Silent Hill

Japan / USA / Frankreich, 127min
R:Christophe Gans
B:Roger Avary, Nicolas Boukhrief, Christophe Gans
D:Radha Mitchell,
Laurie Holden,
Sean Bean,
Deborah Kara Unger,
Jodelle Ferland
L:IMDb
„Don’t believe your eyes. Your eyes will lie to you. Faith is the only truth.”
Inhalt
Die junge Mutter Rose kann nicht akzeptieren, dass ihre Tochter Sharon an einer tödlichen Krankheit leidet. Gegen den Willen ihres Mannes flüchtet sie mit der Kleinen, um sie von einem Wunderheiler behandeln zu lassen. Auf dem Weg passieren Mutter und Tochter ein Portal, das sie in eine andere Realität, das unheimliche, verlassene Städtchen Silent Hill, führt. Urplötzlich verschwindet Sharon. Rose folgt darauf dem vermeintlichen Schatten ihrer Tochter kreuz und quer durch die verwahrloste Stadt. Spätestens jetzt wird klar: Dieser Ort ist wie kein anderer. Unter der Herrschaft einer grausamen und todbringenden Dunkelheit sind die wenigen menschlichen Überlebenden in der Stadt gefangen. Zusammen mit Cybil – einer Polizistin, die geschickt wurde, um sie und Sharon zurückzubringen – macht sich Rose auf die Suche nach ihrer Tochter. Während sie mehr über die Geschichte von Silent Hill erfährt, muss Rose feststellen, dass Sharon nur eine kleine Figur in einem übergeordneten Spiel ist. Für das Leben ihres Kindes schließt Rose einen Pakt mit dem Bösen und zahlt dafür einen hohen Preis.
Kurzkommentar
“Silent Hill” ist auf Zelluloid gebrannter Zwiespalt: Einerseits dank fantastischem Look und wirkungsvollem atmosphärischem Grauen unbedingt sehenswert, andererseits von einem übereifrigen Drehbuch und zu langer Laufzeit geplagt. Christophe Gans durchmischt nicht nur Genres, sondern auch die Gefühle des Zuschauers.
Kritik
Die Mobilfunktechnologie wird zur Geißel des Horrorfilms – jeder neue Vertreter des Genres ist zu einer endlosen Rechtfertigung verdammt, weshalb der Einsatz des omnipräsenten Händis gerade im dringlichsten Moment nicht gelingen mag. Soviel als reine Feststellung, denn man sollte besser nicht anfangen, vielleicht gar zu fragen, wieso Familie DaSilva nicht nur direkt neben einem stark befahrenen Highway, sondern auch noch in unmittelbarer Nähe einer höllisch tiefen Klippe lebt; denn Einwände wie diese Spannen den Karren vor den Ochsen. Auch wenn „Silent Hill“ vielleicht nicht durchweg die besten Lösungen für so manches Genredilemma parat hat – immerhin gibt es eine gelungene Erklärung, weshalb Kinder in Horrorfilmen gerne Bilder auf Kunsthochschulniveau malen – sei an dieser Stelle einmal eine Lanze für dramaturgische Requisiten gebrochen: Wer einen Horrorfilm sehen will, muss auch bereit sein, irrationales Verhalten und gar nicht so zufällige Zufälle zu akzeptieren. Ohne falsche Abzweigung keine Geschichte.

Dazu zählt zwar ebenfalls die Prämisse einer Mutter auf der Suche nach der vermissten Tochter. Und doch muss man hier kritisch einhaken. Im Spiel mag diese Konstellation auf packende Art und Weise funktionieren, weil man das Geschehen aus einer subjektiven, sprich: aktiv handelnden Perspektive heraus verfolgt. Im Spiel suchen wir selbst, folgen Hinweis auf Hinweis. Im Film dagegen fehlt dieser aktive Aspekt und wenn sie nicht anderweitig gebunden wird, kann die Aufmerksamkeit des Zusehers schnell abschweifen. Gerade wenn die Suche dann noch so übermäßig lang ausfällt wie im ersten Drittel von „Silent Hill“, stellt sich der gewünschte Effekt erst recht spärlich ein. Natürlich läuft Rose (Radha Mitchell) notgedrungen in jede sich auftuende dunkle Ecke; das ändert nichts daran, dass wir wissen, dass dieses Katz-und-Maus-Spiel zuallererst der Inszenierung schauriger Alptraumszenarien dient. So schaurig-schön diese auch sein mögen – und das sind sie – bei der Eintönigkeit dieses Ablaufs wird ein Spannungsaufbau ohne emotionale Einbindung eher unwahrscheinlich. Im Falle von „Silent Hill“ beginnt man zu zählen, wie oft Rose nach ihrer Tochter ruft. Eine charakterliche Vertiefung der Mutter-Tochter-Beziehung, wie sie beispielsweise in „Dark Water“ vollzogen wird, wäre eine echte Bereicherung gewesen.

Stattdessen verlegt sich Roger Avarys Drehbuch auf das Kontrastieren von vier (!) verschiedenen Zeitebenen und besetzt dabei die junge Jodelle Ferland gleich dreifach (!). Auch wenn sie diese Herausforderung ordentlich meistert – in der Dosierung dieser Komplexität haben Gans und Avary zuviel des Guten erwischt. Die Plotsuppe ist versalzen. Man müht sich redlich, die Fäden zu einem tragenden Geflecht zu verweben, man müht sich vergeblich. Und wird dabei den Verdacht nicht los, dass es daran liegt, dass man das Spiel nicht kennt. Eine Adaption sollte imstande sein, unabhängig von ihrer Vorlage zu funktionieren. Dass „Silent Hill“ diese Art von Eigenständigkeit besitzt, darf somit arg bezweifelt werden.

Die Art und Weise, wie das Drehbuch mit der Polizistin Cybil (Laurie Holden) umgeht, steht stellvertretend für den geringen Grad an charakterisierender Schärfe, den die Figuren erfahren. SPOILERWARNUNG In einigen Nebensätzen erzählt Officer Gucci (Kim Coates) eine Anekdote über Cybils Heldenmut, der ihrem späteren Flammentod eine tragische Dimension verleihen soll. SPOILER ENDE Dass die zugehörigen Bilder ihre Wirkung nicht verfehlen, sei hiermit gewiss nicht angezweifelt; um dem Zuschauer das Gefühl eines schmerzlichen Verlustes zu bereiten, ist das jedoch nicht genug. Sean Beans Charakter, der einer geringfügigen Abwandlung seiner Rolle in „The Dark“ entspricht, ist fast überflüssig. Seine Bemühungen verlaufen ohne sichtbaren Erfolg im Sand, treiben den Film ein ums andere Mal ins eingangs erwähnte Händidilemma und fressen letztlich vor allem Laufzeit. Seine einzige Existenzberechtigung liegt in der Ermöglichung der – wiederum gelungenen – Schlusssequenz, in deren Ambivalenz die japanischen Ursprünge des Originalmaterials zu Tage treten. Wegen der geringen Kohärenz des Drehbuchs könnte „Silent Hill“ nun angesichts der großen Präsenz des asiatischen Horrors in den letzten Jahren wie ein Trittbrettfahrer wirken, dem noch schnell eine populäre Zutat beigefügt wurde. Dabei gehört ausgerechnet das Spiel zu den Mitbegründern dieses Trends.

Wenn die Kritik nun bis hierhin so ernüchternd ausfällt, dann vor allem, weil die Enttäuschung groß ist: „Silent Hill“ ist im Grunde ein überdurchschnittlicher Horrorfilm, der mit einem gestrafften Drehbuch sehr viel mehr vermocht hätte, als nur phasenweise zu packen. Gans ist ein versierter „Stimmungsmacher“, er bedient sich der ganzen Palette visueller Effekte und doch sind es die Bildkompositionen, die beeindrucken. Eine Gestalt wie der infernalische Folterknecht „Red Pyramid“ verströmt einschüchterndes Charisma, seine Auftritte inmitten von klassisch physischen Höllenszenarien gehören zu den Höhepunkten des Films. Ein großartiges Sounddesign kulminiert im Klang der Sirene, welche so unheilvoll-ominös dröhnt wie kaum ein Signalton seit der „Zeitmaschine“ (1960, nicht 2002!). Wenn in der Auflösung inmitten eines Faustisch anmutenden Pakts surreale Erinnerungen an Clive Barkers „Hellraiser“ wach werden, erreicht „Silent Hill“ die schaurige Qualität einer Symphonie des Grauens und Gans inszeniert mit Wonne das Prinzip „gerechte Rache.“

Kollege Thomas sprach vor mittlerweile vier Jahren - als hätte er es geahnt – unter anderem den latenten Videospielcharakter von Christophe Gans’ „Pakt der Wölfe“ an, um zu verdeutlichen, an welchen Stellen zuviel des Guten zum Einsatz kam. Gans ist nun gewissermaßen angetreten, um den Ruf der Videospieladaptionen aus den sagenhaften Trash-Untiefen von beispielsweise „Doom“ oder „Alone in the Dark“ emporzuheben. Angesichts der bisherigen Resultate liegt die Messlatte also nicht besonders hoch und der Franzose macht sich die Aufgabe alles andere als leicht. Seine Film ist die erste Adaption, die ein Publikum über die Grenzen der Zielgruppe hinaus anvisiert. Paradoxerweise liegt ausgerechnet darin ein Problem des Films: Ähnlich wie Gans’ Vorgängerfilm trägt „Silent Hill“ viel Ballast mit sich herum, der den Gesamteindruck trübt – wer kein Fan des Spiels ist, dürfte sich erschlagen fühlen.

“Silent Hill” ist die bislang beste Leinwandadaption eines Spielehits – eine Feststellung, die jedoch angesichts der Resultate bisheriger Verfilmungsbemühungen relativiert wird.


Reinhard Prosch