Oberleutnant Clemens Forell (Berhard Bettermann) von den Sowjets gefangengesetzt und zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach einem Jahr Fußmarsch erreicht er im Herbst 1946 ein Lager am sibirischen Ostkap, Kap Deschnew, das weder Stacheldraht noch Wachtürme hat. Geführt wird es von dem sadistischen Kamenev (Anatoly Kotenyov). 1947 wagt Forell die erste Flucht, die jedoch scheitert. Erst mit Unterstützung des deutschen Lagerarztes Dr. Stauffer (Michael Mendl) gelingt es ihm, in die sibirischen Weiten zu entkommen und das Unglaubliche zu versuchen: Deutschland zu erreichen.
Kurzkommentar
"So weit die Füsse tragen" hätte als spannungsgeladenes Seelendrama mit hoher Symbolkraft nicht nur die Erinnerung der Großväter berühren können. Aber Hardy Martins ("Cascadeur") Remake eines deutschen Fernsehklassikers lahmt an der Oberfläche, taugt weder für psychologische noch gewöhnliche Genrespannung. Bezugslos und undramatisch überzeugt das langatmige Männerabenteuer allein durch prächtige Form und klug besetzte Rollen. Aber vielleicht ist das für deutsche Verhältnisse schon Auszeichnung genug.
Kritik
1954, als noch lange nicht alle Kriegsgefangenen aus den Weiten Russlands zurück waren und noch Zahllose auf Nachricht von ihren Vätern hofften, verfasste Josef Martin Bauer einen Roman, der Hoffnung schürte. "So weit die Füsse tragen" basierte auf der Tatsache eines übermenschlich scheinenden Kraftaktes: die mehrjährige, aber gelungene Flucht des Deutschen Clemens Forell aus einem sibirischen Strafgefangenenlager. Wegen des aktuellen Bezugs verlangte die geschundene deutsche Seele nicht nach einem kritischen Kommentar zur Rolle der Wehrmacht oder des Einzelnen im Wahnsinn des Krieges, interessant war allein das Potential des Durchhalte- und Heldenepos, der existentielle Kampf.

Bald war der Zeitpunkt ideal gewählt, das durch Bestseller und folgendem Hörspiel schon außerordentlich populäre Thema fürs junge deutsche Fernsehen noch weiter auszuweiden. So wurde Fritz Umgelter 1959 mit der Regie des ersten deutschen Fernsehmehrteilers betraut, und das Konzept ging auf. Forells laut Vorlage siebenjährigen, auf der schwarz-weißen Mattscheibe knapp sechsstündigen Überlebenskampf wollten so gut wie alle sehen, ähnlich wie später "Dr. Kimble". Das klassische Muster der Fluchtdramen war vorgegeben, in unzähligen Varianten bis heute meist machoistisch kopiert.

Klar, dass jetzt, wo der deutsche Kinofilm am erfolgreichsten ist, wenn er sich am hiesigen Fernsehmarkt orientiert ("Schuh des Manitu"), eine Neuauflage folgen muss - unter der Regie Hardy Martins, ein ehemaliger Stuntman. Mit seinem 1998er Debüt "Cascadeur" bekleckerte er sich nicht gerade mit Ruhm, und so ist es schleierhaft wie er das für deutsche Verhältnisse recht stattliche Budget von 15 Millionen Mark berappen konnte - das Fünfzehnfache des Budgets von Umgelter. Noch nebulöser ist allerdings die Motivation der Neuverfilmung: hatte das Thema in den Fünfzigern einen brennenden Zeitbezug, so ist in den Köpfen derer, auf die der Film heute als Publikum abzielt, das Leid sowjetischer Kriegsgefangenschaft nicht mehr präsent genug, um mehr als banales Männerdrama zu sein.

"So weit die Füsse tragen" könnte nur schwer als "klassischer" Kriegsfilm begriffen werden. Deswegen nimmt er sich auch die Freiheit, kein Interesse an tieferen Schichten der Geschichte, nicht an Reflexion von Geisteshaltungen zu entwickeln, sondern allein am platten Spannungsgehalt der Flucht. Das mag in Ordnung gehen, aber Martins schon grobes Desinteresse daran, seinen Streifen mit plausiblen Figuren und nicht mit Abziehbildern zu bevölkern, stößt von Beginn an ziemlich übel auf. Da reicht es, dass der unbekannte Berhard Bettermann in der Rolle Forells am Bahnhof im bayerischen Dorfarkadien Mutter und Tochter Lebewohl sagt und schon Filmminuten später von den Russen gefangen und in Sibirien interniert ist.

Der Weg dahin, der Transport der deutschen Soldaten ist zwar ausstattungsmäßig und kameratechnisch überzeugend in Szene gesetzt, aber lieblos stereotyp, allein handwerklich routiniert und nicht den Hauch einer emotionalen Dichte erzeugend. Im Lager angekommen wird das Schablonenprogramm hemmungslos fortgesetzt, was den sadistischen Lagerkommandanten natürlich nicht ausspart. Wacker schlägt sich Bettermann mit bis dato wenigen Sätzen und flüchtet alsbald das Langerklischee. Trotz oder gerade wegen der angeblichen Authentizität des Stoffes schmeckt alles nach aufwendigem B-Movie. So hätte es einen auch völlig kalt gelassen, wenn der blasse Film-Forell nach nur minutenlanger Flucht in sibirischem Weiß entschlafen wäre.

Ein emotionaler, "menschlicher" Gehalt des Geschehens setzt sich nie frei, er erstickt vielmehr unter unfreiwillig komischen Rührszenen und ungeschickter Kontrastbildung von sibirischer Hölle und heimatlichem Paradieskitsch. Aber auch das wäre tragbar gewesen, wenn Martin Mut genug gehabt hätte, mit konventionellen Mitteln einen gepflegten Spannungsbogen zu konstruieren. Etliche andere Genre-Filme, vor allem die "Kimble"-Kopie "Auf der Flucht" mit Harrison Ford, hätten zumindest vom Tempo Vorbild sein können. Martin hingegen verpfeffert die ganze Kohle für elegische wie reizvolle Landschaftsaufnahmen russischer Weite.

Hier, wo jede Anspannung und bald wohl auch historische Realität in Weiß versinkt, bleibt noch Zeit für Entspannung bei einer ätherischen Eskimoschönheit. Die Ethnoidylle ist nun recht pittoresk, aber überstilisiert und unglaubwürdig. Und der böse Lagerkommandant nimmt die Flucht Forells auch selbstverständlich persönlich - abseits der Tatsache, dass täglich Tausende in russischer Gefangenschaft starben und ein Menschenleben nichts zählte - und jagt ihm nach. So inszeniert Martin unfreiwillig komische, weil haarsträubend unwahrscheinliche Begegnungen, und dazwischen kriecht "Soweit die Füsse tragen". Der eindeutige Tiefpunkt ist schließlich das absolut unerklärte Auftauchen des Kommandaten auf der Grenzbrücke sowie dessen hirnverbrannter Schlusssatz im aufgesetzten Finale.

Dass "So weit die Füsse tragen" trotz aller Abgedroschenheit und vergebenen Potentials im Großen doch noch taugt, liegt an der erwähnten Qualität und Intensität der Bilder durch Pavel Lebeshev und an den zwar schwachen, aber bis ins Kleinste gut besetzten Rollen. Es ist nicht des Hauptdarstellers Schuld, dass vom Willensdrama nur wenig durchdringt, dass hier nichts ausgelotet wird und über nackten Schauwert hinausreicht. Positiv wiegt auch, dass problematische Landserromantik überwiegend ausgespart wird und nur selten der Absturz ins Pathos folgt. In Zeiten des Krawallkinos ist erzählerische Ruhe sicher lobenswert, wenn sie aber Langeweile kultiviert und vorhersehbar endet, ja dann ist das deutsche Kino mal wieder formschön und kopflos. Fernsehen ist eben doch besser.

Zu platt, um wahr zu sein: unprätentiöses, langatmiges Heldenepos


Flemming Schock